Die Ankündigung Deutschlands, ungedeckte Leerverkäufe von Staatstiteln der Eurozone, Derivaten und einigen Finanzaktien zu verbieten, hat die weltweiten Finanzmärkte überrascht und in eine gedrückte Stimmung versetzt. Verstörend wirkte die Einseitigkeit der deutschen Aktion. Darüber hinaus wird sie als potenzielles Vorspiel für andere Massnahmen vonseiten Deutschlands, der USA und anderer westlicher Nationen gesehen, die sich gegen die Märkte richten.

Für Besorgnis sorgt auch der Anstieg der dreimonatigen London Interbank Offered Rate (Libor), also des Zinssatzes für Interbankengeschäfte, in den vergangenen Wochen. Daraus könnte eine weitere europäische Kreditkrise entstehen, wenn sich Banken untereinander kaum noch Geld leihen, weil sie nicht wissen, wer auf welchen Junkbonds europäischer Staaten sitzt. Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zeigen, dass europäische Banken Ende 2009 Staatsanleihen von Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien in Höhe von 2,8 Billionen Dollar hielten.

Anleger sorgen sich um China

Ebenfalls schlecht für Anleger könnten sich Chinas aktuelle Straffungsmassnahmen auswirken, die sich vor allem gegen Spekulationen auf dem Immobilienmarkt richten. Das Transaktionsvolumen in diesem Bereich ist seit Anfang April bereits um über 50% zurückgegangen. Die Preise werden bald folgen. Und die Regierung wird in ihrem Bemühen wohl auch nicht vor Ende des 3. Quartals nachlassen.

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Chinas Probleme haben die Bedenken bei Investoren noch verschärft. Diese sind bereits negativ auf Europa fokussiert, wo die Griechenland-Krise die Bruchlinie der Euro-Zone aufgezeigt hat.

Unterdessen bleiben die fundamentalen Trends im Westen zutiefst deflationär. In der vergangenen Woche gab die US-Regierung bekannt, dass die Kerninflationsrate im April auf den niedrigsten Stand seit 44 Jahren gefallen ist. Die Gesamtinflationsrate könnte bei der jetzigen Entwicklung im Jahresvergleich auf 1,4% im Juni sinken und im Januar auf null stehen.

Deflationsbedenken nehmen zu

Dieser Trend wird erneut Deflationsbedenken wachrufen und Notenbankchef Ben Bernanke dazu veranlassen, die Zinsraten bei null zu belassen. Man denke an Irland, das 16 Monate in Folge unter Preisdeflation litt. Der Konsumentenpreisindex fiel um 2,1%. Die irische Regierung will deshalb ihr Defizit von 14,3% im vergangenen Jahr bis 2011 auf 10% des Bruttoinlandprodukts und 2014 auf 2,9% des BIP reduzieren.

Andere Länder der Euro-Zone werden bald folgen. Spanien muss einen riesigen Deflationszyklus aushalten angesichts des Levels der Konsumentenschulden und der voraussichtlichen Finanzverknappung. Spaniens Verhältnis von Schulden der Haushalte zum BIP lag Ende 2009 bei 83%, das Land muss bis Ende 2011 rund 165 Mrd Euro an auslaufenden Staatsschulden refinanzieren.

In den USA geht währenddessen die Kreditvergabe seitens der Banken weiter zurück, ebenso die Geschwindigkeit des Geldumlaufs. Sollte das anhalten, werden die Märkte mit einem sehr niedrigen BIP rechnen müssen. Diese Aspekte spielten eine Rolle bei den jüngsten Korrekturen auf dem Aktienmarkt, und sie werden über kurz oder lang eine weitere Runde geldpolitischer Lockerung nach sich ziehen, sobald die Regierung und der Kongress ihre Hoffnungen auf eine normale Erholung in den USA aufgeben müssen.

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Renminibi als Blitzableiter

Diese politische Stimmungsveränderung wird erneut das protektionistische Risiko in Washington erhöhen. Und als Blitzableiter wird der chinesische Wechselkurs dienen. Peking hat zwar signalisiert, dass China Mitte des Jahres die stufenweise Aufwertung des Renminbi wieder zulassen werde. Da der Renminbi gegenüber dem Euro seit vergangenem November aber um 24% aufgewertet hat, könnte es sich Chinas Regierung jedoch noch einmal anders überlegen.

Eine Auseinandersetzung zwischen China und den USA zusätzlich zu den Sorgen um einen «Double Dip» im Westen ist das Letzte, womit die Märkte konfrontiert werden wollen. Aber es könnte sein, dass genau das passiert.