Wenn Sie reich werden möchten, hören Sie nicht auf mich.» Dieser Ratschlag findet sich in der jüngst erschienenen Autobiographie von Jim Rogers. Der frühere Hedgefonds-Manager kokettiert mit seiner Rolle als Investmentguru. Anleger sollten sich lieber eine eigene Meinung bilden.

Seinen legendären Ruf schuf sich der 70-jährige Finanzprofi, indem er zur richtigen Zeit auf Rohstoffe setzte. 15 Jahre ist es her, seit er den Rogers International Commodity Index, kurz RICI, lancierte. Ein Jahr später, 1999, begann eine beispiellose Hausse der Rohstoffpreise, die den Indexstand von anfänglich 1000 Punkten bis Sommer 2007 fast versechsfachte. Dann folgte mit der Finanzkrise der jähe Absturz auf 2200 Punkte. Im laufenden Jahr geriet der Index erneut unter Druck, weil enttäuschende Wirtschaftsdaten in China auf einen deutlich gezügelten Rohstoffhunger hinweisen.

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Doch Rogers rät den gebeutelten Investoren, unbeirrt an den RICI-Indexanlagen festzuhalten, weil der positive Zyklus noch nicht zu Ende sei. Seine Überzeugung, die er in zahlreichen Interviews wiederholt: «Rohstoffhaussen erstrecken sich über Zeiträume von 15 bis 20 Jahren.» Rein rechnerisch würde damit die gegenwärtige Hochpreisphase frühestens 2014, im besten Fall sogar erst 2019 enden.

Schlecht im Timing, gut im Marketing

Rogers setzt bewusst auf Langfristprognosen. Er erklärt dies damit, dass er schlecht im Timing von kurzfristigen Marktbewegungen sei. Er sieht sich nicht als gewiefter Trader wie sein früherer Geschäftspartner George Soros, mit dem er in den 1970er-Jahren erfolgreich zusammengearbeitet hat (siehe Kasten). Stattdessen stellt er sich als akribischen Analysten dar, der Trends aufspürt. Gleichzeitig ist seine Betonung der Langfristigkeit auch eine geschickte Marketingstrategie – als Langfristinvestoren bleiben die Kunden den von ihm gemanagten Indexanlagen länger treu.

Trotzdem dürfte auch Jim Rogers von Geldabflüssen enttäuschter Anleger nicht verschont sein. Dazu lässt er sich aber nichts entlocken. So redselig er sonst bei allen Finanzthemen ist, Fragen nach Geschäftszahlen bleiben bei Jim Rogers unbeantwortet. Laut Schätzungen dürften Anlagevermögen von fast 10 Milliarden Dollar an die breit diversifizierte RICI-Index-Familie gekoppelt sein. Allein rund 3 Milliarden werden von der Schweiz aus gemanagt. Zuständig für die Zusammensetzung und die Vermarktung des Kernindex ist nämlich die Lausanner Rohstoffinvestmentfirma Diapason Commodities Management, welche ein halbes Dutzend Analysten beschäftigt. Jim Rogers zählte 2003 zu den Mitgründern dieses Unternehmens. «Er ist heute zwar nicht mehr an unserem Unternehmen beteiligt», sagt Diapason-Geschäftsleiter Stephan Wrobel, «aber einmal pro Jahr treffen sich die Diapason-Partner mit Jim Rogers, um über die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe im RICI zu entscheiden.» Mit knapp 40 Komponenten ist der RICI der breitest diversifizierte Rohstoffindex.

Diese Treffen finden jeweils in Miami statt. Dort im US-Bundesstaat Florida ist der Sitz der Firma Beeland Interests, die nach Rogers’ zweitem Vornamen Beeland benannt ist und seine Geschäftsaktivitäten verwaltet. Privat wohnt er in Singapur, wohin er 2008 mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern ausgewandert ist. Der Grund für seinen Wegzug waren einmal mehr seine Langfristperspektiven. Während er die Zukunft der USA in düsteren Farben malt und den wirtschaftlichen Niedergang seiner Heimat predigt, strotzt er vor Optimismus für Asien und insbesondere für China.

Es ist auch dieses positive Wirtschaftsszenario, das Roger für China einen schier unersättlichen Hunger nach Rohstoffen aller Art voraussagen lässt. Seit langem trommelt Rogers besonders intensiv für die Agrarrohstoffe. «In Zukunft werden Bauern Lamborghini fahren», behauptet er. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steige weit stärker, als sich das Angebot erhöhen lasse. Die Folge seien höhere Agrarpreise. Diese Wette ging allerdings in den vergangenen Jahren nicht auf – der Subindex von Jim Rogers für Agrargüter fiel in den vergangenen fünf Jahren um 20 Prozent. Über alle knapp 40 Rohstoffe hinweg büsste der RICI Enhanced Index in derselben Zeitspanne sogar mehr als einen Viertel ein – allein im laufenden Jahr steht er 5 Prozent im Minus.

