Der Auftritt der Raiffeisen hier am Zentralsitz in St. Gallen ähnelt ein bisschen dem pompösen Erscheinungsbild der UBS am Paradeplatz in Zürich. Verfolgen Sie nun auch ambitiöse Renditeziele?

Pierin Vincenz: (lacht) Ganz so gross ist der Raiffeisenplatz noch nicht! Nein, ich denke, es wäre nun der falsche Weg, aus irgendwelchen Opportunitätsüberlegungen das eine oder andere Abenteuer auszuprobieren. Damit würden wir die Kunden irritieren und der Marke «Raiffeisen» auch ein stückweit fremd werden.

Aber einfach hinzustehen und Gelder entgegenzunehmen, ist auch nicht gerade eine herausfordernde Managementleistung?

Vincenz: Die Raiffeisen ist schon immer über dem Markt gewachsen. Ich glaube, die Herausforderung ist es jetzt, uns innerhalb unserer Kultur weiterzuentwickeln.

Das bedeutet?

Vincenz: Wenn sich Möglichkeiten innerhalb unsers Geschäftsmodells geben, werden wir diese sicherlich nutzen. Dafür bietet sich beispielsweise der traditionelle Hypothekenmarkt an. Dieser ist in den vergangenen Jahren sehr gut gewachsen.

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Der Markt für Hypotheken ist aber stark konjunkturabhängig. Kommt es nicht auch hier zu einer Abkühlung?

Vincenz: Eine Verlangsamung wird sicherlich spürbar sein. Aber dennoch bin ich der Meinung, dass man in diesem Bereich nach wie vor wachsen kann.

Wie sieht es in der Vermögensbildung aus?

Vincenz: Die Vermögensbildung ist ein klarer Wachstumsmarkt. Auch wenn es im Moment zu Einbrüchen kommt. Zukünftig werden wieder neue Gelder angespart. Entweder wird es in Aktien und anderen Anlagen investiert oder dient als Spareinlage. Hier bestehen durchaus gute Chancen, über dem Markt zu wachsen.

Die Finanzkrise führte aber dazu, dass beispielsweise der Produktemarkt weitgehend brachliegt. Ist es daher überhaupt noch möglich, gleich hohe Gewinne wie vor der Krise zu erzielen?

Vincenz: Zur Krise hat geführt, dass übertrieben hohe Eigenkapitalrenditen angestrebt wurden. Entweder ging man zu viele Risiken ein oder das Eigenkapital wurde stark reduziert. In Zukunft muss es unser Anspruch sein, Gewinne mit soliden Eigenmitteln zu erzielen. Entsprechend werden keine Renditen mehr von beispielsweise 30% erzielt. Aber eine gesunde Rentabilität von rund 10% wird auch in Zukunft möglich sein.

Neben der Produktesparte geriet aber auch das Investment Banking in Schieflage. So verschiebt sich die Konzentration auf eine geringere Anzahl von Banksparten. Steigt damit der Konkurrenzdruck?

Vincenz: Ich denke, ja. Vor allem im bereits heute hart umkämpften Retail Banking wird die Konkurrenz um einiges zunehmen. Aber auch die Fokussierung auf den Privatkundenbereich dürfte für eine Verlangsamung beim Ertragswachstum sorgen.

In welchem Rahmen wird das Investment Banking fortbestehen?

Vincenz: Handel muss nur schon deshalb weiter betrieben werden, um auch künftig die Liquidität zu sichern. Auch der Bereich Merger & Akquisition (M&A) dürfte in Zukunft wieder mehr ins Zentrum rücken, sobald das Wirtschaftswachstum anzieht. Derzeit besteht leider kein Markt, um grosse Transaktionen zu tätigen.

Wie stark muss sich der Finanzplatz Schweiz den durch die Finanzkrise veränderten Rahmenbedingungen anpassen?

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Ich glaube nicht, dass wir das Banking in der Schweiz neu erfinden müssen. Es bestehen bereits gute und solide Produkte, Prozesse und Beratungen. Auch wenn derzeit vor allem gegenüber den Produkten das Vertrauen fehlt, wird sich in Zukunft wieder zeigen, dass diese solide rentieren. Damit dürfte es schlussendlich auch wieder zu Innovationen kommen. Aber dennoch müssen wir uns alle bewusst sein, dass das Bankengeschäft ohne Vertrauen nicht funktionieren kann. Entsprechend müssen Geschäftsmodelle gefahren werden, welche auf dem Kundenvertrauen basieren und nicht auf dem forcierten Verkauf von Produkten.

Die beiden Grossbanken buhlen derzeit intensiv um ihre noch übrig gebliebene Kundschaft. Mindert dies den Zulauf zu Raiffeisen?

Vincenz: Wir stellen durchaus fest, dass sich die beiden Grossbanken derzeit sehr intensiv um Kunden kümmern, bei denen sie das Gefühl haben, dass sie ihre Gelder abziehen könnten. Aber für den Kunden steht zurzeit die Frage nach Vertrauen und Sicherheit im Vordergrund. Entsprechend zählen diese Komponenten wesentlich mehr als beispielsweise gute Konditionen.

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Daran ändert auch nichts, dass die UBS nun Staatshilfe erhält?

