Warum legen die Chinesen so viel Geld auf die hohe Kante? Für viele Ökonomen ist der Grund für die extrem hohe Sparquote des Landes evident: Wegen des rudimentären Renten- und Gesundheitssystems müssten die Bürger selbst vorsorgen. Doch es gibt noch eine andere Erklärung: Der Frauenmangel ist schuld.

Das behaupten zumindest zwei Ökonomen der amerikanischen Columbia University in einer neuen Studie. Während in China vor 30 Jahren noch 106 neugeborene Jungen auf 100 Mädchen kamen, waren es 2007 bereits 124 Jungen auf 100 Mädchen. Statistisch betrachtet muss sich heute mehr als ein Fünftel aller chinesischen Männer auf lebenslange Ehelosigkeit einstellen. Um diesem Schicksal zu entgehen, versuchen ledige Männer daher, mit Ersparnissen ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt zu verbessern.

Brasilien vor China und Russland

Der Männerüberschuss ist aber nur eines der Probleme, das letztlich die 1979 beschlossene «Ein-Kind-Politik» mit sich brachte. Noch weit folgenreicher dürfte nämlich eine andere Konsequenz der Geburtenkontrolle Chinas sein: Die Gesellschaft folgt in den kommenden Jahrzehnten dem Weg der Industrienationen und überaltert. Bis Mitte des Jahrhunderts wird ein Drittel der chinesischen Bevölkerung älter als 60 Jahre sein. Das sind dreimal so viele alte Menschen wie heute.

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Doch das Riesenreich steht mit diesem Problem nicht allein es wird auch andere Schwellenland-Nationen treffen. «In China und Russland wirkt sich die Demografie bereits tendenziell negativ auf das Pro-Kopf-Wachstum aus oder wird dies in Kürze tun», sagt Markus Jäger, Schwellenländerexperte der Deutschen Bank. «Viele denken noch immer, dass sich die Bevölkerungsentwicklung in diesen Ländern uneingeschränkt positiv auf das Wachstum auswirkt. Aber zumindest was das Pro-Kopf-Wachstum betrifft, ist das nicht der Fall.» Für Jäger sind Brasilien und Indien demografisch betrachtet in einer deutlich günstigeren Position als China und Russland.

Der entscheidende Faktor ist für ihn die Entwicklung der Erwerbsbevölkerung. Nach Uno-Prognosen wird diese in China bereits 2015 ihren Höchststand erreichen und dann allmählich schrumpfen. Auch in Russland wird der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter zurückgehen - um 20 Mio in den kommenden beiden Jahrzehnten. In Brasilien dagegen nimmt die Erwerbsbevölkerung um diese Zahl zu. Und in Indien soll sie um 240 Mio Menschen wachsen. Das entspricht rund dem Dreifachen der derzeitigen Gesamtbevölkerung Deutschlands.Um 2030, so die Prognose, soll Indien China als bevölkerungsreichstes Land der Erde ablösen. Wird es dann das Reich der Mitte auch wirtschaftlich überholen? Schliesslich ist «hohes Bevölkerungswachstum generell ein Wachstumstreiber», wie Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der VP Bank, betont.

Doch der demografische Vorteil muss nicht zwangsläufig in eine noch bessere wirtschaftliche Entwicklung münden. Das zeigen Ergebnisse des Demografieforschers Wolfgang Lutz vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse. Er hat untersucht, wie sich das Wirtschaftswachstum eines Landes durch Bildungsinvestitionen ändern kann. Ergebnis: Vor allem Investitionen in flächendeckende Grundschul- und Sekundarausbildung (Schulbesuch bis 15 Jahre) bringen Entwicklungsländer wirtschaftlich voran. Der elitäre Bildungsweg, den Indien eingeschlagen hat, ist nach diesen Erkenntnissen nicht der wirksamste. Das Land investiert zwar viel in Hochschulabschlüsse, aber noch immer ist jeder zweite Inder Analphabet.

Dagegen habe in China fast jeder der unter 30-Jährigen die Volksschule besucht und mehr als die Hälfte die Sekundarstufe. Für Forscher Lutz einer der Gründe, warum in China das Wirtschaftswachstum deutlich über jenem von Indien liegt.

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Die Intelligenzija wandert aus

Auch die Entwicklung in Brasilien beurteilt der Demograf positiv. Das Land habe das Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen und durch die Expansion des Schulsystems das Bildungsniveau breiter Bevölkerungsschichten erhöht. «Eine Erfolgsstory», resümiert Lutz.

Ganz anders Russland: Zwar habe das Land schon seit Jahrzehnten ein gut funktionierendes Bildungssystem. «Aber seit Anfang der 90er-Jahre gibt es einen Brain-Drain - die wissenschaftliche Elite hat das Land verlassen», erzählt Lutz.

Anleger, welche gezielt auf Themen wie Demografie und Schwellenländer setzen möchten, können sich etwa den Fonds Comgest Magellan anschauen: Dessen Manager sucht hochwertige Schwellenland-Unternehmen, die schon lange in ihrem Geschäft tätig sind und deren Lenker langfristig orientiert handeln. Der HSBC GIF Brazil Equity zielt dagegen auf die Konsumfreudigkeit der jungen Brasilianer. Sein Manager José Cuervo hat die Branchen Finanzwerte, Konsumgüter und Telekommunikation im Vergleich zum Leitindex der Börse in São Paulo übergewichtet.

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