Die Grossbanken haben die Schweiz wieder entdeckt: Die UBS etwa stärkt den Heimmarkt mit einer eigenen Division. Müssen sich die Kantonalbanken nun auf verschärfte Konkurrenz gefasst machen?

Paul Nyffeler: Es ist für mich nachvollziehbar, wenn die UBS nun wieder versucht, die Schweizer Kunden zurückzugewinnen. Eigentlich war das ja zu erwarten. Die Kantonalbanken sind jetzt gefordert, die durch die Finanzkrise gewonnenen Neukunden dauerhaft an sich zu binden und von den Vorteilen ihres Geschäftsmodells zu überzeugen.

Nach dem grossen Neugeldzuwachs 2008 brechen jetzt härtere Zeiten für die Kantonalbanken an?

Nyffeler: Die Jahresabschlüsse 2008 der Kantonalbanken zeigen, dass uns in der Krise das meiste Geld zugeflossen ist. Ob es 2009 noch so viel wechselwillige Kunden gibt, weiss ich nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass der Trend Bestand hat, solange die Verunsicherung anhält.

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Viele Kantonalbanken rechnen mit einem schwierigen Jahr 2009. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?

Nyffeler: Am wichtigsten ist sicher unsere Rolle als Stütze des Finanzsystems. Wir müssen dafür sorgen, dass freie Mittel wieder dem Kreislauf zugeführt werden.

Allerdings parken die Kantonalbanken ihre Mittel auch weiterhin lieber bei der Schweizerischen Nationalbank SNB, als sie anderen Banken auszuleihen.

Nyffeler: Dies war in der ersten Phase der Verunsicherung nur konsequent und sicherheitsorientert. Allerdings bringt das bei der SNB parkierte Geld kaum Rendite. Deshalb ist die Aktion, über die der UBS gegen Pfandbriefe auf ihre Hypotheken 2 Mrd Fr. zugeführt wurden, richtungsweisend für die Zukunft. Das wird weiter ausgebaut, und die Kantonalbanken werden einen wesentlichen Teil dazu beitragen. Ich kann mir vorstellen, dass 2009 diesbezüglich noch Pfandbriefe in Milliardenhöhe emittiert werden. Denn es braucht noch mehr Mittel als dieses erste Paket.

Was können die hochliquiden Kantonalbanken sonst noch tun, um die Folgen der Finanzkrise zu lindern - viele sind ja an einen Staatsauftrag gebunden?

Nyffeler: Jede einzelne Kantonalbank pflegt primär das Geschäft im kantonalen und regionalen Bereich, in der Regel mit grossem Verantwortungsbewusstsein. Ich sehe deshalb nicht, warum die Kantone jetzt plötzlich neue Regeln erlassen sollten.

Die Frage ist, ob das im jetzigen rezessiven Umfeld noch gilt. Denken Sie nicht, dass der politische Druck zunimmt?

Nyffeler: Es ist möglich, dass manche Firmen einen grösseren Kapitalbedarf haben werden oder gar in Schwierigkeiten geraten. Trotzdem ist in jedem Fall nicht nur der Sanierungsbedarf, sondern auch die Möglichkeit auf Erfolg zu prüfen. Diese Grundkriterien müssen aufrechterhalten werden. Das enge Gespräch mit den Unternehmen hat auch in der Vergangenheit mehr gebracht als Druck von politischen Instanzen. Ich glaube deshalb nicht, dass die Kantonalbanken zu ausserordentlichen Massnahmen gedrängt werden.

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Allerdings wurden Kantonalbanken auch schon beschuldigt, sie hätten bei der Kreditvergabe die Bremsen angezogen. Was entgegnen Sie solchen Vorwürfen?

Nyffeler: Die Nationalbank, die es wissen muss, spricht im Zusammenhang mit der Kreditklemme von anekdotischen Fällen. Unsere Kreditfinanzierung funktioniert nach wie vor. Anzeichen einer Kreditklemme sind aus unserer Sicht nicht erkennbar. Im Gegenteil: Das Kreditvolumen ist 2008 deutlich gewachsen, und dieser Trend setzt sich fort.

Gibt es weitere Initiativen zu günstigen Krediten?

Nyffeler: Das Geld hat einen Marktpreis, den Zins, und der ist jetzt auf einem sehr tiefen Niveau. Die Kantonalbanken haben ihre Konditionen als Erste gesenkt. Wenn die Leitzinsen weiter zurückgehen, werden sie noch weiter reduzieren.

Zusätzlich gibt es die Überlegung, spezielle KMU-Kreditfonds aufzusetzen. Dieses Ziel verfolgt etwa kmufinance plus von Nationalrat Otto Ineichen, der auch verschiedene Kantonalbanken angehören. Eine sinnvolle Vorgehensweise?

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Nyffeler: Ich gehe davon aus, dass dafür eine Nachfrage besteht. Ich halte es für transparenter, jeden Fall einzeln anzuschauen, als Kredite über einen Fonds zu vergeben. So entgeht man eher der Gefahr, überholte Strukturen zu erhalten.

