BILANZ: Mr. Katzenberg, wollen Sie Schauspieler wie Tom Hanks und Angelina Jolie arbeitslos machen?

Jeffrey Katzenberg: Wieso, wie kommen Sie darauf?

Weil Ihre computeranimierten Filme inzwischen so realistisch gezeichnet sind, dass es keine Schauspieler mehr braucht.

Nein, genau das Gegenteil ist der Fall. Wir beschäftigen sie und schätzen sie als Sprecher mindestens so sehr wie als Darsteller in echten Filmen. Sie haben grossartige Stimmen und ein wunderbares komödiantisches Talent. Das kommt auch in computeranimierten Filmen zur Geltung. Besonders Tom Hanks, mit ihm haben wir die drei höchst erfolgreichen «Toy Story»-Filme vertont. Und Angelina Jolie ist wichtig für unsere «Kung Fu Panda»-Serie. Da haben Sie zwei Leute herausgepickt, die für uns sehr wichtig sind.

Aber Sie brauchen sie nur noch wegen der Stimme.

Warum «nur noch»? Das klingt, als wäre das nicht eine ganze Menge. Die Stimme ist die Musik, die Melodie, der Geist einer Rolle. Die Zeichner nehmen diese Stimme und verstärken sie durch die Animation. Ich kenne viele Leute, die überzeugt sind, dass einige der grössten Schauspieler unserer Zeit ihre beste Leistung in einem Animationsfilm zeigten.

Wann wird die Computertechnik so weit sein, dass es gar keine Schauspieler mehr braucht? Dass es dann eine Angelina Jolie aus dem Computer gibt?

Ich weiss es nicht, denn das interessiert mich nicht. Es scheint mir sinnlos, die synthetische Version von Angelina Jolie zu haben, wenn man sie echt haben kann. Das klingt nicht nach einem cleveren Geschäftsmodell. Besonders nicht für mich. Auch die heutige Motion-Capture-Technik …

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… bei der Bewegungen von Schauspielern aufgezeichnet und verwendet werden, um Computeranimationen realistischer erscheinen zu lassen ...

… was eine Vorstufe ist, ist nicht mein Ding.

Was bedeuten die Fortschritte in der Computertechnologie für Ihre Arbeit?

Sie sind das alles Entscheidende. Schauen Sie, jeder Film ­besteht aus rund 130 000 Einzelbildern. An jedem Einzelbild feilen zehn bis zwölf Abteilungen, und jede Abteilung nimmt zwischen 10 und 100 Überarbeitungen vor. Das macht etwa 3 Milliarden Überarbeitungen pro Film, 200 Terabyte Daten oder eine halbe Milliarde Dateien. Und es wird weitere Innovationen geben. Die besten Jahre liegen vor, nicht hinter uns.

Was wird der nächste grosse Schritt sein?

Heute können unsere besten Grafiker in einer Arbeitswoche maximal drei Sekunden eines Filmes animieren. Und dann rechnet ein Computer acht Stunden für diese paar Sekunden. Noch. Bald wird es dank Cloud Computing und massiver Parallelverarbeitung in Echtzeit gehen. Heute können wir uns die Folgen davon nur grob vorstellen. Aber sie werden unglaublich sein. Genaues wissen wir erst, wenn wir dort angelangt sind.

Animationsfilme werden also noch realistischer sein?

Nun, es gibt einen Unterschied zwischen Realismus und Fotorealismus. Wir, die jetzt in diesem Raum sitzen und uns sehen, sind fotorealistisch. Und es gibt Realismus. Er ist eine Interpretation der Wirklichkeit, im Gegensatz zu einer Wiedergabe der Wirklichkeit. Da gibt es noch gewaltige Möglichkeiten.

Wann wird ein Animationsfilm den Oscar für den besten Film bekommen?

Schwer zu sagen. Animationsfilme haben ja ihre eigene Kategorie bei der Preisverleihung, und solange das so ist, wird die Academy wohl nie eine Auszeichnung «bester Film» für einen Animationsfilm verleihen. Aber es könnte eine Nomination geben unter den Top Ten.

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Die Schweiz ist der pro Kopf erfolgreichste Markt der Welt für Animationsfilme. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Sie haben wirklich gute Leute in der Schweiz. Die smartesten Leute der Welt! Mit dem besten Geschmack (lacht laut).

Und im Ernst?

Eine grossartige Tradition, eine grossartige Historie von Zeichentrickfilmen, die bis ganz an den Anfang von Walt Disney zurückreicht. Westeuropäische Länder waren immer tolle Märkte für dieses Genre. Vielleicht weil die literarischen Vorbilder aus der Region stammen: «Die Schöne und das Biest», «Die kleine Meerjungfrau» oder die Märchen der Gebrüder Grimm. Die Filme widerspiegeln also authentisch eine Kultur und wirken deshalb in Ländern wie der Schweiz, Deutschland oder Frankreich stärker als woanders. Deshalb sind sie so ­erfolgreich dort.

Warum sind europäische Filme in den USA nicht erfolgreich?

Wahrscheinlich liegt es an einer Kombination von Gründen. Zum einen die Sprachbarriere. Dann die Inhalte. Und die Art, wie die Filme gemacht sind. Das entspricht nicht dem amerikanischen Geschmack. Ich sage nicht, dass das richtig oder falsch ist. Ich beobachte nur. Ich habe vorgestern «Les Intouch­ables» gesehen. Hervorragend. Er verdient, ein Smash Hit zu werden, auch in den USA. Aber Amerikaner mögen keine Filme mit Untertiteln. Das ist nicht massentauglich. Da verpassen meine Landsleute etwas.

