1. Home
  2. Invest
  3. Turbelente Wochen in der Politik

Politik
Italien, Spanien und die USA sorgen für Aufregung

Conte
Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte: Seit den Parlamentswahlen im März gibt es viel Unruhe. Quelle: Keystone

Turbulenzen in Italien und Spanien, Handelsspannungen und unerwartet starke US-Beschäftigungsdaten: Die Märkte reagieren.

Von Wolfgang Bauer
am 16.06.2018

Es lohnt sich einen Schritt zurückzugehen und zu überlegen. Hier sind drei Lektionen, die ich letzte Woche mitgenommen habe:

1) Stimmungsumschwünge können brutal sein

Politische Risiken in der europäischen Peripherie sind real. Dies ist eine Aussage, die jetzt vielleicht trivial klingt. Aber wir dürfen nicht vergessen, wie viel Optimismus es bis vor kurzem gegeben hat. Nach der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen Ende April 2017 hatte sich das Niveau des fünfjährigen Credit Default Swaps (CDS) in Italien im Wesentlichen nur in eine Richtung bewegt – von knapp 200 Basispunkten auf rund 100 Basispunkte. Das deutet darauf hin, dass der Markt das Kreditrisiko für italienische Staatsanleihen als deutlich geringer eingeschätzt hat. Auch die Verunsicherung durch das Ergebnis der italienischen Parlamentswahlen Anfang März 2018 hat an der konstruktiven Marktstimmung nichts geändert. Ende April und Anfang Mai, als die Credit Spreads von Unternehmensanleihen bereits weiter anstiegen, stiegen die italienischen CDS-Kontrakte weiter auf rund 85 Basispunkte. 

Erst als die 5-Sterne/Lega-Koalition Gestalt annahm und sich die Anti-Euro-Rhetorik durchsetzte, kehrte die Marktstimmung stark um und wechselte in den «Risk-Off»-Modus. Dadurch stieg das italienische CDS-Niveau auf rund 290 Basispunkte. Um dies in Zusammenhang zu bringen, wies der Markt Italien Mitte letzter Woche ein höheres Kreditrisiko für Staatsanleihen als viele Schwellenländer wie die Türkei und Brasilien aus. Das zeigt, wie gewalttätig Marktbewegungen sein können, wenn sich die Stimmung abrupt ändert. 

Für aktive Anleger können diese Episoden erhöhter Volatilität jedoch interessante Chancen bieten. Der bärische Ton der letzten Woche breitete sich schnell von den italienischen Vermögenswerten auf andere Teile des Marktes aus, da man sich wahllos dem Risiko entzog. Europäische Finanzwerte und höherwertige Wertpapiere, wie z.B. Corporate Hybrids, gerieten unter Druck und boten attraktive Einstiegsmöglichkeiten. 

2) Renditekorrelationen von Bedeutung

Die letzten Tage waren ein Lehrbuchbeispiel für die Renditekorrelationen bei der Arbeit. Vor allem italienische Staatsanleihen (BTPs) und deutsche Bundesanleihen haben sich wie polare Gegensätze verhalten. Als die italienischen BTP-Renditen in der vergangenen Woche, getrieben von der Angst vor Neuwahlen und weiteren Gewinnen für Anti-Euro-Lega, sprunghaft anstiegen, wurden die deutschen Bundesanleihen ihrem «Safe Haven»-Image gerecht. Ihre Renditen brachen ein und profitierten von den Impulsen des Marktes «Flucht in die Qualität». Als sich die italienische Regierung schliesslich bildete, wurde die BTP-Rallye durch steigende Bundrenditen aufgefangen. 

Für jeden Anleger, der sich über die Volatilität und Kursrückgänge des Portfolios Gedanken macht, sind diese Korrelationsmuster von Bedeutung. So unattraktiv Bundesanleihen – und damit auch andere Core-Staatsanleihen – aus einer reinen Renditeperspektive auch sein mögen, so wertvoll können sie doch in Zeiten gewaltsamer «risk off»-Marktbewegungen sein.

Vor dem Hintergrund anhaltend robuster (ausreichender) wirtschaftlicher Fundamentaldaten und Ausfallraten von Unternehmen nahe Null sehe ich nach wie vor Wert in Risikoaktiva wie Investment-Grade-Krediten. Angesichts der Tatsache, dass das politische Risiko in der europäischen Peripherie mit dem Potenzial für eine weitere Eskalation der globalen Handelsspannungen wahrscheinlich hoch bleibt, erscheint es mir nicht unangemessen, ein gewisses Engagement in Bundesanleihen und anderen Safe-Hafen-Anlagen wie dem japanischen Yen zu Diversifikationszwecken aufrechtzuerhalten. 

3) Andere Themen werden übersehen

Wenn bestimmte Themen die Gespräche und die Marktstimmung dominieren, ist es sehr einfach, sich in den unerbittlichen Nachrichtenfluss hineinziehen zu lassen. Jedes kleinste Detail erscheint plötzlich relevant und hat das Potenzial, Märkte in beide Richtungen zu bewegen. In gewisser Weise gab mir die jüngste Fixierung des Marktes auf die italienische Politik Rückblenden vom Februar 2016, als fallende Ölpreise ein ähnlich allgegenwärtiges und marktbewegendes Thema waren. 

Wenn man sich jedoch mit einem bestimmten Thema beschäftigt, besteht das offensichtliche Risiko, dass andere potenziell wichtige Entwicklungen übersehen werden. So machte die Veröffentlichung der jüngsten Inflationsdaten der Eurozone am vergangenen Donnerstag kaum Schlagzeilen, trotz des starken Anstiegs von 1,2 Prozent auf 1,9 Prozent pro Jahr. Zugegebenermassen waren die steigenden Energiepreise und andere vorübergehende Effekte die Haupttreiber, während die jährliche Kerninflation mit 1,1 Prozent gedämpft blieb. Dennoch sollte ein Inflationsdruck, der das Preisstabilitätsziel der EZB von unter, aber nahe 2 Prozent perfekt erfüllt, angesichts der Unsicherheit über den künftigen geldpolitischen Kurs der EZB zumindest einige Augenbrauen aufwerfen. 

Wolfgang Bauer, Mitglied M&G Retail Fixed Interest Teams 

Anzeige