Die Anleger nehmen die erwartete Wirtschaftserholung mit Schwung vorweg über 40% ist allein der hiesige Aktienmarkt seit dem absoluten Tiefpunkt im letzten März gestiegen. Und die Anlegerinnen?

Ausgerechnet sie, die mit ihrer vorsichtigen Anlagestrategie als heimliche Gewinner der Finanzkrise gelten - sie reagieren auf die Hausse nicht mit Jubel, sondern mit Frust. «Die Verunsicherung der Frauen ist gross», berichtet etwa die Finanzpublizistin Fleur Platow. Als Beraterin der Schweizer Anlegerinnenvereinigung Smart Ladies Investment Club SLIC tourt Platow durchs Land und fühlt den Investorinnen den Puls. «Viele Frauen sind frustriert vom Umstand, dass ihre Portefeuilles immer noch bis zu einem Drittel unter den einstigen Höchstwerten notieren.»

Bauchentscheide rentieren

Die Folge ist oftmals Verweigerung: Die Foren seien weniger gut besucht als auch schon, so Platow. Und auch wenn manche Anlegerinnen mehr handeln möchten: «Den Trade-Knopf zum Abschluss eines Online-Auftrags zu drücken bereitet Probleme», so Platow.

Doch weshalb vergeben die Frauen ausgerechnet jetzt, wo sich das Umfeld zum Besseren wendet, den Matchball? Die Antwort der Forschung: Eben weil sie Frauen sind. «Die Frauen sind eher risikoscheu und traden weniger», sagt Andrea Schenker-Wicki, Professorin am Institut für Strategie und Unternehmensökonomik an der Universität Zürich, eine Spezialistin für Gender-Themen in der Wirtschaft. «Wenn die Börse aufwärts geht, schneiden sie etwas schlechter ab.» Anders die Männer. Wie Studien zeigen, sehen diese auch den Anlagebereich als eine Möglichkeit, Mitbewerber aus dem Feld zu schlagen. Sie handeln gerne und rasch, dreinreden lassen sie sich höchst ungern.

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Renate Schubert, Professorin und Leiterin des Institute for Environmental Decisions an der ETH Zürich, die detaillierte Studien zum Anlageverhalten der Geschlechter durchgeführt hat, weiss davon zu berichten. «Eine unserer Befragungen hat gezeigt, dass Frauen umso risikofreudiger agieren, je mehr Informationen sie erhalten.» Männer hingegen würden bei einem gewissen Mass an Rat das Interesse verlieren.

Erstaunlicherweise rechnen sich Bauchentscheide und Draufgängertum: Daten aus den USA zeigen, dass Anleger längerfristig eine höhere Rendite erzielen als Anlegerinnen, gerade weil sie einen grösseren Teil des Portefeuilles auf risikoreiche Anlagen setzen. Auf einen Dollar der Männer verdienen Frauen 78 Cent.

Und obwohl Frauen als die umsichtigeren Stockpicker gelten, haben sie auch bei der Wahl von Einzeltiteln heute ein Handicap. Dann nämlich, wenn sie auf sogenannte Girl-Stocks setzen: Die Werte von Firmen wie l’Oréal, Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) oder Inditex (mit Marken wie Zara) werden mit Vorliebe gewählt, weil ihre Produkte den Anlegerinnen vertraut sind.

Dagegen empfiehlt Platow in Anlegerinnen-Zirkeln heute vorab Technologie-, Infrastruktur- und Grundstofftitel sowie Gold. Typische Boy-Stocks also, die auch die meisten männlichen Analysten jetzt übergewichten. Und sie predigt Optimismus - 2010 würden die Margen vieler Unternehmen stark anschwellen.

Ausgleich durch Ausbildung

Gründet der Optimismus der Anlegerinnen tatsächlich auf Information, dann braucht es aber vor allem mehr davon: Die «financial literacy» zu steigern ist das erklärte Ziel von Vereinigungen wie SLIC. Auf kommerzieller Seite wenden sich Anbieter wie die Basler Kantonalbank mit «BKB Lady Consult» direkt an die Anlegerinnen. Und für die Frauen am Schweizer Finanzplatz setzen sich Women’s Finance ein, die am 11. November in Zürich zur Konferenz laden.

Das ist auch der Weg fort vom Klischee. Für Françoise Bruderer, die als Leiterin der Pensionskasse Post und ComPlan (der auch Swisscom angeschlossen ist) so viel Anlageverantwortung wie kaum eine(r) in der Schweiz trägt, ist klar: «Je ausgebildeter im Finanz- und Bankbereich, desto ähnlicher wird das Anlageverhalten der Geschlechter sein.»