Wir sehen keine nachhaltige Erholung der Nachfrage und rechnen damit, dass wir unter dem Umsatzniveau des Vorjahres bleiben: Eine solche Meldung hätte noch 2007 genügt, um einen Aktienkurs auf Sturzflug zu schicken. Doch neun Monate nach dem schwersten Börsencrash seit den 1930er-Jahren ist alles anders.

So belohnten am 4. November die Aktionäre des Spezialitätenchemie-Konzerns Clariant ebendiese Meldung mit einem Kursfeuerwerk. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich gleichentags bei Zahnimplantate-Herstellerin Nobel Biocare, deren Management gänzlich auf einen Ausblick verzichtete - die Aktie kletterte trotzdem um 7%. Zum Wochenstart schliesslich anvancierten die Kurse des Luxusgüterherstellers Richemont ganz an die Spitze des Swiss Market Index (SMI), obwohl die Umsätze nochmals eingebrochen waren. Der Optimismus der Anleger, so muss es scheinen, hat den Boden der Realität endgültig verlassen.

Optimismus nährt sich selbst

«Derzeit gibt es tatsächlich eine Diskrepanz zwischen den Börsenkursen und den Leis-tungen der Realwirtschaft», sagt Anastassios Frangulidis. Der Leiter Volkswirtschaft und Anlagestrategie International bei der Zürcher Kantonalbank ZKB nennt auch den Grund, warum die Hausse auch ohne klingende Münze seitens der Unternehmen stattfindet: «Der Anstieg der Aktienkurse über die letzten Monate war ausschliesslich von der Bewertung getrieben.»

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Gekauft wurde also, weil Aktien dermassen günstig zu haben waren. Inzwischen ist die Bewertung zwar wieder «fair». Trotzdem: Die Anleger seien nun optimistischer und deshalb bereit, mehr für die Titel zu bezahlen, sagt Frangulidis. Der Optimismus befeuert sich also selber. Das Problem dabei: Wenn sich die erwarteten Gewinne nicht einstellen, endet die Hausse in einer Enttäuschung. Im 3. Quartal haben die Firmen zwar auf der Kostenseite abgespeckt. Jedoch wurde für diese Periode auch auf der Umsatz- und Ertragsseite eine Besserung erwartet - und die fehlt in vielen Fällen noch (siehe Tabelle unten).

Abschwächung Mitte 2010

«Im Laufe des Jahres 2010 müssen sich die Hoffnungen in die Erholung bestätigen - sonst wird die Börse Mühe haben», sagt Daniel Lenz, Fondsmanager bei Schroders. Er ist der Meinung, dass die Rally nicht im gleichen Tempo weitergehen kann. Mit einer Abschwächung der Hausse rechnet auch die ZKB. Dies könnte bereits ab Mitte 2010 der Fall sein, wenn die Börsen eine erneute Verlangsamung der Konjunktur im Jahr 2011 vorwegnehmen.

Bis dahin, sagt Frangulidis, bleibe jedoch das «Performance-Fenster» an der Börse offen. Anleger, die dieses Fenster für sich nutzen möchten, sollten sich aber mehr nach der Einstellung der Unternehmer richten. Diese werden nämlich erst dann optimistisch, wenn sie tatsächlich steigende Umsätze und Auftragseingänge verbuchen.

So Valentin Vogt, CEO des Kompressorenherstellers Burckhardt Compression. Analysten hatten anlässlich der 1.-Halbjahr-Zahlen die Burckhardt-Aktie zuhauf besser geratet, was Vogt so kommentiert: «Nebst dem Bestellungseingang, der deutlich weniger negativ ausgefallen ist als jener der Mitbewerber, hat sicherlich auch die über den Erwartungen liegende Ebit-Marge zu den Heraufstufungen beigetragen.» Vogt bestätigt denn auch die Guidance für das Gesamtjahr.

Auf Erträgen, Aufträgen und Umsätzen sollte deshalb auch der Fokus der Anleger liegen. Im 3. Quartal haben unter den Titeln am Swiss Leader Index (SLI) Credit Suisse, ABB, Sonova und Logitech mit gutem Umsatz und Betriebsgewinn überrascht. Wer auf besonders starkes Gewinnwachstum fokussieren möchte, ist zudem nach Analystenschätzungen mit Werten wie Straumann, Givaudan und BKW gut bedient.