Als der frühere UBS-Banker Renzo Gadola 2009 in Miami einem US-Kunden davon abriet, sein unversteuertes Vermögen zu deklarieren, gab es gute Gründe dafür. Das Geld lag bei der Basler Kantonalbank. Gadola argumentierte, dort sei es absolut sicher, zumal das Institut über eine Staatsgarantie und keinerlei Aktivitäten in den USA verfüge.

Gadola sollte sich täuschen. Er wusste nämlich nicht, dass der Kunde bereits geständig war und mit den amerikanischen Strafbehörden kooperierte. Der Banker wurde verhaftet und von den US-Justiz­behörden zum Kronzeugen für eine neue Welle von Strafklagen instrumentalisiert, die derzeit hohe Wellen bei knapp einem Dutzend Schweizer Banken schlagen. Bereits mussten die zehn verdächtigten In­stitute «statistische» Kundendaten in die USA liefern. Es droht ihnen eine Busse in Milliardenhöhe. Hinzu kommt ein enormer Imageschaden. Erstmals trifft es nun auch ein Schweizer Staatsinstitut. Willkommen im Klub der Erpressbaren.

Die Eskalation wirft ein schiefes Licht auf die 24 Kantonalbanken, denen bislang ein absolut integres, seriöses und vor allem auch sicheres Image vorauseilte. Nun aber stellt sich heraus, dass sich offenbar einige in einem höchst ungünstigen Moment zu einem unreflektierten Profitstreben hinreissen liessen. Sie nahmen allzu leichtfertig hohe Risiken in Kauf, indem sie direkt oder indirekt über unabhängige Vermögensverwalter Tausende von Kunden akzeptierten, die zuvor bei der UBS in Ungnade gefallen waren.

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Hanspeter Hess, Direktor des Verbands Schweizerischer Kantonalbanken, betont zwar, dass die jüngsten Ereignisse kein Verbandsthema seien, räumt aber ein, dass in manchen Fällen «möglicherweise zu opportunistisch» vorgegangen wurde. Dies findet mittlerweile auch der Bankratspräsident der Basler Kantonalbank. Andreas C. Albrecht meinte gegenüber der «Basler Zeitung»: «Es wäre wohl gescheiter gewesen, wir hätten die Tür für die Amerikaner früher geschlossen.» Man sei nicht davon ausgegangen, dass die USA in dieser Konstellation die Bank belangen würden.

Die Schlagzeilen rund um das Basler Staatsinstitut sind ein Dämpfer für die Kantonalbanken. Nachdem sie sich in der Finanzkrise und den Jahren danach wacker geschlagen hatten und als stabilisierender Faktor für den hiesigen Bankenplatz galten, wie Hanspeter Hess gerne betont, werden sie nun gleich mit verschiedenen Problemen konfrontiert: Die schwächelnde Konjunktur, die lahmende Börse und das anhaltende Tiefzinsumfeld belasten ihren Alltag; vor allem, weil die Kantonsinstitute den Löwenanteil ihrer Erträge im Zinsdifferenzgeschäft erzielen, also mit Spargeldern, die sie teurer als Kredite wieder vergeben. Im anhaltenden Tiefzinsumfeld lassen sich damit keine grossen Gewinne einfahren. Hinzu gesellt sich der ganze Strukturwandel, seit das Bankgeheimnis mit ausländischen Kunden faktisch tot ist.

Ärger im Verband

Umso härter tobt der Wettbewerb, während gleichzeitig verschärfte Auflagen und Bestimmungen das Geschäft der Kantonalbanken tendenziell erschweren. Verbandsdirektor Hanspeter Hess stösst sich besonders an den jüngsten Regulierungsanforderungen. «Wenn die Kantonalbanken dieselben Vorgaben erfüllen müssen wie die Grossbanken, läuft etwas nicht richtig.» Hess äussert sich kritisch dazu, dass die Staatsinstitute in der Krise als Stabilisatoren gelobt wurden, nun aber über denselben Leisten wie die UBS und Credit Suisse geschlagen werden. Tatsächlich fehlt derzeit der starke Mann an der Spitze der Kantonalbanken, seit Peter Siegenthaler Ende Mai dieses Jahres überraschend erklärte, von seinem Amt per Ende 2011 zurückzutreten.

