Es war ein kalter, strahlender Tag in Davos. Susilo Bambang Yudhoyono nutzte sein erstes Wochenende in den Schweizer Bergen, um das Thema Schwarzgeld mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey zu thematisieren. «Das Erste, was ich zur Sprache brachte, war eine Zusammenarbeit beim Wiederauffinden der gestohlenen Gelder», sagte Indonesiens Präsident. Und er machte auch gleich klar, wo er sie zumindest teilweise vermutet: In der Schweiz.

Für das südostasiatische Land geht es um Geld und Ehre. 6,76 Milliarden Rupiah (rund 770 Millionen Franken) wurden als Staatshilfen an die zusammengebrochene Bank Century gezahlt. Die Beihilfen sind aber wohl in Taschen von Geschäftsleuten und Politikern versickert. Der Generalstaatsanwalt wirft den Eigentümern des Instituts vor, über 1 Milliarde Dollar auf Auslandskonten gebracht zu haben.

Mehr als 500 Milliarden

Die asiatischen Schwellenländer machen mobil gegen die Banken der Reichen. Indonesien ist der neuste Fall. Im Zentrum aber steht Indien. «Seit der Unabhängigkeit 1948 beläuft sich der Verlust Indiens durch illegale Transfers ins Ausland auf deutlich mehr als 500 Milliarden Dollar», rechnen die Analysten von Global Financial Integrity vor. Die illegalen Abflüsse verringerten die Devisenreserven und das Steueraufkommen. «Damit treffen sie die Armen Indiens und vergrössern die Einkommensschere», warnt Raymond Baker, Direktor der Analysefirma.

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Hinter den Abflüssen dürften in vielen Fällen Familiendynastien stehen, deren Tentakel sich von der Unternehmenslandschaft bis in höchste Positionen der Politik strecken. «In Indien und Indonesien sind die Kosten der Korruption besonders hoch. Die Politik schuf dort Monopole, die Zusatzgewinne hervorbrachten, welche den Familienmitgliedern von Funktionsträgern zugute kommen. Das ist wachstumsschädigend», sagt der indische Ökonom Jagdish Bhagwati.

Das Hinterziehen von Steuern ist in Indonesien und Indien gang und gäbe. Ein Beispiel: Allein in der Wirtschaftsmetropole Mumbai sollen dem Fiskus im Fiskaljahr 2009/10 gut 5,8 Milliarden Rupien (rund 160 Millionen Franken) Dienstleistungssteuer entgangen sein, berichten die Behörden. Wer von den Betrügern kann, trägt sein Geld ins Ausland.

Als exemplarisch für die Wirren um das Schwarze Geld gilt der Fall des indischen Waffenhändlers Hasan Ali Khan. Er soll 6, 7 oder gar 9 Milliarden Dollar unter anderem auf Konten der UBS deponiert haben - so genau weiss das niemand. Beweise bleiben die Inder schuldig. Gleichwohl machen sie Front: «Die Schweizer Bundesverwaltung wies unsere Ersuchen mehrfach zurück, Informationen zu erteilen. Die Begründung lautete, dass Informationen über Einlagen von indischen Bürgern durch das Bankgeheimnis geschützt seien», heisst es beim Finanzministerium in Neu Delhi. Nun aber räumte Finanzminister Pranab Mukherjee ein, dass die Dokumente, die den Besitz belegen sollten, sich als gefälscht erwiesen.

Das Tauziehen bleibt allgemein bizarr: Denn Indiens Regierung hat dem Obersten Gericht Anfang des Jahres 26 Namen von Geldwäschern und Steuerhinterziehern übergeben, die illegale Auslandstransaktionen vorgenommen haben sollen - in einem zugeklebten Couvert. Die Richter in Delhi wiesen darauf hin, dass die Quelle dieser Gelder Drogen- und Terrorgeschäfte sowie Waffenschiebereien sein könnten. Zugleich bemängelten sie, dass der Briefumschlag nur mit dem Namen eines Direktors im Finanzministerium abgezeichnet worden sei, nicht etwa vom Minister: «Dies zeigt, wie ernst die Regierung das Thema nimmt.»

Auch wenn die Schweizer Banken derzeit im Fokus stehen - es muss nicht alles über den Standort Schweiz laufen. Banker vermuten, dass vielleicht sogar der grössere Anteil indischen und indonesischen Geldes zu Niederlassungen der Vermögensmanager in Singapur fliesst. Alle wichtigen Institute Europas sind dort vertreten. Doch auch der Stadtstaat beginnt, sich den internationalen Gepflogenheiten anzupassen und unrechtmässige Transfers offenzulegen.

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Geplagtes Volk

Derweil tobt das Volk weiter. Seit Wochen wird die Regierung von einer Fülle von Bestechungsskandalen erschüttert. So wurde Anfang Februar der frühere Telekommunikationsminister verhaftet, weil er Mobilfunklizenzen bis zu 29 Milliarden Dollar unter Wert abgegeben haben soll. Zuvor wurden Ministerpräsidenten, der Chef des Organisationskomitees der Commonwealth Games und Generäle abgesetzt, weil sie sich in die eigenen Taschen gewirtschaftet hatten. Skandal auf Skandal trifft die indische Öffentlichkeit zu Zeiten, in denen die Preise für Zwiebeln, Tomaten oder Kümmel durch die Decke schiessen. Die Kluft zwischen der Elite, die sich selbst bereichert, und der breiten Masse, die ihre Grundnahrungsmittel kaum noch bezahlen kann, wird immer weiter.

«Ganz einfach Plünderung»

Nach Auffassung von Arun Kumar, Professor der Nehru-Universität und Verfasser des Buches «Die Schwarze Wirtschaft Indiens», umfasst die Schattenwirtschaft bis zu 50 Prozent des indischen Bruttoinlandproduktes. «Politiker, Bürokraten und Geschäftsleute profitieren am meisten - also haben sie auch keine Eile, diese aufzuklären», sagt Kumar. Allein die Grössenordnungen lassen jetzt die indische Justiz aufhorchen. «Es ist ganz einfach eine Plünderung des Landes, Raub. Mit so etwas haben auch die Bonbons, die Doppelbesteuerungsabkommen bieten, nichts zu tun», heisst es in einem Richterspruch des Obersten Gerichtshofes in Delhi.

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Was auch immer daran ist - das Image der Schweiz und ihrer Banken leidet in Asien enorm. Nicht bei ihren Klienten, wohl aber in der breiten Bevölkerung. Doch die Schweizer verlangen, dass ihnen korrekte Anfragen mit allen Materialien überstellt werden. Dies aber haben bislang weder Indonesien noch Indien fertiggebracht. Im Fall Hasan Ali warten die Schweizer seit 2007 auf vollständige Unterlagen. Und der indonesische Präsident Yudhoyono berichtete nach seinem Treffen mit Calmy-Rey: «Sie erklärte mir, dass die Schweiz kooperieren will, aber Dokumente brauche.»