Der jüngst durchgeführte Stresstest des US-Finanz- ministeriums für die amerikanischen Banken betrifft indirekt auch die beiden Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse: Einerseits sind die Kriterien für die Belastungsfähigkeit von Bankbilanzen ähnlich. Anderseits haben etliche europäische Banken nennenswerte Geschäftsaktivitäten in den USA sowie strukturierte Kredite von US-Firmen in ihren Büchern. Und: «Der Stresstest zeigt, dass die europäischen Banken bei der Rekapitalisierung hinter den USA zurückliegen» sagt Neil Smith, Analyst bei der WestLB.

Staatshilfe ausgeklammert

Letzteres spielt eine wichtige Rolle, denn die fundamentale Annahme des amerikanischen Stressstests geht von durchschnittlichen Kreditausfällen von 9,1% für dieses Jahr aus: Das entspricht der Ausfallrate, wie sie zuletzt während der Weltwirtschaftskrise 1933 erreicht wurde. Der zweithöchste «Gipfel» lag bei 3% während der Rezession Anfang der 1990er-Jahre. Müssen also bei den Aktionären von UBS- und CS alle Alarmglocken läuten? Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Nicht unbedingt. Denn die Tests sind speziell ausgestaltet. Die Regulierer konzentrieren sich zunehmend auf die Stamm-Tier-1-Ratio. Dieser nicht weit verbreitete Kennwert stützt sich auf die «normalen» Stammaktien. Ausgeklammert werden dagegen nicht stimmberechtigte Vorzugsaktien, Hybridkapital und weiteres, oft in den letzten Monaten durch Staatshilfe hinzu gekommenes Spezialkapital.

An der Börse bestraft

Banken verwenden dagegen oft die Kernkapitalquote Tier 1/Core Tier 1, bei der Hybridkapital genauso berücksichtigt wird wie nicht verteilte Gewinne und immaterielle Vermögenswerte.

Ein Core-Tier-Verhältnis von 8 bedeutet, dass 100 Fr. risikogewichtete Aktiven mit 8 Fr. Sicherheiten in der Bankbilanz unterlegt sind, sollten Schuldner in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Und genau bei dieser unterschiedlichen Berechnungsbasis liegt die Ursache für das «Herunterhandeln» des für die Erfüllung des Stresstests erforderlichen Kapitalbedarfs durch einige US-Banken.

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Es gibt aber auch Konstellationen, wo der jetzt eingesetzte Kennwert das Bild zugunsten der Bank verfälscht. So werden unrealisierte Verluste ausgeklammert, was beispielsweise der amerikanischen Bank State Street zugute kam. Hier würden diese unrealisierten Verluste die Hälfte der jetzt auf 15,5% veranschlagten Stamm-Tier-1-Ratio absorbieren.

Das rückt die Kapitalaustattung hiesiger Banken plötzlich in ein günstigeres Licht. «Die Folgerungen des Stresstests für die europäischen Banken sind ziemlich positiv», sagt Andrew Stimpson, Analyst bei Keefe, Bruyette & Woods. «Denn sie verwenden das 4%-Kapitalverhältnis seit einiger Zeit und haben eine bessere Kapitalausstattung als ihre US-Konkurrenten.» US-Banken kommen durchschnittlich auf eine Stamm-Tier-1-Ratio von 5,5%, bei den europäischen Banken sind es 6,4%.

«Unser Stresstest für die Kreditportefeuilles bei den europäischen Banken zeigt, dass nur sechs ihr Kapital erhöhen müssten, um auf ein 4%-Verhältnis zu kommen.» Dazu zählen die deutsche Commerzbank, die irischen Vertreter Allied Irish und Bank of Ireland, die Swedbank aus Schweden, die dänische Danske Bank und die italienische Banco Popolare. Unter Stressbedingungen sacken bei diesen Banken die Tier-1-Ratios auf 2,6 bis 3,8% ab.

Die Abstufung in der Kapitalisierung zeigt sich auch an Börsebewertungen: Jene sechs Banken werden durchschnittlich zum 0,2- bis 0,8-Fachen ihrer Aktiven bewertet. Zum Vergleich: Die Schweizer Grossbank UBS kommt gemäss WestLB auf eine Bewertung zum 1,34-Fachen der Aktiven, die Credit Suisse immerhin auf das 1,2-Fache.

Credit Suisse sind Favoriten

Die Börsianer sind dabei nicht grundlos optimistisch: UBS und Credit Suisse stehen laut Alessandro Roccati, Analyst bei Fox-Pitt, mit ihrer risikogewichteten Kapitalausstattung, den Kernkapitalquoten Core-Tier-1 von 10,9 bzw. 10,2% über dem europäischen Durchschnitt von 8%.

Und wenn der Vergleich gar auf das Tier-1-Verhältnis abgestellt wird, liegen UBS mit 13,5% und Credit Suisse mit 15,2% noch deutlicher über dem europäischen Mittelmass von 9,8%. Sogar die oft mit den beiden Schweizer Banken als direkten Vergleichswert herangezogene Deutsche Bank kommt auf 7,1% (Core-Tier-1) bzw. 10,1% (Tier-1).

Die Credit Suisse ist denn aufgrund der soliden Kapitalaustattung und des wieder in Schwung gekommenen Investment Banking einer der Favoriten bei europäischen Analysten. Die WestLB hat ihr Kursziel nach dem Quartalsergebnis um 11 auf 53 Fr. nach oben gesetzt (aktuell 45 Fr.)

Bei der UBS bleibt die Restrukturierungsstory laut Matt Spick, Analyst bei der Deutschen Bank, trotz des Quartalsverlustes intakt. Er setzt hier ein Kursziel bei 20 Fr. und rät weiter zum Kauf. Derzeit notieren die UBS-Valoren bei rund 17 Fr.