Wie beurteilt ein Liechtensteiner Bankchef die staatlichen Hilfeleistungen zugunsten der Schweizer Grossbanken?

Adolf E. Real: Ich finde es grundsätzlich richtig, dass der Bundesrat zuerst nicht in das internationale Konzert von Hilfeleistungen und Garantien einstimmte. Dass er jetzt systemrelevante Massnahmen trifft, ist ein positives Signal.

Der Eingriff wirft aber auch die Frage auf: Wie schlecht steht es denn um UBS und Credit Suisse, dass der Staat helfen muss?

Real: Ich bin überzeugt, dass beide Banken mit den Massnahmen so gut dastehen, dass sie die Krise überstehen.

Sie sind gleichzeitig auch Präsident des Liechtensteinischen Bankenverbands. Fordern Sie nun vom Kleinstaat ähnliche Massnahmen?

Real: Die Liechtensteinischen Banken sind in der glücklichen Lage, dass sie rund doppelt so stark kapitalisiert sind, wie es das Gesetz erfordert. Zudem sind die hiesigen Banken nicht im Investmentgeschäft tätig und diesbezüglich nicht direkt exponiert. Die Situationen sind daher nicht direkt miteinander vergleichbar.

Aber es wird zu Massnahmen kommen?

Real: Es ist davon auszugehen, dass allein schon aufgrund des gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraumes die Liechtensteiner Regierung in Abstimmung mit dem Schweizer Bundesrat vorgehen wird.

Etwa beim Einlegerschutz?

Real: Bis jetzt umfasste unser Einlegerschutz wie in der Schweiz 30000 Fr. Nun sind seitens der EU Diskussionen im Gange, den Einlegerschutz auf mindestens 50000 Euro anzuheben. Unser Einlagensicherungssystem ist im Einklang mit den einschlägigen Vorschriften der EU und in Abstimmung mit der schweizerischen Gangart anzupassen. Nicht zuletzt, weil bei einem Abseitsstehen auch Wettbewerbsnachteile denkbar wären. Diesbezügliche Abklärungen laufen.

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All diesen vertrauensbildenden Massnahmen zum Trotz sind die Finanzmarktteilnehmer immer noch nervös. Zieht die Krise weitere Kreise?

Real: Unsere Ökonomen erwarten einen nachhaltigen Einfluss auf die Realwirtschaft. In den USA gibt es deutliche Signale, dass der Konsum abnimmt ? mit Auswirkungen auf alle Exportnationen. Deshalb rechne ich auch in Europa mit Verwerfungen, die dann eine längere Konsolidierungsphase nach sich ziehen werden.

Konsolidierung ? also nicht Rezession?

Real: Doch, wir sind am Anfang einer Rezession, die sich zuerst in den USA und später in Europa manifestieren wird.

Wie lange könnte sie andauern?

Real: Die Umwälzungen des weltweiten Finanzsystems sowie die weltweite wirtschaftliche Abkühlung könnten durchaus noch einige Jahre anhalten.

Können sich Liechtenstein und die Schweiz diesem Abschwung entziehen?

Real: Die liechtensteinische Industrie verkauft über 90% ihrer Produkte ins Ausland, und wir sehen bereits heute erste Auftragseinbrüche. An einen Sonderfall Liechtenstein und Schweiz glaube ich nicht.

Ist demnach auch mit sinkenden Börsenbewertungen hiesiger Unternehmen zu rechnen?

Real: Mit Blick auf die weitere Entwicklung an den Aktienmärkten empfehlen wir ein defensives Verhalten. Der Boden ist wohl noch nicht gefunden. Auch für die nächsten Monate sehen wir an den Aktienmärkten ein Bild, das aus heutiger Sicht keinen Anlass zum Optimismus geben kann.

Heisst das Stagnation ? oder doch freier Fall?

Real: Der Bären-Markt ist meiner Meinung nach bald zu Ende. Dann ist mit einer Stagnation auf tiefem Niveau zu rechnen.

Was sollen Anleger in dieser Situation tun?

Real: Staatsanleihen und Cash übergewichten. Allenfalls können sich Investoren überlegen, es Warren Buffett gleichzutun und zu kleinen Anteilen erneut zu investieren.

Auch die Aktie der VP Bank hat in den letzten Monaten stark gelitten. Wie stark trifft die Krise Ihre Bank tatsächlich?

Real: Unsere Eigenkapitalbasis ist sehr solide, zudem fahren wir seit Jahren eine konservative Anlagepolitik. Auch unsere am Interbankenmarkt angelegten Gelder sind bei sicher eingestuften Banken. Daher ist unsere Liquidität gewährleistet.

Dabei ist die Finanzkrise nicht das einzige Problem der VP Bank. Fast noch unmittelbarer sind die Gefahren, die dem Institut wegen der Steueraffäre zwischen Liechtenstein und der EU her drohen. Wird der Druck von dieser Seite noch zunehmen?

