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Einschätzung
Jetzt hat Deutschland sogar das bessere Rating als die Schweiz

Angela Merkel: Die Bundeskanzlerin steht für Kontinuität. Keystone

Deutschland geniesst derzeit die beste Kreditwürdigkeit der Welt. Sogar die Schweiz und Norwegen hängt die Bundesrepublik ab. Das Spitzenrating hat Deutschland aber nicht auf sicher.

Von Holger Zschäpitz (Die Welt)
am 05.09.2017

Für Fernseh-Macher ist Langeweile tödlich. Sie werden das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz deshalb nicht gerade mit Euphorie registriert haben. Und auch die Börsianer reagierten ernüchtert. «Im Vergleich zur französischen Fernseh-Debatte wirkte der Schlagabtausch eher wie die Vorbereitung von Koalitionsverhandlungen», spottete die amerikanische Grossbank Citi.

Doch diese Harmonie ist gerade das grosse Plus dieses Landes. Wenn sich die beiden führenden Parteien in wichtigen Politikbereichen einig sind, spricht das für Kontinuität und Verlässlichkeit. Die führenden Ratingagenturen haben die Bundestagswahlen als Nicht-Risiko-Ereignis eingestuft, das also keine Relevanz für die Kreditqualität des Landes hat.

Kein anderes Land ist so solide

Nicht umsonst hat sich Deutschland just drei Wochen vor dem Urnengang den Titel als Stabilitätsweltmeister erobert: Kein anderes Land ist so solide wie die Bundesrepublik. Deutschland hat im Finanzmarkt-Ranking selbst Nationen wie die Schweiz oder Norwegen abgehängt. Dabei gelten die Eidgenossen als Inbegriff der Stabilität. Und die ölreichen Norweger sitzen auf einem Staatsschatz von umgerechnet fast einer Billion Dollar, was dem mehr als Zweifachen der eigenen Wirtschaftsleistung entspricht.

An den Finanzmärkten wird quasi in Echtzeit die Bonität von Staaten bewertet. Diese lässt sich aus den Preisen sogenannter Kreditausfallversicherungen ermitteln, mit denen sich grosse Investoren gegen einen Zahlungsausfall eines Landes absichern. Je teurer die Versicherungen, auch CDS (englisch Credit Default Swaps) genannt, desto höher ist aus ihrer Sicht die Gefahr eines Staatsbankrotts. Das bedeutet umgekehrt: Anhand der CDS-Preise lässt sich ausrechnen, wie wahrscheinlich ein Zahlungsausfall innerhalb einer bestimmten Zeitspanne ist. Da echtes Geld fliesst, ist das keineswegs nur ein Glasperlenspiel.

Eine Pleite Deutschlands ist unwahrscheinlich

Zu Wochenbeginn ist die Pleitewahrscheinlichkeit Deutschlands auf 1,03 Prozent gefallen und damit unter jene von Norwegen. Dort beziffern die Finanzakteure das Risiko, dass es in den kommenden fünf Jahren zu einem Zahlungsausfall kommt, auf 1,04 Prozent. Die 1,03 Prozent liegen auch deutlich unter den 1,08 Prozent von Dänemark oder den 1,32 Prozent Schwedens. Das ist auch insofern bemerkenswert, als dass die Schuldenquote der nordischen Länder niedriger als die deutsche ist.

Doch die Märkte bewerten nicht allein einen optisch niedrigen Schuldenstand. Sie schauen auch auf die Dynamik der Verbindlichkeiten. Und da zeigt der Pfeil gerade nach unten. Nach Prognosen der Ratingagentur Fitch, die am Freitag das Spitzenrating AAA für Deutschland bestätigt hat, könnte die Quote bereits im neuen Jahrzehnt unter die Marke von 60 Prozent fallen, die im Maastricht-Vertrag als Obergrenze festgeschrieben wurde. Damit nicht genug: 2026 könnte der deutsche Schuldenstand unter 50 Prozent sinken.

Euro-Krise ist nicht mehr akut

Doch es ist nicht allein das fiskalische Geschick des Bundesfinanzministers, das die Akteure begeistert. Massgeblich für den Sprung an die Spitze ist auch die deutliche Entspannung in der Euro-Zone. Sichtbar wird das etwa am Sentix Euro Break-up Index, der die Wahrscheinlichkeit für einen Zerfall der Währungsgemeinschaft misst, und zuletzt nahe Rekordtief gefallen ist. Wenn die Euro-Krise in Schach ist, so die Kalkulation der Börsianer, kommen keine neuen Verpflichtungen auf Deutschland zu, und das reduziert auch die Pleitewahrscheinlichkeit

Tatsächlich wurde Deutschlands Kreditwürdigkeit seit dem Ausbruch der Euro-Krise im Frühjahr 2010 mit einem Abschlag bewertet. Im Ranking der solidesten Nationen rangierte die Bundesrepublik hinter Norwegen, der Schweiz, Schweden und teilweise auch hinter Australien. Das hat sich nun geändert.

Der Titel hat Deutschland nicht auf sicher

Auch die Deutsche Bank hat ihren Anteil am Weltmeistertitel. Spätestens seit der Kapitalerhöhung steht der hiesige Branchenprimus wieder stabil da. Eine mögliche Rettung hätte auch die deutschen Staatsfinanzen belastet. Und schliesslich ist da noch der geopolitische Bonus, den Berlin geniesst. Wenn die USA von einem Präsidenten regiert werden, der unberechenbar ist, bleibt Deutschland als letzte grössere verlässliche Konstante in der Weltpolitik. Gemessen an den Versicherungsprämien halten die Märkte die Pleite Amerikas nun für fast vier Mal so wahrscheinlich wie einen Zahlungsausfall Deutschlands. Das war das letzte Mal vor neun Jahren nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers der Fall.

Auch beim Wirtschaftsinformationsdienst Dun & Bradstreet (D&B) hat Deutschland Norwegen und Schweden abgehängt und steht an der Spitze des Stabilitätsrankings. Neben den positiven Konjunkturaussichten und dem boomenden Arbeitsmarkt heben die Experten das geringe Insolvenzrisiko der Unternehmen hervor. Das Zahlungsverhalten der Firmen sei europaweit das zweitbeste. Einzig Dänemark schneide in dieser Hinsicht noch besser ab.

Volatile Preise

Doch die Historie zeigt, dass sich Deutschland nicht ausruhen kann. Sollte die Banken- oder Euro-Krise wieder aufflammen, könnte es mit der Herrlichkeit schnell wieder vorbei sein. Die Preise der Kreditausfallversicherungen sind für Deutschland deutlich volatiler als etwa für Norwegen. Zumal alle Experten in der Euro-Zone und der demografischen Entwicklung ein langfristiges Risiko für die Kreditwürdigkeit sehen.

Die Bundestagswahlen mögen einen vernachlässigenswerten Effekt auf die Bonität haben, schreiben die Analysten der Ratingagentur Moody’s. «Langfristig werden Wachstum und Schuldenquoten beeinflusst davon, wie dem steigenden demografischen Druck begegnet wird und wie künftige Regierungen zu Schuldenvergemeinschaftung und Fiskaltransfers in der Euro-Zone stehen.»

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Wie Deutschland zur Null-Risiko-Republik wurde».

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