William Galvin will es genau wissen. Am 23. März schickte der Staatssekretär des Bundesstaates Massachusetts einen Brief an die Credit Suisse. Er verlangte darin Dokumente zu allen Transaktionen eines von der Schweizer Grossbank ausgegebenen Wertpapiers zwischen dem 20. Februar und dem 23. März.

Hinter Galvins Begehren steht die Börsenaufsicht von Massachusetts. Sie untersucht die Geschäfte der Credit Suisse. Die Ermittlungen konzentrieren sich diesmal auf ein doppelt abgeleitetes Indexpapier namens TVIX, das die Schweizer an die Börse brachten. «Ein wahrhaft krankes Produkt», urteilt das Investorenmagazin «Barron’s». Händler sprechen von einem dreifachen Derivat – von einem Hebel auf einen Hebel auf einen Index.

Zunächst wirkte TVIX wie eine grosse Erfolgsgeschichte. Anleger rissen sich um das Papier. Für die Investmentbank, die händeringend nach neuen Profitabilitätsquellen sucht, war das eigentlich eine erfreuliche Entwicklung. Doch die Geschichte lief aus dem Ruder.

Ein Problem entsteht

TVIX ist das Börsenkürzel für ein Produkt, das offiziell VelocityShares Daily 2x Short-Term heisst, ein Papier in der Form einer Exchange Traded Note (ETN). Es sollte seinem Namen alle Ehre machen – Velocity bedeutet Geschwindigkeit. Die Basis des Papiers bildet eine Handvoll Volatilitätsindizes der Chicago Board Options Exchange.

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Wer Futures auf den Index kauft, wird belohnt, wenn es an der Börse kracht und die Volatilität zunimmt. Und wer TVIX kaufte, nahm gleich zweimal gehebelt an der Volatilitätsveränderung teil. Kein Wunder, dass die Nachfrage angesichts der unsicheren Zeiten nach oben schnellte. Dass im Prospekt kleingedruckt stand und dass auf längere Sicht der Wert des Papiers null ist, schien niemanden abzuschrecken.

Das Problem entstand, als die Marktmacher der Credit Suisse von der Börse gewarnt wurden, dass ihre Absicherungskäufe die Volatilitätsindizes VIX selbst um 4 auf 21 Punkte nach oben bewegten. Statt ihn abzubilden, beeinflusste die Bank den Index. Solche marktbewegenden Käufe sind verpönt. Ohne Absicherung würde aber das Risiko für die Bank ins Unermessliche steigen, weil am Markt immer mehr Papiere gefragt wurden. Dabei ging es um ganz schön viel Geld. In der Spitze hatte der TVIX ein Volumen von 700 Millionen Dollar.

Pragmatische Lösung

Das Dilemma lösten die CS-Banker pragmatisch. Sie stellten die Neuausgabe von TVIX-Anteilen ein, setzten sie aber nicht vom Handel aus. Das führte dazu, dass der Kurs des TVIX fast 90 Prozent kletterte, während die Volatilitätsindizes stagnierten. Zunächst war es ein willkommener Kursgewinn für die Investoren. Viele Neueinsteiger aber verstanden nicht, in was für eine Falle sie tappten.

Das Geschäft ging so lange gut, bis erste Gerüchte im Markt kursierten, dass die CS wieder neue Anteile ausgeben wolle. Bevor sie nach einem guten Monat am 22. März offiziell bekannt machte, dass sie die Ausgabe von TVIX wieder aufnehme, brach der Kurs des TVIX 30 Prozent ein. Der Verdacht auf Informationslecks und Insiderhandel liegt nahe. Ein Flash-Crash setzte ein. Die TVIX-Anteile verloren innerhalb von zwei Tagen mehr als 60 Prozent ihres Wertes.

«ETN scheinen ganz schlicht, aber es handelt sich um eine Finanzinnovation, die esoterische Märkte öffnet und Privatanlegern erlaubt, sich schneller dort zu engagieren, als Regulierungsbehörden mitkommen», sagt Samuel Lee, ein Analyst des unabhängigen  Fondsanalysehauses Morningstar.

Die Finanzbehörde aus Massachusetts gab der Credit Suisse bis zum 5. April Zeit, um Stellung zu den Vorgängen im TVIX zu nehmen und die Namen der Mitarbeiter offenzulegen, die mit dem hochvolatilen Papier zu tun hatten. «Wir kooperieren mit den Behörden», lässt die Pressestelle der Bank wissen. Die Selbstregulierungsorganisation Financial Industry Regulatory Authority beobachtet den Fall, schaltete sich aber noch nicht ein. Dass nicht längst die Bundesbehörde für Wertpapieraufsicht SEC ermittelt, bleibt für viele Marktbeobachter ein Rätsel.