Larry Ellison ist eigentlich als Vordenker bekannt. Bei seinem jüngsten Geschäftsmodell orientiert sich der Oracle-Chef jedoch an der Vergangenheit: Er will Sun Microsystems kaufen und Oracle zum Hersteller von Software, Computern und Computerbauteilen umgestalten. Damit entstünde ein Unternehmen, das mehr den US-Konglomeraten der 60er-Jahre gleicht als den spezialisierten Techunternehmen der Gegenwart.

«Zurück in die Zukunft» umschrieb Ellison gegenüber Analysten sein Ziel, das mittlerweile auch andere Unternehmen verfolgen. Nicht nur Oracle will die sogenannte vertikale Integration wiederbeleben - eine 100 Jahre alte Strategie, bei der ein Unternehmen, angefangen vom Material über die Produktion bis hin zum Vertrieb, alles in der Hand hat.

Die Motive sind allerdings unterschiedlich: Der weltgrösste Stahlhersteller Arcelor will mehr Kontrolle über die Rohstoffe, Pepsi mehr Macht beim Vertrieb. GM und Boeing sind derzeit gezwungen, gebeutelte Zulieferer aufzukaufen, um ihre Produktionskette zu sichern.

Kampf der Volatilität

«Das Pendel schwingt von Aufspaltung zurück zu Integration», weiss Harold Sirkin vom Beratungsunternehmen Boston Consulting Group. Die Ursachen hierfür liegen seiner Ansicht nach in volati- len Rohstoffpreisen, finanziellem Druck bei den Zulieferern und dringend erforderlichen Umsatzsteigerungen. Der Trend zur vertikalen Integration bedeutet einen Abschied von den vergangenen 50 Jahren, in denen Spezialisierung und Ausgliederung von Teilbereichen wie Herstellung oder Beschaffung von Rohmaterial dem Leitprinzip folgten, dass so Effizienz und Qualität gesteigert würden.

Anzeige

Pepsi etwa will nun die 1999 verkauften Abfüllunternehmen wieder zurückkaufen, denn heute greifen Konsumenten häufiger zu kohlensäurefreien Getränken, und der Konzern möchte wieder mehr Kontrolle über den Vertrieb in diesem Bereich, sagt Pepsi-Sprecherin Jenny Schiavone.

Die Konglomerate eines Andrew Carnegie oder Henry Ford zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind aber kein Vorbild für Ellison und seine Kollegen. «Damals bedeutete vertikale Integration, dass man die alleinige Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette hatte», erklärt Mark Gottfredson, Partner beim Strategieberater Bain & Co. Der heutige Ansatz ist weitaus nuancierter: Unternehmen kaufen die Kernbestandteile der Wertschöpfungsketten, wollen aber keine lückenlose Kontrolle des gesamten Prozesses.

Einige Unternehmen wie zum Beispiel Coca-Cola oder Toyota sind mit ihrem derzeitigen Geschäftsmodell zufrieden. Andere stellen jedoch fest, dass sie gar keine andere Wahl haben, als vertikal zu integrieren.

Outsourcing wird gestoppt

Boeing kaufte in den vergangenen zwei Jahren eine Fabrik und einen 50%-Anteil an einem Joint Venture, das Teile für den 787-Dreamliner herstellt. Damit wurde das aggressive Outsourcing gestoppt, das dazu geführt hatte, dass Hunderte von Zulieferern an der Flugzeugproduktion beteiligt waren. Dennoch will Boeing nach Angaben von Konzernchef Jim McNerney weitere Ausgliederungen vornehmen. Autobauer GM ging im Oktober eine Minderheitsbeteiligung an Delphi Automotive ein und kaufte Fabriken sowie Delphis Steuerungsgeschäft. 1999 hatte GM Delphi verkauft; der Zulieferer meldete Insolvenz an. Nun wolle man damit die Zulieferung sichern, sagte eine GM-Sprecherin.

Auch einige Stahlhersteller orientieren sich um und steigen wieder ins Rohmaterialgeschäft ein, aus dem sie sich früher verabschiedet hatten. Arcelor hat Minen in Brasilien, Russland und den USA gekauft und bestehende Bergbauaktivitäten in den vergangenen Jahren erweitert. Strategiechef Bill Scotting sagt, das Luxemburger Unternehmen versuche, sich gegen Preisschwankungen bei Eisenerz und Kohle zu schützen. Zudem wolle man angesichts des steigenden Stahlverbrauchs in China und der Konsolidierungen im Bergbau die Zulieferkette absichern. «Wenn man ausschliesslich in einem Markt kauft, ist man auf die dortigen Zulieferer angewiesen», erklärt Scotting.

Die amerikanische Nucor Corp., die Stahl aus recyceltem Metall herstellt, kaufte im Vorjahr, als die Preise für Altmetall stiegen, einen grösseren Schrottverarbeiter. Die Preise sind inzwischen wieder gefallen, aber Nucor-Chef Dan DiMicco sagt, durch den Ankauf könne Nucor den Warenbestand effizienter verwalten und pro Jahr mehr als 100 Mio Dollar sparen. «Informationen über Märkte sind in diesem Geschäft extrem wertvoll», so DiMicco. Wenn man die Zulieferung kontrolliere, habe man «mehr Kontrolle über sein eigenes Schicksal».