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen, als der frühere Direktor der Finanzverwaltung Mitte 2010 zum Präsidenten des Verbands Schweizerischer Kantonalbanken angetreten war. Eine bessere Wahl hätte es kaum geben können, hiess es unisono, was auch zutraf. Immer wenn die Schweiz in der Vergangenheit Finanzprobleme bekundet hatte, war Siegenthaler in die Bresche gesprungen: 2001 erwies er sich als Mastermind und ruhender Pol bei der Bewältigung der Swissair-Krise, 2008 diente er sozusagen als Back-up für Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand, welcher das Rettungspaket für die UBS der Öffentlichkeit präsentierte, und als es später ­darum ging, die gewaltigen Systemrisiken der Grossbanken zu entschärfen, war Siegenthaler als Präsident der entsprechenden Expertenkommission bald gesetzt – ein Mann von höchster Integrität und Glaubwürdigkeit, wie es hiess.

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Für die Kantonalbanken ein Glücksgriff also, auch deswegen, weil er der erste Verbandspräsident war, der weder aus den ­eigenen Reihen stammte, noch wie seine Vorgänger je ein politisches Amt ausgeführt hatte – kurzum, er bot beste Voraussetzungen, um neuen Elan in den Verband zu bringen. Es sollte anders kommen.

Nicht einmal ein Jahr nach seinem Amtsantritt gab Siegenthaler bekannt, den zeitlichen Aufwand für sein Mandat massiv unterschätzt zu haben, was sich nicht mit seiner Work-Life-Balance in Einklang bringen liesse. Rückblickend bekräftigt er, die konkreten Projekte seien zeitlich sehr aufwendig gewesen. Es habe viel Überzeugungskraft gekostet. Er habe zwar einiges bewegt, aber keine grossen Sprünge gemacht. Mehr will Siegenthaler, der offiziell noch bis Ende Jahr als Präsident amtet, nicht zu seinem Abgang sagen.

Über seinen unerwartet raschen Abgang ist viel spekuliert worden. Wie sich in Gesprächen mit Kantonalbankchefs zeigt, musste Siegenthaler während seiner kurzen Amtszeit feststellen, dass sich die ­Kooperationsbereitschaft zwischen den 24 Instituten in Grenzen hält.

Die meisten Häuser wollen nach wie vor möglichst vieles selber machen und betrachten andere Kantonalbanken als Konkurrenten. Viele sind bereits über ihre Kantonsgrenzen tätig und liefern sich so einen harten Wettbewerb. Darum erwiesen sich die Bemühungen, die Kantonalbanken «in kleinen Schritten zu mehr Kooperationen» zu bewegen, als weitaus aufwendiger, als Siegenthaler sich dies tatsächlich vorgestellt hatte. Hinzu gesellten sich Animositäten zwischen einzelnen ­Instituten, wie den Zürchern und Waadtländern, oder zwischen grossen und kleinen Banken. Unterschiedlich sind auch die Strategien zwischen jenen Häusern, die an der Börse kotiert sind, und jenen, die im Vollbesitz des Staates sind.

24 Einzelrealitäten

«Die Kantonalbanken verkörpern letztlich 24 Einzelrealitäten. Dies beinhaltet, dass sie nicht nur Partner, sondern auch Konkurrenten sind», sagt Verbandsdirektor Hess. Auf Gruppenebene könnte realistisch gesehen weder eine Gesamtfusion noch eine Konzernbildung ein sinnvoller Auftrag sein. Vielmehr seien die Kantonalbanken ein Spiegelbild föderalistischer Ausprägung, erklärt Hess.

Der künftige Verbandspräsident soll in diesem Herbst bestimmt werden, wie Bernard Kobler, Chef der Luzerner Kantonalbank und Vorsitzender des Personalausschusses, bekräftigt. Der neue starke Mann an der Spitze der Kantonalbanken übernimmt dannzumal kein einfaches Amt. Auch als Institute in (mehrheitlich) Staatsbesitz können sich die Kantonalbanken dem branchenweiten Paradigmenwechsel nicht entziehen.

Mit anderen Worten: Das Bankgeschäft wird auch für sie anspruchsvoller und komplexer. Die Imagerisiken steigen, während die Geschäftsbeziehungen mit ausländischen Kunden an Attraktivität verlieren. Der hohe Bearbeitungsaufwand führt zu steigenden Kosten, und die Margen verharren unter Druck. Die Risikobereitschaft der Kunden hat deutlich abgenommen, stattdessen dominiert extreme Zurückhaltung. Das wiederum erhöht die Anforderungen an die Kundenberater drastisch. «Eine verstärkte Zusammenarbeit wird unabdingbar», sagt Kobler.

