Vor kurzem hat die Deutsche Bank ihr Schweizer Derivateteam entlassen. Auch andere Emittenten kürzen ihr Geschäft mit strukturierten Produkten. Muss die Derivatebranche jetzt zurückbuchstabieren?

Marc Zahn: Das glaube ich nicht. Aber dass sich in der jetzigen Phase Konsolidierungen aufdrängen, ist klar. Wenn es wieder besser läuft, werden die Emittenten jedoch wieder zurückkommen. Ich rechne jedoch nicht damit, dass über die nächsten fünf Jahre immer dieselben 25 Emittenten in der Schweiz aktiv sein werden. Einige werden wegfallen, ein paar werden neu dazukommen. Langfristig gehe ich von etwa 20 aktiven Emittenten im Schweizer Markt aus.

Was bedeutet diese Konsolidierung für Scoach?

Zahn: Einerseits werden gewisse Emittenten weniger neue Produkte auf den Markt bringen. Das bedeutet für uns weniger Listing-Erträge. Für die bestehenden Emittenten sehe ich hingegen die Chance, dass sie noch aktiver werden. Und dort wirkt sich das dann positiv aus. Kurzfristig rechne ich nicht mit einem negativen Effekt. Wir hatten etwa im November einen schwachen Monat bezüglich Umsatz, aber einen Top-Monat nach Anzahl Trades. Für uns sind rückläufige Umsätze kein Drama: Wir verdienen auch am Handel.

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Für 2008 wird mit einem massiven Volumenrückgang bei den Derivaten gerechnet.

Zahn: Wir gehen davon aus, dass wir uns 2008 wieder auf dem Level von 2006 befinden werden. Wir werden also einen gewissen Rückgang sehen, aber auf einem sehr hohen Niveau. 2009 erwarte ich ähnliche Volumen wie dieses Jahr.

Ein schwerer Schlag für die Derivatebranche war die Insolvenz von Lehman Brothers. War es ein Fehler, Lehman Konkurs gehen zu lassen?

Zahn: Diese Entscheidung der Fed hat die Märkte in eine fürchterliche Abwärtsspirale geworfen. Wenn man jedoch ein bisschen ketzerisch ist, könnte man sagen, es hat vielleicht gut getan. Viele Leute sind sich der Risiken jetzt bewusst. Ein strukturiertes Produkt ist eine Inhaberverschreibung ? und diese ist so gut wie ihre Anbieterin. Das ist auch bei Bonds so. Für den betroffenen Kunden ist dies kein Trost.

Gegenparteienrisiko ist jetzt das Thema ...

Zahn: ? und das versteht der Kunde jetzt auch. Was wir jetzt in den letzten Wochen und Monaten gesehen haben, ist, dass das gleiche Produkt von verschiedenen Emittenten plötzlich unterschiedliche Preise hat. Das war in der Vergangenheit nicht so. Es ist richtig, dass Emittenten mit einem guten Rating mehr für ihre Produkte verlangen können. Wir gleichen uns jetzt der Situation an, die wir im Bondbereich schon seit Jahren haben.

Sind die Einstufungen der Ratingagenturen nach wie vor der richtige Indikator, um die Bonität eines Anbieters einzuschätzen?

Zahn: Sie sind ein Indikator neben anderen. Die Ratingagenturen sind stark unter Druck gekommen. Man hat ihnen sogar nachgesagt, sie seien verantwortlich für die Finanzkrise. Früher wurden die Agenturen ja auch von den Firmen bezahlt, das hat man jetzt unterbunden. Die Qualität der Arbeit der Ratingsgenturen ist heute besser als früher.

Die Lehman-Pleite hat eine Vertrauenskrise ausgelöst bei den Anlegern. Drohen jetzt neue Vorschriften vom Regulator?

Zahn: In der Schweiz eher nein. In Deutschland könnte ich mir das gut vorstellen. Auch von Brüssel erwarten wir, dass zusätzliche Regelungen für den ganzen EU-Raum kommen werden.

Von der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) erwarten Sie keine Massnahmen?

Zahn: Nein. Dort sind wir auch in engem Kontakt. Wir werden von Scoach aus ab Januar 2009 die Qualitätsmerkmale der einzelnen Produkte publizieren: Es geht Richtung «Naming and Blaming». Der Kunde kann überprüfen, welcher Emittent bei welchem Produkt wie hohe Preise stellt. Das ist sicher der gescheitere Weg als über die regulatorische Schiene. In Deutschland ist dadurch die Qualität auf dem Markt massiv besser geworden. Marktnahe Lösungen funktionieren oftmals besser als zusätzliche Regularien. Ein Fall wie Lehman hätte auch nicht von zusätzlichen Regelwerken verhindert werden können.

Im Gespräch zwischen Verband und Börse ist derzeit ein zentrales Clearing-System, wo Banken Sicherheiten hinterlegen, damit das Gegenparteienrisiko eliminiert ist.

Zahn: Als Lehman pleite gegangen ist, wurde überlegt, ob es Möglichkeiten gibt, das Gegenparteienrisiko auszuschliessen. Und wir haben in Deutschland schon zwei Emittenten, die Lösungen anbieten, indem sie für die Produkte Sicherheiten hinterlegt haben. Allerdings kostet das: Die Commerzbank hat die gleichen Produkte mit diesem Schutz und ohne Schutz rausgebracht und es liegen etwa 1,5% Marge dazwischen. Besser laufen jedoch trotzdem die Produkte ohne Schutz ? da wird der Kunde schnell wieder «gierig».