Sie waren ein früher Evangelist in Sachen 3-D-Kino. Das scheint sich nicht durchzusetzen, die Zuschauerzahlen sinken nach den Anfangserfolgen wieder. Was läuft falsch?

Das stimmt so nicht. Auch wenn es die Presse immer wieder schreibt. Die Zahlen von Eintritten in 3-D-Vorstellungen sind so hoch wie noch nie, es gibt mehr 3-D-Filme als je zuvor. Es ist keine Frage, dass nach einem fantastischen Start mit tollen Filmen wie «Avatar» oder «Kung Fu Panda» leider auch ein paar 3-D-Filme herauskamen, deren Qualität erbärmlich war. Die Zuschauer merkten es erst, als sie dafür bezahlt hatten, und fühlten sich entsprechend abgezockt. Das hat uns viel Vertrauen gekostet. Heute aber machen die grossen Studios nur noch 3-D, wenn sie es richtig machen. Und so sehen wir das Vertrauen der Zuschauer langsam zurückkehren.

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Welche Zukunft sehen Sie für 3-D-Filme?

Eine grossartige. Sie werden bleiben. Die Leute lieben diese Premium-Erfahrung. Die Kritiker haben die 3-D-Version von «Madagascar 3» sehr gelobt, das neue Werk von Ridley Scott, «Prometheus», ist in 3-D, wir sehen, was Martin Scorsese in 3-D gemacht hat. Die besten Regisseure der Welt benutzen diese Technik. Das hat einen Grund.

Sie sagten einmal, in 20 Jahren werden wir nur noch Filme in 3-D sehen. Glauben Sie das immer noch?

Es könnte sein. Momentan ist es eine Wahl, die man trifft. Alle grossen Studios drehen heute in 3-D. Wann kommt der Moment – wenn Filmemacher und Schauspieler sich in die Technologie so verlieben wie meine Schauspieler? Denn bei DreamWorks ist es nicht das Geschäft, das 3-D vorantreibt. Sondern es sind die Drehbuchautoren. Sie sehen das als ein mächtiges Werkzeug, das ihnen erlaubt, eine Geschichte besser zu erzählen und den Zuschauer in eine andere Welt zu bringen, eine Welt, in deren Zentrum sie stehen. Denn das tut 3-D.

Wir sind längst im Downloadzeitalter angekommen. Wird es in 15 Jahren noch Kinos geben?

Klar. Es werden wunderbare Kinosäle sein mit riesigen Leinwänden und tollem Sound, in dem man völlig versinkt, mit hervorragendem Service und gutem Essen. Wir werden eine Wiederauferstehung der Kinopaläste erleben.

Sie haben mit Steven Spielberg und Musikproduzent David Geffen zusammen DreamWorks SKG gegründet. Die riesigen ­Erwartungen, die an diese drei Namen geknüpft waren, konnten Sie nicht erfüllen. War das Konzept falsch, oder war es ein Problem der Egos?

Ich glaube, weder noch. Als wir uns zusammentaten, versprachen wir unseren Geldgebern, dass wir grösser würden als die Sonne, der Mond, alle Sterne und Galaxien. Wir setzten die Erwartungen so hoch, dass wir sie nie erfüllen konnten, egal, was wir taten. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht haben wir eine sehr profitable Firma aufgebaut. Wir haben einen Teil davon für fast zwei Milliarden Dollar verkauft, der Animationsteil, der uns noch bleibt, ist fast drei Milliarden wert. Mit einer Milliarde Eigenkapital fünf Milliarden Wert zu generieren, ist nicht schlecht. Und die Marke DreamWorks ist heute auf der ganzen Welt bekannt. Aber ist das grösser als Sonne, Mond, Sterne und alle Galaxien? Ich glaube nicht.

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Sind Sie enttäuscht?

Überhaupt nicht. Persönlich war es die Schlittenfahrt meines Lebens. Ich kann mir keine freudigere, dankbarere Erfahrung vorstellen, als solche Filme zu machen. Ich frage Leute häufig: Was ist – ausser der eigenen Familie – im Leben das Schönste für Sie? Ich sehe gerade Ihr Gehirn rattern! Ist es für Sie der Taj Mahal? Ein wunderschöner Monet? Ein perfekter Strand in ­Tahiti? Ich weiss es nicht. Ich sage Ihnen, was es für mich ist: Lachen. Und ganz besonders Kinderlachen. Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Deshalb habe ich den schönsten Job auf der Welt.

Meister der Animationsfilme
Jeffrey Katzenberg (61) ist einer der einflussreichsten Hollywood-Produzenten. Elf Jahre arbeitete er bei Paramount Pictures, anschliessend wurde er CEO der Walt Disney Company. Unter ihm entstanden Hits wie «Good Morning, Vietnam», «Dead Poets Society» oder «Pretty Woman». Zusammen mit Regisseur Steven Spielberg und Musikproduzent David Geffen gründete er 1994 die DreamWorks SKG. Die Musik- ebenso wie die Realfilm-Sparte sind inzwischen verkauft. Katzenberg bleibt CEO von DreamWorks Animation, die ausschliesslich computeranimierte Filme herstellt. Sein Vermögen wird auf 860 Millionen Dollar geschätzt, er unterstützt damit zahlreiche wohltätige Projekte und die Demokratische Partei.