Die Finanzdienstleistungsbranche ist eigentlich immer recht flott unterwegs. Doch während superniedrige Zinsen für die Wirtschaft insgesamt als Turbo wirken, sind sie für viele Banken, Versicherer und Fondsmanager eher Sand im Getriebe. Das Problem: Die Fremdkapitalkosten können für sie nicht unter null fallen, die Renditen einiger Produkte gehen angesichts weiter sinkender Anleiherenditen aber immer mehr nach unten. Das staucht die Gewinnspannen, einige Geschäftsbereiche drohen sogar unwirtschaftlich zu werden.

Gewinnspannen unter Druck

Obwohl die US-Finanzbranche schon seit 30 Jahren mit sinkenden Renditen umgehen muss, sieht sie sich nun zum ersten Mal mit dem Nullzinsniveau bei den Fremdkapitalkosten konfrontiert. Dazu kommt, dass die Gewinnspannen ohnehin durch straffere gesetzliche Regulierungen und eine lahmende Wirtschaft unter Druck geraten sind.

Langsam macht sich Angst breit in der erfolgsverwöhnten Branche. Ein Investmentbanker äusserte jüngst die Befürchtung, die «am Boden zerstörten Zinsen» könnten das ganze Geschäft kannibalisieren. Bill Morrison, Finanzchef des US-Versicherers und Finanzdienstleisters Northern Trust, erklärte jetzt bei der Vorstellung der Zahlen zum 2. Quartal: «Das extrem niedrige Zinsumfeld kann uns im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt allein in diesen drei Monaten rund 70 Mio Dollar kosten.» Die Geldmarktfonds des Unternehmens würden nicht einmal genügend Rendite generieren, um die Managementgebühren zu finanzieren.

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Reine Versicherer haben ähnliche Sorgen. «Eine anhaltende Periode historisch niedriger Zinsraten ist nicht gesund für unsere volkswirtschaftlichen Fundamentalwerte», sagte der Finanzchef von Lincoln National, Fred Crawford, bei der Präsentation der Quartalszahlen. Das dürfte auch einer der Geründe sein, warum die US-Notenbank sehr bemüht ist, eine beginnende Deflation im Keim zu ersticken, und sich lieber dafür entscheidet, neues Geld zu drucken und damit eventuell der Inflation Vorschub zu leisten. Beharrlich niedrige Zinsen könnten Unternehmen dazu zwingen, ihre Geschäftsfelder zu überdenken. Etwa bei Produkten mit konstanten Auszahlungen wie Rentenversicherungen oder Lebensversicherungsprodukten mit garantierter Ausschüttung. Spielen die Investments in Staats- oder Unternehmensanleihen nicht einmal mehr die Renditen in Höhe der Haftungssummen ein, geraten die Versicherer zwangsläufig in die Verlustzone.

Neugeschäft schrumpft

Normalerweise sichern Firmen den überwiegenden Teil dieses Risikos ab. Aber mangels attraktiver Auszahlungen für die Kunden schrumpft das Neugeschäft. Bei Rentenversicherungen etwa im 2. Quartal 2010 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um bis zu 45%, so die Versicherungsvereinigung LIMRA. Die Gewinne der Renten- und Lebensversicherer dürften also weiter zurückgehen.