Credit-Suisse-Vizepräsident Urs Rohner spricht seit Neustem davon, dass die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug keinen Sinn macht. Überrascht Sie das?

Veit de Maddalena: Vor einem Jahr hätte man solche Aussagen von einem Schweizer Banker nicht gehört. Es gibt auch heute in der Branche noch immer verschiedene Strömungen. Die meisten Bankvertreter haben aber mittlerweile realisiert, dass sich die internationale Grosswetterlage verändert hat und sich noch weiter verändern wird. Dass sich Schweizer Politiker zu einer Weissgeldstrategie äussern, zeigt auch, dass in der Schweiz ein Umdenken stattfindet.

Ist die Finanzplatzstrategie erfolg versprechend?

De Maddalena: Es sollte ein Dialog mit den Regierungen der einzelnen Länder stattfinden, nicht eine Konfrontation. In diesen Gesprächen sollte man versuchen, die Phase des Wechsels zu versteuerten Geldern für die betreffenden Staaten, die Kunden und die Schweiz möglichst erträglich zu gestalten. In diesem Zusammenhang finde ich Steueramnestien begrüssenswert. Wenn die Konditionen für die Kunden wie in Italien vorteilhaft sind, ist dies umso besser.

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Was raten Sie denn Ihren Kunden?

De Maddalena: Wir machen sie auf die laufenden Steueramnestien und die Möglichkeit der Selbstdeklaration aufmerksam und legen ihnen nahe, davon Gebrauch zu machen, sofern es sie betrifft. Und wer unsicher ist betreffend seinen Steuerstatus, soll einen unabhängigen Steuerberater aufsuchen. Wir machen den Kunden in den Gesprächen klar, dass sich das Bankgeheimnis wandeln wird. Die Kunden müssen sich zuerst an diese neue Tatsache gewöhnen. Im Nachhinein schätzen sie es dann aber, dass wir sie darauf aufmerksam gemacht haben.

Fragen die Kunden nicht nach anderen Möglichkeiten, um ihr Vermögen vor dem heimischen Fiskus zu verstecken?

De Maddalena: Das hat keine Zukunft. Dieser Weg wird nur noch eine bestimmte Zeit funktionieren. Das ist eine reine Vogel-Strauss-Politik. Die Aufsichtsbehörden haben zum Beispiel bereits bestimmte Produkte wie die «Wrapper» im Visier. Der globale Trend geht eindeutig in Richtung Steuertransparenz.

Könnte der Druck nicht mit der Zeit wieder abnehmen?

de Maddalena: Dieser Trend ist nicht umkehrbar. Zeitweise steht das Thema zuoberst auf der internationalen Agenda, dann kehrt wieder Ruhe ein. Aber jedes Mal ist die Welle noch grösser. Unsere Nachbarländer haben übrigens auch Schwierigkeiten damit, dass zahlreiche Schweizer Banken mit Hilfe von «Wrappern» die EU-Zinsbesteuerung umgehen. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass sie skeptisch gegenüber dem Vorschlag der Abgeltungssteuer sind.

Wird der Vorschlag von den europäischen Ländern abgeschmettert?

De Maddalena: Es gibt Regierungen, die grundsätzlich mit Verständnis reagieren, andere sind ablehnend. Wenn man Verträge schliesst, muss man sie einhalten, sonst leidet die Glaubwürdigkeit. Im Rahmen der Ausgestaltung der Abgeltungssteuer könnte diesen Umgehungsgeschäften sicher ein Riegel geschoben werden.

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Die Schweiz will sich einen Zugang zum europäischen Markt aushandeln. Ist das Wunschdenken?

De Maddalena: Das wird tatsächlich schwierig. Der Grund dafür liegt darin, dass wir in der Schweiz nur unter sehr grossem Druck angefangen haben, auf die Forderungen aus dem Ausland zu reagieren. Hätte man eine Lösung wie die Abgeltungssteuer schon vor drei Jahren positioniert, wäre die Diskussionsbasis eine andere gewesen. Jetzt ist der Handlungsspielraum für die Schweiz nicht mehr allzu gross.

Was liegt noch drin?

De Maddalena: In einem ersten Schritt werden die Doppelbesteuerungsabkommen mit den einzelnen Ländern abgeschlossen. Dabei wird es vermutlich bleiben. Man spürt schon, dass das Ausland das Gefühl hat, in einer guten Verhandlungsposition zu sein. Trotzdem sollte die Schweiz weiter hart verhandeln und auf den EU-Markt-Zugang drängen.

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Der nächste Schritt ist der automatische Informationsaustausch?

De Maddalena: So weit würde ich nicht gehen. Es gibt in Europa zwar sehr starke Bemühungen in diese Richtung. Im Moment ist aber vieles im Fluss. Es ist schwierig zu sagen, wie lange sich die Schweiz und andere Länder aber noch dagegen wehren können. Wenn man sich heute als Bank strategische Überlegungen macht, sollte man berücksichtigen, dass es früher oder später zum automatischen Informationsaustausch kommen könnte.

