Der Rotstift war schnell gezückt: Angesichts der hohen Staatsverschuldung verzichtet Portugal vorerst auf den neuen Flughafen Lissabon, das dazugehörige Brückenprojekt über den Fluss Tejo fällt damit auch ins Wasser. Auch Nachbar Spanien zieht den Stecker und kappte geplante Milliardensubventionen für Solarkraftwerke; andere Grossprojekte beim Ausbau des Verkehrs oder der Energieversorgung liegen auf Eis. Ist angesichts leerer Staatskassen der Megatrend Infrastruktur, der mit der Globalisierung weltweit einsetzte, schon wieder «out»?

Indien: Verdoppelte Ausgaben

«Wichtig ist gerade jetzt, dass nicht die Konjunkturprogramme der Staaten der Treiber für Investitionen sind, sondern die Notwendigkeit einer funktionierenden Infrastruktur für den Erhalt des Wachstums», sagt Thomas Bucher, Manager des Fonds DWS Invest Global Infrastructure. «Erst wenn Energie-, Wasser-, Telekommunikations- oder Verkehrsverbindungen existieren und funktionieren, entstehen die Renditen.»

Auch bei Dirk Söhnholz, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Feri Institutional, der vor allem Family Offices und institutionelle Investoren bei ihren Anlagestrategien berät, sorgt das Streichkonzert bei den Staatsausgaben für Infrastruktur nicht nur für Missklang: «Das ist eigentlich eine gute Nachricht für private Investoren, denn gerade jetzt wird ihr Kapital noch dringender benötigt - und besser verzinst.»

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An den 2-Billionen-Dollar-Bedarf pro Jahr für Infrastrukturinvestitionen weltweit, die die OECD bis zum Jahr 2030 veranschlagt, hat sich auch durch die Schuldenkrise vieler Staaten nichts geändert. Doch die Attraktivität von Schwellen- und Entwicklungsländern als Anlageziel nimmt deutlich zu. Denn zum einen glänzen viele dieser Staaten mit Wachstumsraten, die in Europa oder den USA auf viele Jahre hinaus nicht zu erwarten sind. Zum anderen müssen sie viel dringender als die Industriestaaten ihre Infrastruktur ausbauen.

Das haben auch die Regierungen erkannt. Beispiel Indien: Dort sollen die Ausgaben für Infrastruktur von bisher 5 auf 9% des Bruttoinlandprodukts angehoben werden. Kamal Nath, Minister für Handel und Industrie, verkündete jüngst: «Unser letztes Jahrzehnt war von der Informationstechnologie geprägt, das kommende Jahrzehnt ist die Dekade der Infrastruktur.»

Fussball-WM 2014 als Treiber

Derweil bestreitet China sein 700-Mrd-Dollar schweres Konjunkturprogramm für Infrastruktur aus eigenen Mitteln, und während Russland wegen seiner willkürlichen Politik für ausländische Investoren wenig Anreiz bietet, wird der vierte im Bunde, Brasilien, für Anleger gerade erst interessant. Allerdings sind dort die Investitionen in Infrastruktur während der vergangenen Jahrzehnte auf nur noch 2,1% des BIP zurückgegangen.

Doch die Regierung in Brasilia habe das Problem erkannt. So erklärte etwa Zentralbankpräsident Henrique Meirelles: «Fehlende Infrastruktur ist das grösste Risiko für unser Land in den nächsten fünf Jahren.» In denen haben sich die Brasilianer viel vorgenommen: Sie sind Ausrichter der Fussballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro.

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Allein für die Fussball-WM sind umgerechnet knapp 50 Mrd Fr. nötig, ergab eine Studie der Regierung. Die Ratingagentur Moodys erwartet sogar 80 Mrd Dollar zusätzliche Investitionen im Zusammenhang mit dem Fussball-Event und den Olympischen Spielen. So planen beispielsweise alle zwölf WM-Gastgeberstädte beträchtliche Investitionen in Tram-, U- und S-Bahnen (siehe unten).

Renditechancen in Afrika

Und auch eine Highspeedverbindung zwischen den Millionenstädten Rio de Janeiro und São Paulo gehört zum Programm. Damit könnte sogar der Magnetschwebezug Transrapid, in Deutschland schon aufgegeben und nur in China auf einer Kurzstrecke umgesetzt, in Brasilien wieder eine Zukunft haben: Die 520 km lange Bahnstrecke wird entgegen früheren Planungen technologieoffen ausgeschrieben.

