Die schweren Börsenverwerfungen dieser Tage - Swiss Market Index unter 4500 Punkten, Dow Jones unter 7000 Zählern - haben im Kern einen Auslöser: Firmen brauchen dringend Geld. So soll der ehemals weltgrösste Versicherer AIG von der US-Regierung nochmals 30 Mrd Dollar erhalten. Die anglo-chinesische Grossbank HSBC will ihrerseits mit einer massiven Kapitalerhöhung am Finanzmarkt 12,5 Mrd Pfund lösen.

Nicht nur Banken im Fokus

Aktionen wie bei HSBC sind dabei auch vermehrt in der Schweiz zu beobachten. 2007 beliefen sich die Kapitalerhöhungen hierzulande noch auf 1,6 Mrd Dollar. 2008 schnellte das Volumen dann auf über 15 Mrd Dollar hoch. Grund dafür sind vorab die Geschehnisse bei der UBS. Gerade eben hat aber auch das Aktionariat des Zuger Rohstoffkonzerns Xstrata einer Erhöhung des Eigenkapitals um umgerechnet knapp 7 Mrd Fr. zugestimmt. Und dies könnte erst der Auftakt gewesen sein. «Die Statistik zeigt, dass derzeit ein grosser Teil der Kapitalaufnahme am Markt über die Ausgabe von Bezugsrechten erfolgt. Ich nehme an, dass dieser Trend noch zunehmen wird», sagt Nick Bossart, Head Investment Banking bei der Deutschen Bank Schweiz (siehe Interview unten). Die Bilanzen der Unternehmen sprechen dafür: Wegbrechende Einkünfte stehen gleich hohen oder noch höheren Schulden gegenüber. So geht Karl Spielberger, Leiter Firmen und institutionelle Anleger Schweiz bei der UBS, zwar nicht von echten Engpässen bei der Unternehmensfinanzierung aus - eine Ausnahme bildeten aber heute schon grosse Unternehmen und grosse Kreditbeträge, bei denen Schweizer Banken allein nicht genügend Kreditkapazität hätten.Längst nicht mehr nur angeschlagene Grossbanken müssen sich überlegen, ob sie Kapital über die Vergabe von Bezugsrechten aufnehmen wollen. «Grundsätzlich sehen wir auch Kapitalerhöhungen bei Versicherungen, Rohstoffproduzenten, Versorgern, im Bereich Immobilien und bei Industriewerten», sagt Bossart von der Deutschen Bank. «Kapitalerhöhungen sind bei Industriefirmen ein Thema», bestätigt auch Barend Fruithof, Leiter Corporate Clients bei Credit Suisse Schweiz. Die UBS erwartet ihrerseits, dass neben Firmen der Bereiche Textilmaschinen, Automobilzulieferung, Maschinenbau und Zement auch Biotech-Unternehmen zusätzliches Kapital benötigen könnten (siehe Tabelle).

Insolvenzen abwenden

Für alteingesessene Aktionäre eine zwiespältige Angelegenheit. Denn einerseits droht ihnen die «Verwässerung», falls sie keine Bezugsrechte erhalten, um bei der Kapitalerhöhung mitzutun. Damit würde auf lange Sicht ein tieferes Wertsteigerungspotenzials drohen. Heute dürfte allerdings die Werterhaltung im Vordergrund stehen: Bekommt das Unternehmen jetzt Kapital, kann es eventuell eine drohende Insolvenz abwenden, die für Altaktionäre einem Totalverlust gleichkäme.

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Im besten Fall sorgt die Finanzspritze dafür, dass die Firma gestärkt aus der Krise hervorgeht. Investoren, die darauf wetten, gibt es offenbar genug: Gemäss Bossart finden Kapitalerhöhungen derzeit eine gute Nachfrage.

 

 

NACHGEFRAGT nick bossart, Head Investment Banking, Deutsche Bank Schweiz


«Verwässerung ist nicht Hauptproblem»

Sie erwarten, dass Firmen vermehrt Kapitalerhöhungen durchführen müssen. Was sind die Treiber?Nick Bossart: Firmen haben in einer Rezession erhöhten Eigenkapitalbedarf. Sinkende Betriebsgewinne, steigende Umlaufvermögen sowie cash-wirksame Restrukturierungen führen zu steigendem Liquiditätsbedarf. Dazu kommt sich die erschwerte Refinanzierung von bestehendem Fremdkapital.

Investoren werden dies nicht gerne sehen, droht doch eine Verwässerung ihrer Anlage?

Bossart: Einerseits wird die Verwässerung durch Bezugsrechte abgefedert. Anderseits ist im heutigen Umfeld die Verwässerung für viele Investoren kein prioritäres Problem. Das Ziel von Investoren ist es vielmehr, die Werterhaltung ihrer Anlage zu sichern. Mit Kapitalerhöhungen können die Verschuldung und die Zinslast auf ein tragbares Niveau gebracht werden. Zudem behält das Unternehmen seine Flexibilität bezüglich Restrukturierung und Konsolidierung und kann somit als Gewinner aus der Krise hervorgehen. Damit ist auch eine Wertsteigerung in Sicht.

Sie haben die Konsolidierung angesprochen: Begünstigen Kapitalerhöhungen letztlich die Übernahmetätigkeit?

Bossart: Wir werden bezüglich Übernahmen ein relativ ruhiges 1. Halbjahr erleben. Danach ist eine Zunahme der Aktivitäten wahrscheinlich. Unter anderem auch, weil Unternehmen vermehrt Übernahmen mit Eigenkapital finanzieren. Bereits jetzt gut kapitalisierte Firmen werden im Vorteil sein.

Geht dies zulasten von IPO?

Bossart: Börsengänge sind an ein gutes Marktumfeld gebunden - heute liegt der Trend klar bei Kapitalerhöhungen. Grosse, sehr solide Firmen könnten sich aber gegen Ende 2009 wieder Gedanken über ein IPO machen.