Obwohl das 750 Mrd Euro schwere Stabilitätspaket von EU und IWF vorab Währungen und Anleihen betrifft, löste das schiere Gewicht dieser Summe auch an den Aktienbörsen ein Beben aus. Schon die Eröffnung dazu war dramatisch: An der New Yorker Börse stürzte der Dow Jones Index vor dem Hintergrund der Ängste um die Euro-Zone um ganze 1000 Punkte; zeitweise waren alle Trades blockiert, was einen Systemfehler vermuten lässt.

Als in den frühen Morgenstunden des vergangenen Montags dann das Paket tatsächlich geschnürt war, erfolgte zum Wochenauftakt - beinahe so heftig - die Gegenbewegung. In der Schweiz kletterte der Swiss Market Index SMI um fast 5%, im von der Schuldenkrise direkt betroffenen Spanien stieg der Ibex Index gar um 14%, während in den USA der Dow Jones um 4% zulegte.

Den erfreulichen Avancen zum Trotz müssen hiesige Investoren jedoch ein ernüchterndes Fazit ziehen: In diesem Jahr liess sich mit vielen Schweizer Aktien unter dem Strich kein Geld verdienen. Der Gesamtmarkt liegt seit Anfang Januar 2010 nur 2% im Plus.

Jetzt ist «Alpha» gefragt

Damit ist klar: Die Zeiten, in denen die Kurse nur nach oben strebten, sind endgültig vorbei. Anleger müssen sich stattdessen auf heftige Schwankungen in beide Richtungen einstellen, bei denen die heutigen Gewinne von den Verlusten von morgen ausradiert werden - kurz, auf einen Seitwärtstrend.

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Wer trotzdem noch vorwärtskommen will, muss darum all sein Können unter Beweis stellen. Es gilt, die wenigen Titel ausfindig zu machen, die unabhängig von der Grosswetterlage an der Börse doch noch Potenzial nach oben aufweisen. Um den Jargon der Fondsmanager zu gebrauchen: Jetzt ist Alpha, die dank aktivem Ausnutzen von Chancen und besserem Know-how erzielte Überrendite, gefragt. «Das ist der richtige Moment, um selektiv nach Aktien zu suchen», sagt etwa Thomas Steinemann, Chefstratege der Bank Vontobel. Auch Aktienstratege Christoph Riniker von Julius Bär sagt: «Stockpicking ist sehr wichtig geworden.»

Wer die hohen Tagesschwankungen betrachtet, könnte dabei versucht sein, sein Glück im kurzfristigen Trading zu versuchen (siehe Text nebenan). Sven Bucher, Leiter Research bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), mahnt aber: «Ein volatiler Handel bietet häufig Kaufchancen, jedoch muss man sich auch bewusst sein, dass eine Phase mit Rückschlägen anhalten kann und entsprechend Buchverluste möglich sind.» Steinemann von Vontobel rät gar gänzlich vom Traden ab. «Der Systemfehler an der NYSE hat gezeigt, wie schnell auch professionelle Händler auf dem falschen Fuss erwischt werden.» Besser halte man sich jetzt an ein bestimmtes Szenario und bewahre kühlen Kopf. Riniker von Julius Bär empfiehlt seinerseits, auf tiefem Niveau zuzukaufen. Doch welche Titel lohnen noch die Investition? Wer sein Heil in der Defensive sucht, ist mit den Blue Chips am Schweizer Aktienmarkt nicht schlecht bedient. Denn diese haben die Eigenschaft, in schwierigen Märkten eine solide Performance zu liefern.

Die Schwergewichte sind noch unter einem anderen Aspekt von Interesse: Nicht wenige der Werte versprechen ansehnliche Dividenden, welche notfalls die fehlenden Kursgewinne ausgleichen können. So liegt die Dividendenrendite der Roche-Genussscheine und der Novartis-Namen derzeit bei rund 4%. Fast 5% rentieren die Aktien der Credit Suisse. Abseits des SMI finden sich zudem gerade bei Gesundheits- und Immobilienwerten attraktive Ausschüttungsverhältnisse (siehe Tabelle).

