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Konjunkturausblick Europa: Die Wirtschaft zeigt Fortschritte

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Händler an der Börse: Der Konjunkturausblick in Europa stimmt optimistisch.Quelle: Keystone .

Die europäische Wirtschaft macht allmählich klare Fortschritte. In den letzten Monaten gab es einige beeindruckende Konjunkturdaten, die fast alle überrascht haben.

Von Robert Lind
am 28.02.2018

Die Einkaufsmanagerindizes stehen jetzt auf Allzeithochs, und auch die jüngsten Economic-Sentiment-Indikatoren – die Industrie, Einzelhandel, Dienstleistungen und Verbrauchervertrauen zu einer Zahl zusammenfassen – liegen nur knapp unter den Höchstständen Mitte der 2000er-Jahre. Wegen dieser ermutigenden Zahlen und einiger anderer Indikatoren kann die Konsensmeinung – dass das Wachstum in Europa dieses Jahr seinen Höhepunkt überschreitet – durchaus falsch sein, genauso falsch wie in den letzten Jahren. Vielleicht wartet 2018 mit einer Überraschung auf, noch mehr und längeres Wachstum. Das Euroraum- BIP könnte in der ersten Jahreshälfte 2018 annualisiert durchaus um 3 Prozent zulegen.

Frankreichs Volkswirtschaft hat die Stagnation überwunden

Wirklich bemerkenswert ist die Breite des Aufschwungs. Lange war Deutschland die stärkste europäische Volkswirtschaft. Doch im letzten Jahr hat sich die Lage in einigen Ländern, die ins Hintertreffen geraten waren – vor allem Frankreich und Italien – drastisch verbessert.

Insbesondere in Frankreich, wo die Wirtschaft erst letztes Jahr die Stagnation überwunden und zu einem neuen Boom angesetzt hat. Vielleicht liegt dies am besseren Geschäftsklima nach der Wahl von Emmanuel Macron zum Präsidenten. Macron ist ein europafreundlicher Zentrist, der wirtschaftliche und politische Reformen versprochen hat. Bis jetzt hat er einige wichtige Änderungen durchgesetzt. Unternehmen und Verbraucher reagieren positiv.

Man sollte sich vor Augen führen, dass Aufschwünge in Europa traditionell vom Nettoexport getragen werden, sie also anfällig für eine enttäuschende Nachfrage in der übrigen Welt sind. Der aktuelle Aufschwung wird aber neben steigenden Exporten auch von einem beeindruckenden Zuwachs der Binnennachfrage getragen. Gestiegen ist aber nicht nur der Konsum. Auch die Investitionen haben zugelegt, insbesondere die Unternehmensinvestitionen. Genau daran hatte es in Europa immer gemangelt – wenn der derzeitige Aufschwung für selbsttragender ist als frühere, liegt dies auch daran.

Ausblick für Inflation und Lohnwachstum im Euroraum

Der Inflationsdruck hält sich im Euroraum in Grenzen. Die Kernrate der Verbraucherpreisinflation liegt annualisiert unter 1 Prozent und ist damit weniger als halb so hoch wie der EZB-Zielwert. Es gibt aber eine Reihe erster Hinweise auf steigenden Lohndruck. Dennoch: In den meisten Ländern steigen die Löhne seit Langem extrem schwach. Der aktuelle Anstieg in Frankreich, Italien und Spanien ist sehr klein.

Ein wichtiger Grund für die noch immer sehr niedrigen Zinsen in Europa, aber auch weltweit, ist, dass die EZB weiter ein massives Quantitative Easing betreibt. Die Leitzinsen sind negativ, und die EZB hat ihre Anleihenkäufe in Höhe von 30 Milliarden Euro monatlich mindestens bis September 2018 verlängert. Erstmals könnten die Zinsen dann Ende des Jahres erhöht werden, oder auch erst 2019. Die Falken im EZB-Rat drängen auf eine straffere Geldpolitik. Sie stossen aber auf den Widerstand von EZB-Präsident Mario Draghi, einem der einflussreichsten Notenbanker der letzten Jahrzehnte. Angesichts von Draghis enormem Einfluss glaube ich aber, dass die Zinsen 2018 nur langsam steigen.

Europäische Aktien haben bereits stark zugelegt

Europäische Aktien haben bereits stark zugelegt. Derartige Gewinne dürften dieses Jahr nicht leicht zu wiederholen sein. Dennoch können europäischen Aktien im positiven Umfeld mit starkem Wachstum und geringer Inflation steigen. In den letzten 12 bis 18 Monaten reagierten die europäischen Aktienmärkte auf das günstigere Wirtschaftsumfeld, aber auch auf abnehmende politische Risiken. Davon profitierte auch der Euro, ein wesentlicher Grund für den Mehrertrag von Euroraum- Aktien aus Sicht nicht europäischer Investoren. In den nächsten 12 bis 18 Monaten könnten eher die Fundamentaldaten für Gewinne mit europäischen Aktien sorgen, etwa ein höheres Gewinnwachstum. Eine weitere Euro- Aufwertung ist dann nicht mehr nötig.

* Robert Lind, Economist, Capital Group

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