Sie glauben nicht, dass solche Produkte ein Kundenbedürfnis erfüllen?

Zahn: Wenn sich das durchsetzt, wird es eine Kundengruppe geben, die diese Produkte nachfragt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass irgendwann ein Grossteil der 26000 Produkte, die in der Schweiz derzeit handelbar sind, auf einmal mit diesem Schutz daherkommt.

Wie gross schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass ein solches Clearing-System in der Schweiz eingeführt wird?

Zahn: Ich könnte mir gut vorstellen, dass das kommt.

Gar kein Gegenparteienrisiko bieten Exchange Traded Funds (ETF). Sie haben in den letzten Monaten stark zugelegt. Eine Gefahr für strukturierte Produkte?

Zahn: Nein. Wir waren in den letzten zwei, drei Jahren im ganzen Finanzsektor die schnellstwachsende Asset-Kategorie. Im Augenblick ist das der ETF. Das kann sich aber auch ändern. Mit ETF können Sie nur auf steigende Märkte setzen, mit Derivaten jedoch jede Marktsituation abbilden.

Besteht Verbesserungspotenzial bei den Kundenberatern, was Derivate angeht?

Zahn: Bei praktisch allen Instituten ist in der Schulung der Anlageberater sehr viel passiert in den letzten Jahren. Trotzdem besteht hier immer noch ein Aufholpotenzial.

Vor kurzem hat eine Studie ergeben, dass 70% der Banken strukturierte Produkte in der Aus- und Weiterbildung stärker gewichten wollen.

Zahn: Richtig. Der Nachholbedarf kommt aber daher, dass es immer wieder neue Produkte gibt. Wenn Sie mal verstanden haben, wie ein Fonds oder ein ETF funktioniert, brauchen Sie eigentlich nie mehr eine Schulung. Bei unseren Produkten gibt es permanent Innovationen und Sie müssen permanent dran bleiben. Problematisch ist, wenn Kundenberater durch eine Provision intensiviert sind, gewisse Produkte zu verkaufen. Dann steht nicht mehr das Interesse des Kunden an erster Stelle.

Wie sehen Sie die Zukunft des Derivatemarktes in fünf Jahren? Lohnt sich dieses Geschäft wirklich für 20 Anbieter?

Zahn: Sonst hätte es ja nicht so viele. Zudem ist der Wettbewerb positiv für den End- anleger.

Jetzt werden aber querbeet Stellen gestrichen ? auch Sie sprachen von einer Konsolidierung.

Zahn: Achtung. Wir gehen von durchschnittlich 15 bis 20% Marktwachstum pro Jahr aus. Dieses Wachstum ist jedoch nicht linear, sondern sehr erratisch. Letztes Jahr hatten wir eine Steigerung von 60%. Dass es da auch mal ein Jahr gibt mit keinem oder negativem Wachstum, ist klar. Aber ich kenne keine andere Produktgruppe, die alle Marktlagen abbilden kann. Für die Emissionshäuser ist es wichtig, diese Produkte im Angebot zu haben. Und deshalb werden auch 20 Emissionshäuser in diesem Geschäftsfeld tätig sein.

Die Zürcher Kantonalbank hat mit ihrem Triple-A-Rating im Moment Vorteile. Werden weitere Kantonalbanken in das Geschäft einsteigen?

Zahn: Ich glaube nicht, dass die im grossen Stil aktiv werden in diesem Segment. Die grossen Kantonalbanken von Basel, Waadt und Zürich sind schon aktiv. Und die kleineren haben im Normalfall kein Investment Banking. Ich könnte mir vorstellen, dass nächstes Jahr noch ein oder zwei ausländische Häuser in den Schweizer Markt einsteigen.

Welche Trends sehen Sie bei den Produkten?

Zahn: Die Leute, die jetzt noch Produkte kaufen, bevorzugen einfache Strukturen. Dieser Trend wird noch die nächsten paar Jahre anhalten.

Sie selber sind nur noch bis Ende Dezember CEO von Scoach. Was ist der Grund für Ihren Weggang?

Zahn: Mein beruflicher Werdegang ist geprägt von Aufbau. Ich brauche etwas, um es aufzubauen und es gedeihen zu sehen. Wenn die «Kinder» dann volljährig sind, entlasse ich sie gerne in die Freiheit. Ich habe jedoch nicht aktiv nach etwas Neuem gesucht ? es war keine Entscheidung gegen Scoach.

Ab Januar 2009 sind Sie designierter CEO des neuen Schweizer Sitzes der Liechtensteinischen Centrum Bank. Was reizt Sie an dieser Stelle?

Zahn: Ich habe mit Consors bereits einen Online-Broker aufgebaut und mit Scoach eine Börse. Private Banking habe ich noch nicht gemacht, das ist etwas Neues (lacht).

Ihr Nachfolger steht zwei Wochen vor seinem geplanten Stellenantritt immer noch nicht fest. Offensichtlich gestaltet sich die Suche schwierig. Ist Scoach-CEO so ein undankbarer Job?

Zahn: Nein, eigentlich nicht. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Wochen ein Name kommuniziert wird. Mit zwei Muttergesellschaften ist das ein Prozess, der entsprechend lange dauert. Es war jedoch nicht schwierig, gute Kandidaten zu finden.