Europa trotz allem interessant

Wer eine höhere Performance sucht, kann sich den Schwellenlandmärkten zuwenden, die weiterhin hohes Wachstum versprechen. Allerdings dürfte dort der Zugang via Fonds oder ETF leichterfallen als über Einzelwerte. Auch bei diesen Produkten besteht aber eine erhöhte Rückschlaggefahr. So haben diese Märkte 2010 überdurchschnittlich gelitten, nicht zuletzt wegen der nun wirkenden Wachstumsbremse in China. Paradoxerweise von Interesse sind auch europäische Titel - eben gerade, weil die Euro-Zone in Schwierigkeiten steckt. Denn deutsche Unternehmen etwa agieren aus einem trotz allem robusten Wirtschaftsraum heraus und können im Export erst noch vom schwachen Euro profitieren.

 

 


Absicherung gegen Kursstürze: Auch hier braucht es gutes Timing

E inzelne Anleger hatten jüngst ein glückliches Händchen: Sie hatten sich vor wenigen Wochen mit Put-Warrants auf den US-Konsumgüterkonzern Procter & Gamble eingedeckt und 5000 Euro investiert. Als die Aktie dann im Zusammenhang mit dem nicht geklärten Kursverfall an der New Yorker Börse innert Minuten ein Drittel ihres Wertes verlor, sprang der Preis der Position auf satte 22 000 Euro hoch.

In der Regel funktioniert Absicherung allerdings weniger spektakulär, wobei beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Basiswerten festzustellen sind. So zögern Anleger, die auf Aktien- oder Aktienindexderivate setzen, ungleich stärker mit Absicherungsgeschäften als solche, die beispielsweise auf das liquideste Währungspaar Dollar/Euro setzen.

Gleichzeitig erreichen Put-Warrant- oder Mini-Future-Short-Anteile selten mehr als 20% des Gesamtvolumens. Ein klares Indiz dafür, dass Anleger offenbar lieber ganz aus einer Position aussteigen, als sich gezielt auf niedrigere Kurse einzustellen. Die Ausnahme, welche die Regel bestätigt, ist erneut das Währungspaar Dollar/Euro, wo es in den letzten 24 Monaten Call-zu-Put-Anteile von 75 zu 25% bis zu 30 zu 70% gegeben hatte.

Idealerweise werden Absicherungen von Aktiendepots über Index-Put-Warrants oder Mini-Futures in der Short-Variante vorgenommen. Bis Mitte April waren diese Derivate günstig zu haben, weil auch die erwartete Schwankungsbreite auf ein rekordtiefes Niveau gefallen war.

Die Volatilität ist für Warrants ein wichtiger Faktor zur Berechnung des Preises. Weil bei stark einbrechenden Aktienkursen auch die Volatilität steigt, erfahren Put-Warrants gleich einen doppelten Preisschub. Der Schein KSMIW beispielsweise, ein Knock-out-Turbo-Warrant auf den SMI, verdreifachte letzte Woche seinen Wert.

Bei Mini-Futures spielt die implizite Volatilität praktisch keine Rolle. Aber auch hier gilt es, den richtigen Kaufzeitpunkt zu treffen: Der Schein MSMIN auf den SMI beispielsweise war Mitte April für 25 Rp. zu haben. Jüngst sprang der Preis aber auf 1.35 Fr.

Mindestens so schwierig wie das Timing beim Kauf ist die Wahl des richtigen Verkaufszeitpunktes. Experten raten zu disziplinierten Gewinnmitnahmen beim Erreichen gewisser Preise. Der glückliche Käufer der Procter & Gamble-Puts beispielsweise verkaufte die Hälfte - und hat seinen Einsatz verdoppelt, auch wenn der Rest auf null zurückfallen sollte.(mn)