Vincenz: Nein, der Zufluss an neuen Kundengeldern zu Raiffeisen ist noch immer sehr hoch, trotz staatlicher Intervention. Besonders wenn es wieder zu neuen Turbulenzen um die Grossbanken kommt, verspüren wir eine erhöhte Nachfrage.

Um von der Krise um die Grossbanken zu profitieren, werben einige Kantonalbanken gar mit der Staatsgarantie. Ist eine solche Vorgehensweise in der momentanen Situation überhaupt tragbar?

Vincenz: Die Staatsgarantie ist sicherlich ein Vorteil. Allerdings bin ich der Meinung, man sollte diese marketingtechnisch nicht zu stark in den Vordergrund schieben, um möglicherweise andere Institute zu schwächen. Damit ist niemandem geholfen. Das gemeinsame Ziel muss sein, das Vertrauen in den gesamten Finanzplatz wieder herzustellen.

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Wird dadurch allenfalls auch die Raiffeisen geschwächt?

Vincenz: Nein, denn unser Geschäftsmodell mit der gegenseitigen Haftung aller Raiffeisenbanken und dem Zusammenschluss im Verbund stellt ein ähnlich sicheres System dar wie die Staatsgarantie.

Sollte dann Ihrer Meinung nach die Staatsgarantie abgeschafft werden?

Vincenz: Derzeit befinden wir uns in einer Phase, wo es die Staatsgarantie durchaus braucht. Das wurde auch vom Ausland klar zum Ausdruck gebracht. Damit kann im Bankenbereich wieder für etwas Ruhe und Stabilität gesorgt werden. Die Finanzmarktkrise hat uns in der Diskussion um die Garantie drei Jahre zurückgeworfen. Aber ich denke, dass man in rund zwei Jahren das Thema wieder aufnehmen kann und sollte.

? und damit die Abschaffung fordern?

Vincenz: Wir müssen in Zukunft wieder zwischen Kunden- und Firmenschutz, also Einlegerschutz und Staatsgarantie, unterscheiden. Der Einlegerschutz macht durchaus Sinn. Es ist ja auch im Interesse des Staates, dass gespart wird. Aber bei der Ausarbeitung von Geschäftsmodellen sollte sich der Staat wieder zurückziehen und die Normalisierung des Systems durch den freien Markt herbeiführen.

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Welche Massnahmen sollten Ihrer Meinung nach auf der regulatorischen Ebene eingeführt werden?

Vincenz: Nach dem Fall von Enron wurde von den Unternehmen weltweit gefordert, mehr und mehr von sich preiszugeben und transparent zu werden. So wurde beispielsweise die Bildung und Auflösung von stillen Reserven eingeschränkt. Ich denke aber, dass deren Bildung ? bei einer ordentlichen Verwendung ? durchaus Sinn macht. Damit können einzelne Einbrüche aufgefangen werden.

Hat die Pflicht zur Offenlegung auch Auswirkungen auf die grossen Kursschwankungen an den Börsen?

Vincenz: Meiner Meinung nach sind die grossen Volatilitäten an den Börsen die logische Folge der geforderten Transparenz und der täglichen Bewertungen. Das führt zu einer enormen Verunsicherung.

Dementsprechend dürfte es noch zu weiteren Einbrüchen an den Aktienmärkten kommen?

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Vincenz: Wir befinden uns nach wie vor in einer Korrektur. Diese ist durchaus schmerzhaft. Ich denke aber, dass diese Korrektur durchlaufen werden kann mit der staatlichen Unterstützung in gewissen Bereichen.

Durch die Finanzkrise werden Sie mehr und mehr prominent. Seit Jahresbeginn wurden Sie überall zitiert und hatten mehrere Fernsehauftritte. Verfolgen Sie damit eine besondere Strategie?

Vincenz: Natürlich nutzen wir die momentane Situation, um unser Geschäftsmodell noch bekannter zu machen. Unser Anliegen ist es, dass unsere genossenschaftlichen Werte an die Öffentlichkeit transferiert werden. Regional dienen die Bankleiter als Vermittler unserer Werte und auf nationaler Ebene übernehme ich diese Aufgabe.

Nutzen Sie diese Gelegenheit auch ein wenig, um sich selber darstellen zu können?

Vincenz: Nein, im Vordergrund steht immer die Marke. Es ist mir ein persönliches Anliegen, die drei Komponenten der Raiffeisen ? Vertrauen, Sicherheit und Sympathie ? hinauszutragen. Zusätzlich geht es mir aber auch darum, den Finanzplatz Schweiz sicherzustellen und ein Stück weit Optimismus zu verbreiten.

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Aber einen gewissen Nervenkitzel verspüren Sie dennoch?

Ich habe es am liebsten, wenn ich ein bisschen Herzklopfen habe und angespannt bin. Das bedeutet für mich, neue Herausforderungen wahrzunehmen. Entsprechend bereiten mir Medienauftritte durchaus Spass.

Bei einer hohen Medienpräsenz besteht immer die Gefahr, dass das Pendel irgendwann zurückschlägt. Haben Sie keine Angst davor?

Vincenz: Doch, die Gefahr besteht durchaus, dass man irgendwann der Öffentlichkeit zu viel wird. Daher ist es auch mein Ziel, meine Auftritte wieder massvoll zu dosieren, sobald sich die Lage entspannt hat.