Immerhin, dem Kanton Glarus war die Erhaltung seiner Staatsbank jüngst 20 Mio Fr. wert. Werden die kleineren Kantonalbanken die Rezession überstehen?

Nyffeler: Es ist ein Glück, dass der Kanton Glarus als Eigner die Mittel direkt einschiessen konnte. Gesamthaft verfügen alle Kantonalbanken über einen hohen Eigenmittelanteil. Wenn nicht gewaltige Umwälzungen geschehen, werden sie die Krise in gestärkter Position überstehen.

Europaweit hat die Konsolidierung der Bankenszene schon eingesetzt. Ist solches auch für die Schweizer Kantonalbanken denkbar?

Nyffeler: Jeder Kanton hat seine eigenständige Kantonalbank - und das ist wohl auch das Haupthindernis für etwaige Zusammenschlüsse. Eine alte Idee von mir ist, dass es langfristig eine Regionalisierung geben könnte, dass sich Nachbarbanken zusammenschliessen. Vorläufig ist das aber eher ein Denkmodell.

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Im IT-Bereich etwa gibt es schon Kooperationen.

Nyffeler: Operativ lässt sich einiges machen, klar. Dieser Weg wird immer noch zu wenig genutzt. Mit der Fondsgesellschaft Swisscanto und der Pfandbriefzentrale haben wir die besten Beispiele, wie es funktionieren könnte. Kleinere Banken könnten viel gewinnen, wenn sie etwa auch im Emissionsgeschäft, in der Compliance und im Risikomanagement enger zusammenarbeiten würden.

Das klingt nach einem Appell. Sind die Kantonalbanken zu wenig vernetzt?

Nyffeler: Wir haben immer wieder Initiativen gestartet und dies ist auch die von unseren Mitgliedern gewünschte Funktion. Aber es ist nicht immer einfach, und es braucht auch eine gewisse Frustrationsresistenz. Ich bin aber überzeugt, dass der dezentrale Weg der Richtige ist. Und vielleicht bietet ja die Finanzkrise einen Ansatz zur Erkenntnis, dass man tatsächlich mehr zusammenarbeiten sollte.

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Zusammenhalt würde sich auch im Auftritt gegen aussen lohnen: In Deutschland etwa steht Berichten zufolge ein Plan kurz vor der Publikation, welcher Steueroasen austrocknen soll. Wie gross ist die Gefahr für den hiesigen Finanzplatz?

Nyffeler: Die Schweiz ist sehr exponiert, und ich zweifle nicht daran, dass solche Pläne ernst gemeint sind. Die Frage ist nur, ob die Angriffe auch in das Herz des Schweizer Vermögensverwaltungsgeschäfts treffen - denn in der EU denken ja nicht alle gleich. Das, was Herr Steinbrück sich vorstellt, kann wohl nicht einfach so übernommen werden. Und die Schweiz tut gut daran, darauf hinzuweisen, dass es auch im EU-Raum steuergünstige Offshore-Plätze gibt.

Die EU-Staaten haben wegen der Konjunkturpakete immense Ausgaben. Da sind sie doch gezwungen, Steuerschlupflöcher dicht zu machen?

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Nyffeler: Langfristig kann sich die Schweiz wohl nicht der Diskussion entziehen. So könnte ich mir vorstellen, dass die Grenze zwischen Steuerhinterziehung und -betrug aufgeweicht wird und es beim Informationsaustausch Änderungen gibt.

Dagegen wehrt sich der Schweizer Finanzplatz vehement. Was unternehmen Sie als oberster Lobbyist der Kantonalbanken?

Nyffeler: Dieses Thema verfolgen wir vorab als Mitglied der Bankiervereinigung. Die Stellen, die dieses Dossier bearbeiten, sind im engen Kontakt mit der Politik.

Allerdings sind die Kantonalbanken gleich doppelt im Visier der EU-Steuerfahnder. Erstens wegen des Bankgeheimnisses, aber auch, weil die Staatsgarantie als indirekte Steuerbegünstigung angesehen wird.

Nyffeler: Das sehe ich ganz anders. Wer hat am meisten Banken verstaatlicht, wenn nicht die EU-Länder? Neben den bisher aufgeworfenen Milliardenbeträgen für Finanzinstitute nimmt sich unsere Staatsgarantie geradezu verschwindend klein aus. Zudem wird sie von den meisten Kantonalbanken speziell abgegolten. Bis die Diskussion wieder aufgenommen wird, fliesst noch viel Wasser den Rhein hinunter. Und vom Streit ums Bankgeheimnis sind die Kantonalbanken nicht massgeblich betroffen. Denn wie gesagt: Die meisten Kunden kommen aus der Schweiz. 60 bis 70% der Erträge erarbeiten die Institute auf der Zinsseite im Inland.

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