Real: Die Entwicklung des Themas Steuertransparenz läuft seit Jahren, und der Druck wird erhalten bleiben. Es wäre blauäugig zu glauben, dass sich Liechtenstein dieser Diskussion entziehen kann. Die Regierung und der Erbprinz haben deshalb letzten Sommer auch signalisiert, in dieser Hinsicht Hand zu Lösungen zu bieten.

Ist das der Anfang vom Ende des Bankgeheimnisses?

Real: Nein. Wir reden ja nicht von einer Auflösung des Privatschutzes oder von einem automatischen Informationsaustausch mit anderen Staaten. Vielmehr geht es um Amts- und Rechtshilfe auf Anfrage.

Faktisch wird das Bankgeheimnis damit trotzdem ausgehebelt.

Real: Ich kenne die Details eines möglichen Betrugsabkommens nicht. Die Finanzmarktteilnehmer warten sogar sehnlich darauf, mehr über die Ausgestaltung zu erfahren. Die Liechtensteiner Banken und ihre Kunden sind verunsichert.

Sie sind der Präsident des Bankenverbands und haben keine Information zu den Details dieses Abkommens?

Real: Nein, denn die Verhandlungen führt die Liechtensteiner Regierung. Es wäre vermessen, jetzt darüber zu spekulieren. Ich gehe aber davon aus, dass bis Jahresende klar ist, wie die Ausgestaltung des Betrugsabkommens konkret aussehen wird.

Ein Einschwenken Liechtensteins hätte Signalwirkung für die Schweiz.

Real: Die Schweiz ist Mitglied der OECD, und damit auch in der Steueragenda direkt in die Diskussionen involviert.

Könnten die Finanzkrise und die staatlichen Rettungspakete dazu führen, dass der Druck in dieser Sache noch steigt?

Real: Jene Staaten, die von der Krise betroffen sind, werden mit allen Mitteln versuchen, ihre Erträge zu vergrössern. In diesem Sinne wird die ganze Steuerdiskussion an Härte gewinnen.

Hart getroffen wurde bereist die VP Bank. Sie hatte im 1. Semester wegen der Steuerdiskussion den Abfluss von Kundengeldern zu beklagen ? parallel zur Entwicklung LGT oder LLB. Hält der Trend an?

Real: Der Trend hat sich auch im 2. Halbjahr nicht grundlegend geändert. Es gibt Situationen, in denen Kunden unsere Offerten ablehnen, weil immer noch Ungewissheit über die zukünftige Regulierung besteht. Trotzdem sind wir zuversichtlich, dass wir beim Nettoneugeld im 2. Halbjahr ein positives Resultat rapportieren können.

Was heisst das für das Jahresergebnis der VP Bank?

Real: Die im August formulierten Ziele wurden unter der Voraussetzung getroffen, dass sich die Kapitalmärkte stabilisieren. Mittlerweile ist das alles in Frage gestellt, wobei unser Jahresergebnis die besondere Situation auf der Ertragsseite widerspiegeln dürfte.

Letztes Jahr hat die VP Bank den Startschuss gegeben für eine internationale Expansionsstrategie und eine neue IT-Plattform ? aus heutiger Sicht im denkbar schlechtesten Moment. Bereuen Sie den Entscheid von damals?

Real: Ich würde den gleichen Entscheid wieder treffen. Wenn wir etwa das IT-System ab Januar 2009 in Betrieb nehmen, wird uns das massiv vorwärts bringen.

Und wie kommen Sie in den neuen Märkten vorwärts?

Real: Auch an der Expansion in den Fernen und Mittleren Osten halten wir fest. Die Strategie ist so gestaltet, dass wir sie auch in schwierigen Zeiten verfolgen können.

Im Zusammenhang mit der Expansion haben Sie zahlreiche neue Stellen geschaffen. Suchen Sie immer noch Mitarbeiter?

Real: Im Lichte der Finanzmarktkrise gehen wir bei den noch nicht besetzten Stellen gezielt über die Bücher. Jede Position wird vom Top-Management geprüft. Einstellungen machen wir vorläufig nur dann, wenn sie direkt ertragswirksam sind.

Die Wachstumsstrategie kostet trotzdem ? sind die von Ihnen gesetzten Kostenziele überhaupt noch realistisch?

Real: Das Cost-Income-Zielband von 50% gilt auf mittlere Frist. 2008 wird dieses Ziel aber aufgrund unserer Expansion in die Wachstumsregionen, der Einführung des neuen Bankenpakets sowie der herausfordernden Lage an den Kapitalmärkten nicht zu erreichen sein. An der Tier-1-Ratio von 16% halten wir nach wie vor fest.

Was erwarten Sie 2009 für die VP Bank?

Real: 2009 wird ein wirtschaftlich schwieriges Jahr. Für die VP Bank wird es eine Zeit der Konsolidierung werden, ohne neue strategische Initiativen, die zusätzliche Ressourcen binden.