Mehrere hundert Zuschauer schwenkten Fahnen, als die «Independance» heute im Hafen von Klaipeda festmachte. Für Litauen symbolisiert die 300 Meter lange weiss-blaue Anlage die energiepolitische Zukunft: Das baltische Land ist nun in der Lage, Flüssiggas zu speichern. Ab kommendem Jahr soll der norwegische Energiekonzern Statoil bis zu vier Milliarden Kubikmeter Gas jährlich liefern.

Bislang bezieht Litauen sein Erdgas ausschliesslich vom russischen Gasriesen Gazprom. Auch Estland und Lettland sollen von der «Sicherheitsgarantie» profitieren, wie die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite heute das Grossprojekt nannte.

IWF: Erdgas erschafft neue Realitäten

Der Fall Litauens steht stellvertretend für die Ambitionen Europas, die Abhängigkeit von Russlands Erdgas zu senken. Die anhaltende Krise in der Ukraine führt der entwickelten Welt die Wichtigkeit des fossilen Brennstoffs vor Augen und die Verwundbarkeit des Westens in dieser Causa. Darauf verwies nun auch der Internationale Währungsfonds in der Analyse mit dem Titel «Erdgas – das neue Gold».  Erdgas erschaffe eine neue Realität für Volkswirtschaften auf der ganzen Welt, analysierte Rabah Arezki, oberster Rohstoffexperte der Washingtoner Institution.

Das Gasgemisch sei inzwischen für ein Viertel des weltweiten primären Energiverbrauchs verantwortlich, während der Anteil von Rohöl von 50 Prozent in den 1970er Jahren auf heute nur noch 30 Prozent gesunken sei. Nach Analyse des Fonds sind insbesondere drei grosse Entwicklungen verantwortlich dafür, dass Erdgas heute immer mehr ins Rampenlicht dränge.

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US-Industrie exportiert dank Schiefergas-Boom

Neben der genannten geopolitischen Spannungen führt der IWF die Schiefergasrevolution in den USA als eine der drei treibenden Kräfte an. Dank der neuen Methode der Tiefenbohrung habe die Gasgewinnung in der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt massiv zugelegt und das Land zum grössten Hersteller von Erdgas aufsteigen lassen. So halbierten sich die amerikanischen Importe fossiler Brennstoffe von 2008 bis 2013 fast, von 412 Milliarden auf 225 Milliarden Dollar.

Schon bald könnte die USA zu einem Nettoexporteur von Erdgas aufsteigen, erwarten die IWF-Experten. Bereits heute sind die Auswirkungen des Erdgas-Booms für Konsumenten und Firmen deutlich spürbar: Wegen des gestiegenen Angebots sank der Preis für Erdgas in den USA in den vergangenen Jahren um rund 70 Prozent, rechnet der Fonds vor.

Japan importiert nach Fukushima 40 Prozent mehr Erdgas

Mit entsprechenden Wettbewerbsgewinnen für die amerikanische Industrie auf den Weltmärkten. So habe das günstigere Gas zu einem Anstieg der US-Industrieexporte um rund 6 Prozent seit Beginn des Schiefergas-Booms geführt. Der Erfolg der amerikanischen Energiebranche habe zudem die Preise auf den Märkten in Europa und vielen Ländern Asiens stabilisiert.

Als dritte Kraft für den Aufstieg von Erdgas führt der Fonds den Ausstieg Japans aus der Atomenergie an. Nach der verheerenden Nuklearkatastrophe von Fukushima drosselte das Land seine Atomstromproduktion deutlich – zugunsten von Erdgas. Seitdem haben Japans Einfuhren des Gasgemischs um rund 40 Prozent zugelegt – das macht das Land zum inzwischen weltweit grössten Importeur des Brennstoffs. Im Gegensatz zu vielen anderen Teilen der Welt schlägt sich das in Japan jedoch nachteilig auf die Preise nieder. Diese sind dort laut Währungsfonds etwa doppelt so viel wie in Europa und viermal höher als in den USA.

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(mit sda)