Kooperationsmöglichkeiten bei der ­Erbringung von Online-Dienstleistungen prüft derzeit eine Arbeitsgruppe innerhalb des Verbands, wie Hanspeter Hess erklärt, und er fügt an: «Hierbei wird das gesamte Spektrum von Online-Auftritten und -Dienstleistungen geprüft.» In anderen Bereichen werde situativ eine verstärkte Koordination oder punktuelle Zusammenarbeit evaluiert.

Vor dem Hintergrund der aufziehenden Ereignisse hat der Verband Schweizerischer Kantonalbanken auch eine Arbeitsgruppe eingesetzt, welche sich mit den Folgen und Auswirkungen von Fatca (Foreign Account Tax Compliance Act)­ befasst, einer radikalen Gesetzesvorlage aus den USA, die die Banken in den nächsten Jahren in Sachen Steuer-Reporting weltweit noch stärker in die Pflicht nimmt. In diesem Bereich konnten den Kantonalbanken bereits gemeinsam erarbeitete Module zur Anwendung unterbreitet werden. Ähnliches ist für die Umsetzung des Abgeltungssteuer-Abkommens denkbar. Doch das kann bestenfalls der Anfang sein.

Insider rechnen mit dritter Klagewelle

Als ernst zu nehmende Belastung für die Kantonalbanken erweist sich bis auf Weiteres aber die Ungewissheit in den Querelen mit der amerikanischen Justiz. Bereits gehen Insider davon aus, dass eine dritte Klagewelle weitere Kantonsinstitute einholen könnte. Damit stellt sich die Frage, ob die Kantone nötigenfalls eine Garantie für ihre Banken leisten müssten.

Diesen Entscheid fällen die Eigentümer, also die Kantonsparlamente und so letztlich das Stimmvolk, das sich bis heute allerdings stets geschlossen hinter seine Kantonalbanken gestellt hat. So besehen hatte der Banker Renzo Gadola durchaus recht, als er sagte, das Geld bei einer Staatsbank sei absolut sicher.

 

Im Visier der US-Justiz: Schwarzgeld-Leichen in der Weissgeld-Ära

Mittelsmänner
Genau genommen ist die Basler Kantonalbank (BKB) in der jüngsten Eskalation um unversteuerte Vermögen bloss ein Nebenschauplatz. Die Affäre dreht sich primär um die beiden ehemaligen UBS-Banker Martin Lack und Renzo Gadola, die als unabhängige Vermögensverwalter US-Kunden betreuten und diese von der UBS zur BKB schleusten.

Drehscheibe Zürich
Einen aktiven Part spielte dabei die Private-Banking-Filiale der BKB in Zürich, wohin das Geld floss. Gemäss Angaben aus Basel wurde in der Limmatstadt rund eine halbe Milliarde Franken von sogenannten USPersonen verwaltet. Dokumentiert sind bisher neun problematische Fälle. Dabei spielte auch ein BKB-Banker in Zürich eine tragende Vermittlerrolle. Er ist inzwischen von seiner Tätigkeit freigestellt worden. Abklärungen laufen.

Verhängnis
Zum Verhängnis wurde für die BKB, dass ihre obersten Verantwortlichen zu spät die Brisanz dieser grenzüberschreitenden Aktivitäten erkannten. Obschon in der Branche schon 2008 klar war, dass es noch andere Schweizer Banken als die UBS treffen würde, nahm man bei der BKB bis im Februar 2009 aktiv US-Kunden an, die anderswo nicht mehr willkommen waren. Dass dies eine Fehleinschätzung war, räumte diese Woche der BKBBankratspräsident Andreas C. Albrecht gegenüber der «Basler Zeitung» ein. Er sagte: «Wir gingen nicht davon aus, dass die USA in dieser Konstellation die Bank belangen würden.»

Imageproblem
Die Verwicklungen der BKB strapazieren den Ruf der Kantonalbank. Bereits ist die Rede davon, dass weitere Staatsinstitute von der US-Justiz ins Visier genommen werden könnten.