Vor diesem Hintergrund schrieb ein frustrierter Anleger im Finanzblog des Onlinebrokers Swissquote: «Der Rohstoffsuperzyklus ist leider vorbei – ausser Jim Rogers ist das allen klar.» Seit Jahren gebe sich Rogers unbeirrt positiv für alle Rohstoffe, kritisiert auch ein Rohstoff-Fondsmanager. Sein Urteil: «Für mich sind die Einschätzungen von Jim Rogers völlig irrelevant, ganz im Unterschied zu jenen von internationalen Grossbanken.» Im Gegensatz zu Rogers’ weitgehend statischer Anlagestrategie provozieren Grossbanken mit ihrem aktiven Anlagemanagement regelmässig Umschichtungen von Investorengeldern in Milliardenhöhe und bewegen so die Finanzmärkte. Ein Rohstoffexperte, der ungenannt bleiben will, kritisiert, dass Rogers’ Argumentationen zum Teil sehr vereinfacht seien und oft allzu oberflächlich blieben.

Gedrosseltes «Struki-Geschäft»

Wer aber Rogers zum ersten Mal hört, wird von seinem weltmännischen Charisma in den Bann gezogen und lauscht fasziniert seinem breiten Erfahrungsschatz. Nach dem zweiten, dritten Vortrag mag sich Langeweile einstellen, weil sich die Anekdoten wiederholen. Trotzdem hat Rogers in Europa insbesondere bei Publikumsanlegern und zum Teil auch bei institutionellen Anlegern eine treue Fangemeinde. Aufgebaut hat sie Rogers bei zahlreichen Auftritten in Europa, zu denen ihn vor allem die Royal Bank of Scotland (RBS) eingeladen hat. Die britische Grossbank hatte mit Jim Rogers eine Lizenzvereinbarung abgeschlossen, um Anlagen wie Indexfonds und strukturierte Produkte auf der Basis von RICI-Indizes anzubieten. Primär wurden Produkte in der Schweiz und Deutschland abgesetzt, in geringerem Masse auch in den Niederlanden und Italien. Konkrete Zahlen werden nicht veröffentlicht. Aber Urs Knobel, Leiter Marketing für strukturierte Produkte beim Schweizer Arm von RBS, erklärt: «Die Kooperation mit Jim Rogers hat RBS umsatzmässig sicherlich viel gebracht.»

Das betrifft nicht allein die Volumen, sondern auch die Höhe der Margen. Während zum Beispiel Fonds auf andere Rohstoffindizes dem Anleger Verwaltungsgebühren von 0,3 bis 0,55 Prozent belasten, kassiere RBS bei ihrem RICI-Fonds 0,7 Prozent, sagt Lee Davidson. Der Fondsanalyst der bankunabhängigen Researchfirma Morningstar resümiert: «Das ist einer der höchsten Gebührensätze für breit diversifizierte Rohstoffindexfonds.» Die Anleger zahlen bereitwillig, denn langfristig schneidet der RICI besser ab als seine Konkurrenzindizes.

Trotzdem drosselt RBS einzelne Teile des Geschäfts mit RICI-Produkten. Seit das RBS-Mutterhaus vergangenen Monat bekannt gegeben hat, dass es sich weltweit aus dem Geschäft mit strukturierten Produkten für Publikumsanleger zurückziehe, bewirbt die Bank keine strukturierten Produkte mehr auf die RICI-Indexfamilie. Als langfristig orientierte Anlageinstrumente weisen sie nämlich eine unbegrenzte Laufzeit auf und müssten von der RBS als Emittentin zurückgekauft werden, sollte sich kein Unternehmen finden, welches das «Struki»-Geschäft der RBS übernehmen und fortführen will. Anderseits meint Knobel hoffnungsvoll: «Die breite Palette mit Jim Rogers’ Indexprodukten ist ein wertvolles Asset, das uns für einen potenziellen Käufer interessant macht.»

Hier spiegelt sich die Zuversicht von Daueroptimist Jim Rogers.

Lebenslauf: Globetrotter mit Autopilot

Hedgefonds
Nachdem Jim Rogers bei mehreren Wallstreet-Firmen gearbeitet hatte, gründete er 1970 mit George Soros den Hedgefonds Quantum. Zusammen erwirtschafteten sie in 10 Jahren 4200 Prozent Performance, während der Aktienindex S&P 500 «nur» 50 Prozent zulegte. Mit grossem Privatvermögen trennte sich Rogers 1980 im Alter von 37 Jahren von Soros, um sein eigenes Geld zu managen und Hobbys abseits der Wallstreet zu pflegen.

Zweite Karriere
Anfang der 1990er-Jahre startete er zu einer Motorradreise um die Welt. Zur Jahrtausendwende plante er eine weitere mehrjährige Weltreise. Für sein Geld suchte er eine geeignete Anlage, die in seiner Abwesenheit wie ein Autopilot funktionierte. Dafür lancierte er Ende Juli 1998 den Rogers International Commodity Index (RICI). 2007 folgte der RICI Enhanced, der bei der Anlage in Rohstoff-Futures die Kosten optimiert. Mit Erfolg: Die Performance des RICI Enhanced schlägt im Langfristvergleich praktisch alle anderen Rohstoffindizes.