Wir haben uns getäuscht. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hielten wir den ersten und zweiten Sektor der Volkswirtschaft zunehmend für passé: Agrikultur? Antiquiert. Industrie? Altmodisch - der Logik des (vermeintlich) Billigeren und Effizienteren folgend ein Fall für rasches Outsourcing. Nur finanztechnische Innovationen und wissensgetriebene Produkte galten noch als zukunftsträchtig.

Kampf um Nahrungsmittel

Wir sehen heute: Das stimmt nicht. Noch immer sind wir weitgehend von der agro-petro-chemischen Welt abhängig. Jetzt wird wieder um Commodities gekämpft. Energie und Ernährung sind die Achillesfersen der kommenden Jahre - nur schon aus demografischen Gründen, denn mit Ausnahme von Europa wird die Bevölkerung auf allen Kontinenten wachsen.

Zudem sind die Produktivitätsfortschritte in der Landwirtschaft keineswegs atemberaubend, und die heute noch vorhandenen Säulen der billigen Ernährung wanken: Es schwinden zunehmend das billige Land, die billigen und willigen Bauern, der billige Dünger, die billige Energie, die billigen Transporte, das billige Wasser - und immer mehr auch das verlässliche Klima bzw. Wetter. Damit bahnen sich Konflikte um den Zugang zu landwirtschaftlich nutzbarem Land an. In sogenannten Drittweltländern ist dieser Wettlauf um Agrarflächen bereits entbrannt, wollen sich Emerging Nations wie Kuwait, Indien oder China doch entsprechende Gebiete sichern. Und plötzlich geraten Kambodscha, Äthiopien, der Sudan oder auch die Türkei auf den Radarschirm. Zum Vergleich: Gemäss Uno hat Afrika rund 733 Mio ha Ackerland zur Verfügung - mehr als Asien mit 628 Mio ha oder Lateinamerika mit 570 Mio ha.

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Gleichzeitig kommen die gentechnischen Entwicklungen nur stockend voran. Das Saatgut wirft zu wenig schnell Profit ab, und die Risikobereitschaft pendelt sich auch hier auf einem tieferen Niveau ein. Da versuchen viele Investoren, sich mit der aggressiven Patentierung von konventionellen Zuchtmethoden Vorteile zu verschaffen.

Bei der Energie wird es eng

Enger wird es aber auch bei der Energie. Immerhin: Ohne Öl können wir notfalls überleben, nicht aber ohne Nahrung; ohne gesicherte Ernährung keine prosperierende Zukunft. Henry Kissinger prägte in den 70er-Jahren angesichts des Erdölschocks den Satz: «Wer das Öl beherrscht, beherrscht die Nationen, aber wer die Ernährung beherrscht, beherrscht die Menschen.»

Kurz: Die hochfliegenden Fantasien des «geleverageten» Lifestyles sind tot, wir sind wieder in der harten Realität gelandet.