Die Nationalversammlung in Frankreich ist gewählt. Sie umfasst 577 Abgeordnete und Macron zählt mit seiner Partei «La Republique En Marche» und der verbündeten «Mouvement démocrate» (MoDem) Partei eine satte Mehrheit von 350 Sitzen. Damit stellt er 61 Abgeordnete mehr als die absolute Mehrheit von 289 und kann somit durchregieren. Und dies scheint sein fester Wille zu sein. Anstatt sich erst einmal in eine verdiente Sommerpause zurückzuziehen, stürzt sich Macron in die Arbeit. Er weiss, dass grosse Aufgaben vor ihm liegen, und die Hoffnungen nicht nur seines Landes, sondern des gesamten Kontinents auf ihm ruhen.

Seit dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise ist Frankreich das eigentliche Sorgenkind Europas. Die Grande Nation bildet gemeinsam mit Deutschland die Speerspitze der europäischen Wirtschaftskraft und umso wichtiger ist es, dass diese beiden Länder auf soliden Beinen stehen. Während in Deutschland die Arbeitslosenquote seit der Finanzkrise um 2,4 Prozent auf ein Rekordtief von 5,6 Prozent fiel, stieg diese in Frankreich um 2,5 Prozent auf nun 9,3 Prozent.

Niedrige Wahlbeteiligung könnte zum Bumerang werden

Auch beim Wirtschaftswachstum, Exporten und Haushaltsdefizit schwächelt Frankreich. Besorgniserregend erscheint der drückende Schuldenberg, welcher mittlerweile 96 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmacht – im Vergleich hierzu liegt Deutschland bei gerade einmal 68 Prozent. Es muss in Frankreich also viel geschehen – Macron scheint der richtige Mann dafür zu sein.

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So gut die Zahlen für Macron aussehen, wir müssen uns eine Sache vor Augen halten - die historisch niedrige Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen könnte noch zu einem Bumerang für den neuen Präsidenten werden. Gerade einmal 44 Prozent der Franzosen sind bei der zweiten Wahlrunde der Parlamentswahlen an die Urne gegangen. Was einen Schatten auf die absolute Mehrheit für die Regierungspartei «La Republique En Marche» wirft. Obwohl die Opposition parlamentarisch nichts ausrichten kann, bedeutet diese niedrige Wahlbeteiligung vielmehr, dass sich die wahre Opposition auf der Strasse versammeln wird.

Franzosen sind ein streikfreudiges Land

Die Franzosen sind ein streikfreudiges Land, welches hervorragend in verschiedenen Gewerkschaften organisiert ist. Insbesondere die Arbeitsrechtsreform, welche Ende Juni vorgestellt werden soll, wird zum ersten Lackmustest der neu gewählten Regierung. Die Gewerkschaften werden gleich zu Beginn klarmachen wollen, dass nicht an ihnen vorbeiregiert werden kann. Zwar signalisierte der neu gewählte Präsident seine Bereitschaft zu einem engen Dialog mit den Sozialpartnern, doch könnten Kompromisse die grossen Pläne Macrons verwässern.

Die Märkte glauben dem Präsidenten derweil, dass ihm die Quadratur des Kreises gelingen wird. Die Renditen für 5- und 10-jährige Staatsanleihen sanken um je circa 30 Basispunkte. Und reduzierten somit den Spread, also die Differenz, zu den deutschen Staatsanleihen deutlich. Auch die Credit Default Swaps (CDS), welche als Mass für die Kreditausfallwahrscheinlichkeit eines Emittenten gelten, fielen sowohl für 5- als auch für 10-jährige Fälligkeiten um jeweils 35 Basispunkte.

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Nach einem heissen Sommer ein heisser Herbst?

Der Druck auf Macron scheint enorm also verwundert es nicht, dass er sich konzertiert an die Arbeit macht, um das unmöglich Erscheinende möglich zu machen. Die Präsidentschaft Macrons und die Reformbereitschaft Frankreichs werden sich in diesem Herbst entscheiden. Nach einem heissen Sommer könnte uns also ein noch heisserer Herbst bevorstehen – der Volatilität im Markt würde dies in jedem Fall helfen.

*Christos Maloussis ist Market Analyst bei der IG Bank 

 

 

 

 

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