Während für die Rennstrecke Rio/São Paulo und andere Bahnlinien die Weichen noch lange nicht gestellt sind, können sich Investoren schon um konkrete Strassenbauprojekte bewerben. Der Verkehr und die Zahl der Autos in Brasilien wachsen schneller, als Strassen dafür gebaut werden können. DWS-Fondsmanager Bucher zählt Mautstrassenbetreiber deshalb zu seinen Favoriten in Brasilien. Anleger können auch mit direkten Aktieninvestitionen dabei sein. Am 1. April beispielsweise ging EcoRodovias an die Börse. Der Umsatz des Unternehmens stieg im 1. Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 31,9% auf 303 Mio Real, das Ebitda um 28,5% auf 163 Mio Real. Welches Potenzial in solchen Werten steckt, zeigt die Nummer eins beim Strassenzoll, OHL Brasil: Binnen eines Jahres hat sich der Aktienkurs mehr als verdoppelt.

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Die grossen Renditechancen mit Infrastrukturinvestments eröffnen sich aber nicht nur in Brasilien oder Indien, sondern auch in Staaten, die bisher nicht so sehr im Blickfeld der Anleger sind: In den Ländern des schwarzen Kontinents etwa. Afrika hat laut Weltbank eine Infrastrukturlücke von 31 Mrd Dollar pro Jahr. Sonst wird das Wachstum nachhaltig behindert. Beispiel Marokko: Entgegen den Prognosen hat das Land am Atlantik und Mittelmeer 2009 ein Wirtschaftswachstum von 5% erreicht, für 2010 sind 3,2% prognostiziert. Neben dem Industrie- und Dienstleistungssektor trägt der Rohstoffreichtum des Landes dazu bei.

Doch um Eisenerz oder Phosphat exportieren zu können, braucht es die passende Infrastruktur, wie den neuen Hafen Tanger Med. Das 7,5 Mrd Dollar schwere Projekt, das nahe der wichtigen Strasse von Gibraltar zu liegen kommt und 2011 fertiggestellt sein soll, wurde zu 58% aus privater Hand finanziert. Freihandelszonen sollen Industrie und Logistiker auch aus Europa anziehen. Den Betrieb des Hafens haben sich der dänische Logistikkonzern Moeller Maersk, der französische Mischkonzern Bouygues und der deutsche Hafenbetreiber Eurogate für die kommenden Jahrzehnte gesichert.

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Bauboom in Ägypten

Auch an der zweiten Schnittstelle im Mittelmeer tut sich in Sachen Infrastrukturinvestments ebenfalls einiges: Ägypten hat aktuell 46 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 16 Mrd Dollar ausgeschrieben. Die grössten davon sind zwei Eisenbahntrassen, zwölf Häfen und eine Autobahn. Die Umsetzung ist für das Land am Nil dringend notwendig, denn laut Wirtschaftsminister Osman Mohamed Osman ist Ägyptens Wirtschaft in den ersten drei Monaten des Jahres um 5,8% gewachsen. Und für das gesamte im Juni endende Fiskaljahr rechnet er mit 5,3% Prozent Wachstum.

Erfolgreichste Branche in Ägypten ist der Bau mit 14,7%Wachstum, gefolgt von Kommunikationstechnologie mit 11,3%. Zu den Gewinnern an der Kairoer Börse gehört deshalb auch Orascom Construction. Der Baukonzern, dessen Schwesterfirma an der SIX Swiss Exchange kotiert ist, hat zuletzt den Zuschlag für Projekte wie Wasseraufbereitung, Strassen, Hafenausbauten oder die komplette Infrastruktur neuer Touristenzentren erhalten, deren Wert mehrere 100 Mio Dollar beträgt.

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Magnet für Auslandinvestitionen

Interessant ist der ägyptische Infrastrukturmarkt aber auch für Investoren aus dem Ausland, denn im Mittelpunkt der Regierungspläne stehen PPP-Projekte, die den Geldgebern Konzessionen mit Laufzeiten von bis zu 36 Jahren ermöglichen. Um Kapital einzuwerben, hat die Volksversammlung vor einigen Wochen eigens ein neues PPP-Gesetz auf den Weg gebracht, das die Rahmenbedingungen für Betreiber verbessert. Ohnehin findet sich Ägypten im AT Kearney Index unter den Top-25-Ländern für Auslandsinvestitionen. «Darüber hinaus bietet Afrika die höchste Rendite aller sich entwickelnden Regionen», so Ägyptens Investitionsminister Mahmoud Mohieldin.