Was bedeutet dieses Szenario für die Bank Rothschild?

De Maddalena: Wir verfolgen in den Märkten Schweiz, Deutschland und England eine Onshore-Strategie, und wir richten uns auf Neukunden aus, die ihre Vermögen versteuern. Wenn wir diesen Prozess in den nächsten zwei bis drei Jahren sauber weiterführen, haben wir kein strategisches Problem.

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Also kein Schreckensszenario im Falle eines automatischen Informationsaustauschs?

De Maddalena: Solange die Privatsphäre der Kunden auch durch die Steuerbehörden in den einzelnen Ländern gewahrt bleibt, könnte man damit wohl leben.

Wie lange wird es dauern, bis sich der Finanzplatz Schweiz vom Schwarzgeld verabschiedet hat?

De Maddalena: Ich erwarte, dass dieser Transformationsprozess in den nächsten drei bis fünf Jahren über die Bühne geht.

Viele kleinere Vermögensverwalter werden diese Umwälzungen nicht überleben.

De Maddalena: Es wird im Schweizer Bankensektor in den nächsten Jahren zu einer Konsolidierung kommen. Gründe dafür sind beispielsweise die bessere Vergleichbarkeit von Bankgebühren in einem transparenteren Umfeld, die Zunahme der Betreuungsintensität sowie die steigenden Risk-Management-Kosten. Einmal im Jahr ein Mittagessen, das reicht nicht mehr. Insgesamt werden die Nettomargen unter Druck kommen.

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Spüren Sie den Margendruck?

De Maddalena: Ja, deshalb sind wir permanent daran, an unserer Effizienz zu arbeiten. Dabei spielen das Operating Model und die Technologie eine zentrale Rolle. Der Service am Kunden darf darunter aber nicht leiden. Wir haben heute die Kapazitäten, um noch mehr Neugelder zu verwalten. Im Moment haben wir aber keine Pläne, grosse Teams einzustellen.

Kommen Übernahmen in Frage?

De Maddalena: Nein, wir haben derzeit keine Absichten, etwas zu kaufen. Wir wollen vor allem organisch in den einzelnen Märkten wachsen und stellen punktuell neue Kundenberater ein.

Rothschild wird bald die Jahresresultate publizieren. Konnte der Gewinn gesteigert werden?

De Maddalena: Wenn ich die Resultate aus dem operativen Geschäft anschaue, bin ich zufrieden. Wir machen gute Fortschritte und schneiden besser ab als im Vorjahr. Beim Gesamtjahresergebnis ist das Bild weniger positiv. Wir haben sehr viel Eigenkapital, das wir bewusst konservativ anlegen. Im letzten Jahr haben wir darauf fast nichts verdient. Der Zinsertrag ist eingebrochen. Dann gab es noch einen Spezialfall. Wir haben einen internationalen «Pension Fund» in Guernsey. Dieser hat ein Defizit eingefahren, das wir decken müssen.

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Wie haben sich die Neugelder entwickelt?

De Maddalena: Das 2. Halbjahr war sehr gut. Wir werden im Geschäftsjahr 2009/10 wieder einen Neugeldzufluss im hohen einstelligen Bereich ausweisen. Wichtig ist, dass wir das Neugeld hauptsächlich in der Schweiz, in England und Deutschland onshore akquiriert haben.

Viele Privatbanken suchen Ihr Heil in Asien. Ist dies auch eine Option?

De Maddalena: Die Rothschild-Gruppe ist in Asien mit dem Investment Banking stark präsent. Jetzt überlegen wir, wie wir dort das Vermögensverwaltungsgeschäft weiter ausbauen wollen. Dies wird ein wichtiger Schritt für uns.

Welche konkreten Pläne haben Sie?

De Maddalena: Wir prüfen dies zurzeit. Es braucht eine Infrastruktur, die richtig aufgesetzt werden muss. Im Moment beschäftigen uns die Fragen: Wie können wir das Trust-Business in Asien stärken? Welche Märkte wollen wir bearbeiten? Wollen wir eher aus Hongkong oder Singapur operieren? Wir wollen ja nicht ein Offshore-Banking wie in Europa betreiben, sondern ein für Asien zugeschnittenes Modell. Entschieden ist daher noch nichts.

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Ist es nicht schon etwas spät für eine Expansionsstrategie in Asien?

De Maddalena: Das kann gut sein. Die Asiaten haben sicher nicht auf weitere europäische Banken gewartet. Es ist eine Herausforderung. Aber der Markt ist sehr gross und wächst schnell. Asien ist eine Region mit verschiedenen Kulturen, Religionen und Sprachen. Man muss sich überlegen: Warum sollte der Kunde gerade zu uns kommen und nicht zu einem anderen Player, der schon vor Ort ist? Ich glaube, unsere Value Proposition könnte für viele wohlhabende Asiaten interessant sein.