1. Home
  2. Invest
  3. Was die Italienwahl für Euro-Zone und den Franken bedeutet

Börseninterview
«Italien steht wohl vor einer Phase der politischen Instabilität»

Luigi_Di_Maio_Fuenf_Sterne_Italien
Luigi Di Maio: Der Parteichef der Fünf-Sterne-Bewegung ist der grosse Sieger der Wahlen in Italien.Quelle: Ivan Romano/Getty Images

Italien hat gewählt – Börsenexperte Tilman Galler erklärt, was das Votum für die Euro-Zone und den Franken bedeutet.

Von Marc Bürgi
am 11.03.2018

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Tilmann Galler*: Nach einem aussergewöhnlich ruhigen Börsenjahr 2017 und einem recht erfreulichen Jahresbeginn wurden die Anleger im Februar von der Rückkehr der Volatilität böse überrascht. Die zentrale Frage lautet jetzt, ob die Kursturbulenzen in den letzten 6 Wochen ein Vorbeben eines noch viel grösseren zukünftigen Rückgangs sind oder ob es letztendlich nur eine Korrektur war, die die etwas euphorischen Erwartungen der Marktteilnehmer zu Beginn des Jahres wieder auf ein normaleres Mass gestutzt haben. Aus fundamentalen Gründen – stabiles Wirtschafts- und Gewinnwachstum, moderate Inflationsentwicklung - spricht einiges für letzteres.
 
Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?

Das Umfeld für Schweizer Aktien hat sich in den letzten Monaten deutlich verbessert. Die Schweizer Exportunternehmen sollten von der breiten Erholung des Wachstums in der Weltwirtschaft profitieren und von einem Franken der etwas von seiner Stärke der vergangenen Jahre eingebüsst hat. Auch von der heimischen Wirtschaft kommt nach der zwischenzeitlichen Wachstumspause Ende 2016 wieder mehr Unterstützung und die sehr positiven Einkaufsmanagerindizes deuten darauf hin, dass sich auch 2018 dieser positive Trend fortsetzen dürfte. Die Bewertungen sind nach der jüngsten Korrektur auch wieder etwas attraktiver geworden, so dass wir von Schweizer Aktien in einem unruhigen 2018 eine positive Wertentwicklung im einstelligen Bereich erwarten.
 

Anzeige

Die neuen US-Zölle auf Stahl und Aluminium wecken Ängste vor einem Handelskrieg. Teilen Sie diese Sorgen?
Die protektionistische Agenda der US-Regierung ist sicherlich eines der grössten politischen Risiken, die wir zurzeit beobachten können. Die Belebung des Welthandels der letzten anderthalb Jahre hat massgeblich auch zum globalen Wachstum beigetragen. Eine «auf einen groben Klotz noch einen gröberen Keil» ausgerichtete Handelspolitik ist nicht nur wachstumsschädlich, sondern verschärft erheblich die Inflationsproblematik. Wenn Unternehmen nicht mehr die günstigsten Rohstoffe und Vorprodukte einkaufen können, und der Wettbewerb bei den Konsumgütern durch Zölle verzerrt wird,  führt das zwangsläufig zu mehr Inflation. Eine der Folgen wäre auch, dass die Notenbanken ihre Niedrigzinspolitik nicht mehr durchhalten könnten und damit die Refinanzierungskosten für die Unternehmen ansteigen würden. Das grösste Risiko stellt der Protektionismus jedoch für die Emerging Markets dar. Keine andere Region hat in den letzten Jahrzehnten so stark vom Freihandel profitiert.

In Italien sind die Fünf-Sterne-Bewegung und die Lega bei den Wahlen erstarkt. Gefährdet der Aufstieg dieser Protestparteien den Aufschwung in der Euro-Zone?
Das starke Abschneiden der Protestparteien erschwert erheblich den Prozess, eine tragfähige Regierung zu bilden, und Italien steht wahrscheinlich vor einer weiteren Phase der politischen Instabilität. Während dieser Umstand für Italien nicht neu ist, wäre es gerade jetzt notwendig für die zukünftige Stabilität der Eurozone, dass eine handlungsfähige Regierung die Wirtschaftsreformen weiter vorantreibt, um die Konkurrenzfähigkeit Italiens wiederherzustellen. Auf den aktuellen Aufschwung in der Eurozone hat die Italienwahl eher einen geringen Einfluss, da ein strammer Anti-Euro-Kurs – nur möglich in einer Koalition von M5S und Liga Nord – mit einem möglichen Austritt Italiens aus der Währungsunion ein eher unwahrscheinliches Szenario ist.

 

Tilmann_Galler_Boersenexperte_JP_Morgan
*Tilmann Galler arbeitet als globaler Kapitalmarktstratege für die deutschsprachigen Länder bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Er ist Teil des globalen «Market Insights»-Teams, das auf Basis von umfangreichem Research für institutionelle und Retail-Kunden Informationen rund um die globalen Volkswirtschaften und Kapitalmärkte erstellt, analysiert und Implikationen für die Investmentstrategien ableitet. In dieser Funktion ist er auch Ansprechpartner für die Fach- und Wirtschaftspresse.
Quelle: ZVG

Der Euro ist seit den Wahlen in Italien unter Druck. Muss sich die Schweizer Wirtschaft wieder auf einen starken Franken einstellen?
Der Schweizer Franken ist nach unserer fundamentalen Bewertung immer noch eine relativ teure Währung. Solange sich in Italien keine eurofeindliche Koalition bildet und Investoren keinen sicheren Währungshafen um jeden Preis suchen, erwarten wir, dass sich der Euro gegenüber dem Franken durch das anhaltend robuste Wachstum weiter aufwertet. Der US-Dollar wird aufgrund eines steigenden Zinsdifferentials zwischen den 10-jährigen US-Treasuries und den 10-jährigen Schweizer Obligationen etwas attraktiver. Der Renditevorsprung der US-Anleihen ist inzwischen auf 2,8 Prozent angestiegen.

Anleger soll ihr Erspartes breit investieren. Welche Anlageklassen bieten sich derzeit als Alternativen zu Aktien an?
Unter der Annahme eines anhaltend freundlichen Konjunkturumfelds erwarten wir für 2018 einen Anstieg der Unternehmensgewinne. In diesem Umfeld sollten sich auch Unternehmensanleihen trotz inzwischen niedriger Risikoaufschläge besser entwickeln als staatliche Obligationen. Die Erholung der Rohstoffpreise hat in vielen rohstoffexportierenden Ländern in den Emerging Markets eine deutliche Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zur Folge. Das BIP-Wachstum beschleunigt sich und die Inflation sinkt kräftig. Lokalwährungsanleihen in den Emerging Markets bieten deshalb immer noch attraktive positive Realrenditen.

Abonnieren Sie unseren stocksDIGITAL-Newsletter und erhalten Sie jede Woche die besten Invest-Tipps per E-Mail. Der StocksDIGITAL-Newsletter ist ein kostenloser Informationsdienst der Handelszeitung und wird jeden Freitag versendet: Hier geht es zur Anmeldung.