Ganz gleich, ob einzelne Schweizer Aktienwerte in den letzten Monaten ihren Börsenwert verdoppelt oder verdreifacht haben aus Sicht des langfristigen Anle-gers war das letzte Jahrzehnt dennoch ein Nullsummenspiel. Entsprechend gross ist heute die Skepsis gegenüber Aktieninvestments. Denn was wäre, wenn die kommende Dekade ebenfalls eine «verlorene» ist? Die Fragestellung nach den nächsten zehn Jahren ist damit heute brennender als jene nach dem Jahr 2010.

Letztes Tief 1982

Aufschlussreich für die Prognose nach vorn ist dabei für einmal der Blick zurück. Denn dieser enthüllt Erstaunliches: Schlechte Dekaden sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel an den Aktienmärkten. «Statistisch lässt sich sehr eindrücklich nachweisen, dass der in zehn Jahren im Durchschnitt erzielte Aktien-Gesamtertrag ein guter Indikator für die längerfristige Börsenentwicklung ist», sagt Alfred Roelli, Leiter Finanzanalyse bei der Genfer Privatbank Pictet. Der gesamte Zyklus von der Baisse zur Hausse und wieder zurück hat in der Vergangenheit jeweils zwischen 20 bis 25 Jahre gedauert (siehe Grafik).

So erlebten die Aktienmärkte Anfang der 1960er-Jahre eine grosse Hausse, nur um wenige Jahre später wegen der ausufernden Inflation und der Ölkrise ins Jammertal zu stürzen. 1982 war dann der Tiefpunkt erreicht. «Niemand wollte damals mehr Aktien haben, obschon die Gelegenheit zum Kauf günstig gewesen wäre», so Roelli. In der Tat: Bald kletterten die Kurse erneut, in den wilden 1990er-Jahren liessen sich mit Aktien durchschnittliche Jahresrenditen von 16% verdienen. Zur Jahrtausendwende hatte der Zyklus dann seinen Gipfel erreicht. Was nachher kam, ist noch bestens in Erinnerung. Die Dotcom-Blase, der kurze Boom - und schliesslich der Absturz in die Finanzkrise. Wiederholt sich die Vergangenheit, hätten wir nun den Stand Ende der 1970er-Jahre erreicht. Die Krise ist zwar durch. Doch es folgen zehn Jahre Bodenbildung und Normalisierung, in denen mit Aktien wenig zu holen ist. Kaum ein erspriesslicher Ausblick für Aktionäre.

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Doch es gibt Hoffnung. Zum einen agieren die Notenbanken heute umsichtiger als zur Zeit der Inflation von 1970. Zweitens: Die Schwellenländer gewinnen immer mehr Gewicht in der Weltwirtschaft. Pictet etwa rechnet damit, dass ihr Beitrag ans weltweite BIP von 22% im Jahr 2000 auf 57% im Jahr 2040 ansteigen wird. Wenn dies Realität wird, können die Anleger auf einen starken Wachstumsmotor zählen.

Bis zu 8 Prozent Rendite

Mittelfristig rechnet Roelli denn auch noch mit Schub aus der von den aufstrebenden Staaten getriebenen Wirtschaftserholung - seine Bank hat ihren Kunden deshalb empfohlen, Aktien klar überzugewichten. «Auch in einem Szenario mit 4 bis 5% Inflation bringen Aktienwerte gute Renditen.» Und im Gegensatz zur Obligation, die nur ein Versprechen auf Rückzahlung sei, erhalte der Anleger mit der Aktie einen Anteil an einem realen Produktionsfaktor in der Volkswirtschaft, so Roelli.

Dass die Etrags- und Gewinnkraft der Unternehmen intakt ist, darauf zählt auch Erwin Heri, Finanzwissenschafter und Präsident des Vermögensverwalters Valartis. Heri geht deshalb in den kommenden Jahren von einer Aktienrendite von 6 bis 8% aus.

So wird das Börsenjahr 2010 aus Sicht der Chartanalyse

Während die Anleger noch werweissen, wohin sich die Aktienkurse in den nächsten zwölf Monaten bewegen, haben die Chartanlysten darüber schon eine ziemlich klare Vorstellung. Entscheidend ist bei ihren Szenarien ausgerechnet der Start ins neue Jahr. Beat Grunder, Senior Technical Analyst bei Credit Suisse: «Wenn der S&P 500 Index in den nächsten zwei Wochen die 1120-Punkte-Marke durchbricht und der SMI deutlich über 6500 Punkte steigt, könnte die Konsolidierungsphase nach oben aufgelöst werden.» Was bedeuten würde, dass die Anleger im 1. Quartal des neuen Jahres nochmals mit stattlichen Zugewinnen rechnen dürften. Erst bei 6900 bis 7000 Punkten befindet sich der nächste grosse «Widerstand», wie im Jargon die wichtigen Kursmarken genannt werden.

Trotz der guten Vorlage sei im 2. Quartal aber wohl eine Kurskorrektur von 8 bis 12% fällig, so Grunder - das wäre der grösste Einbruch seit vergangenem März. Die positive Grundstimmung dürfte aber auch dieser Rückschlag nicht trüben können. Im 3. Quartal wird nämlich eine erneute Bodenbildung erwartet, die dann in den nächsten Jahren zu neuen Höchsständen führen könnte.(sg)