Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi tritt zurück. Die Erleichterung ist wohl auch bei Investoren gross?

Marco Valli:
Die Beendigung der politischen Streitereien ist der Glaubwürdigkeit Italiens sicher zuträglich. Am Markt herrscht die Meinung vor, dass die bisherige Regierung die nötigen Reformen nicht forsch genug vorangetrieben hat.

Aber es darf bezweifelt werden, dass die Opposition da nun energischer vorangeht.

Tatsächlich ist das Reformprogramm der Sozialdemokraten unscharf. Vorgezogene Neuwahlen würden deshalb am Finanzmarkt eher negativ aufgenommen. Ein bessere Lösung wäre wohl eine Übergangsregierung mit einem Technokraten von gutem Ruf an der Spitze.

Ein Mann wie der ehemalige EU-Kommissar Mario Monti?

Ich möchte nicht auf bestimmte Namen spekulieren. Aber es brauchte sicher eine möglichst neutrale Figur, um die Zustimmung der verschiedenen Fraktionen zu Reformen zu gewinnen.

Was wären denn die drängendsten Aufgaben der neuen Regierung?

Die von der EU geforderte Agenda ist ziemlich klar umrissen, eine neue Regierung müsste sie nun möglichst rasch umsetzen. Besonders wichtig sind Strukturreformen, ein Liberalisierung des italienischen Marktes, eine Lockerung der Arbeitsgesetze und eine Rentenreform.

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Ist diese Agenda nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Um das Reformpaket auch den Mitte-links-Parteien schmackhaft zu machen, müsste es wohl um eine Reichensteuer und Steuererleichterungen für tiefere Einkommen ergänzt werden. Ein solches Rezept wäre sozial erstrebenswert und würde auch das Wachstum fördern.

Bis wann könnten die Reformen denn umgesetzt werden?

Mit einer neuen Regierung könnte das Paket 2012 angepackt werden. Somit hätte Italien ein Jahr Zeit für die Umsetzung bis zu den Wahlen im Jahr 2013.

Doch die Zeit drängt. Die Renditen auf italienischen Staatsanleihen haben ein Rekordhoch erreicht. Wie lange kann die Europäische Zentralbank (EZB) noch mit Käufen die Aufschläge drücken?

Solange Italien in einer Liquiditätskrise steckt, kauft die EZB Anleihen. Gleichzeitig hat die Zentralbank klargemacht, dass sie das nicht ewig tun wird. Darum sind die Reformen so dringend.

Läuft es für Italien nicht am Ende auf einen Schuldenschnitt wie bei Griechenland hinaus?

Italien hat Schwierigkeiten mit seiner Glaubwürdigkeit und Liquidität – aber das Land ist solvent. Ein Schuldenschnitt wäre ein absolutes Schreckensszenario und könnte zu einem globalen Schock für die Finanzmärkte führen.

Die Märkte spekulieren über einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Was wären die Folgen für Italien?

Ich glaube nicht, dass Griechenland den Euro fallen lässt. Die Konsequenzen wären zu schwerwiegend. Zudem stiegen nach einem solchen Schritt auch die Ansteckungsrisiken, weil die Investoren dann gegen die anderen schwachen Länder in der Euro-Zone wetten würden.

Auf jeden Fall ein schwieriges Umfeld für die Einheitswährung. Damit nimmt der Aufwertungsdruck auf den Franken doch noch zu?

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Die Schweizerische Nationalbank hat gezeigt, dass sie ihr Kursziel für den Euro mit relativ wenig Mitteln verteidigen kann. Verschlimmert sich die Krise, müsste die SNB aber in viel grösserem Rahmen Euro gegen Franken kaufen.

Wo gibt es denn in diesem Umfeld noch sichere Häfen?

Der Franken, Gold und deutsche Staatsanleihen gelten als sicher. Das gilt derzeit auch für amerikanische und britische Staatspapiere – doch diese könnten wegen der hohen Verschuldung der beiden Länder längerfristig leiden.