Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine schwelt nach wie vor, auch die EU und die USA sind involviert. Was raten Sie Anlegern mit Blick auf die Krise?
Chris Probyn*: Anleger sollten nach Anzeichen für Eskalation oder Deeskalation ­suchen. Es ist allerdings unmöglich, den Ausgang der Krim-Krise vorherzusagen. Wir gehen davon aus, dass alle Beteiligten Deeskalation als die bessere Lösung ­betrachten werden. Kommt es anders, könnte eine langwierige Krise die Energiepreise in Europa hochtreiben und die Erholung der Euro-Zone ausbremsen.

An den globalen Aktienmärkten lief es im vergangenen Jahr rund. Sind Aktien durch die Rally schon zu teuer geworden?
Mit Blick auf das anhaltende Wirtschaftswachstum weltweit, stabile Ölpreise und eine lockere Geldpolitik der Notenbanken bleibt das Anlageumfeld für Aktien weiterhin gut. Momentan betrachten wir vor allem Aktien aus Europa und Asien als vergleichsweise günstig bewertet, haben aber auch amerikanische Titel zuletzt übergewichtet. Beim Kauf von Schwellenländeraktien raten wir indes zur Vorsicht.

Was erwarten Sie von Janet Yellen, der neuen Präsidentin der amerikanischen Notenbank Fed?
Es wird einen nahtlosen Übergang von Vorgänger Ben Bernanke zu Yellen geben. Die neue Fed-Chefin wird das Tapering fortsetzen, die Anleihenkäufe durch die Fed also weiter reduzieren. Ich gehe davon aus, dass irgendwann im vierten Quartal endgültig Schluss ist mit den Anleihenkäufen. Von dieser Politik wieder abzu­rücken, wäre für Yellen sehr schwierig.

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Und welche Folgen hätte das für die Börsen?
Das Tapering sollte weder die Aktien- noch die Anleihenmärkte besonders ­beeinflussen. Investoren scheinen den allmählichen Rückzug der Fed vom Anleihenmarkt bereits eingepreist zu haben. Nichtsdestotrotz: Sofern sich die US-Wirtschaft weiter erholt, dürften die ­Zinsen für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen auf bis zu 3,5 Prozent ansteigen. Das wiederum dürfte dazu führen, dass Anleger sich am Aktienmarkt stärker zurückhalten.

Im Jahr 2013 gab es erste Anzeichen für eine Erholung der Euro-Zone. Anderseits scheint es nach wie vor viele ungelöste Probleme zu geben. Wie steht es Ihrer Ansicht nach tatsächlich um den Euro-Raum?
Die Euro-Zone erholt sich gerade zusehends von der langen Rezession. Allerdings scheint es sich dabei eher um ­eine zyklische Verbesserung der Wirtschafts­lage zu handeln als um eine echte ökonomische Renaissance. Die Währungsunion leidet nach wie vor unter strukturellen Defiziten, die immer noch für höchst ­unterschiedliche Entwicklungen in den einzelnen Mitgliedsländern sorgen.

Schwellenländer sind in letzter Zeit in starke Turbulenzen geraten. Was bedeuten die Ereignisse der letzten Monate künftig für die Anlageregion? Trennt sich die Spreu vom Weizen?
In der Tat kann man Schwellenländer nicht mehr in einen Topf werfen – sie entwickeln sich derzeit recht unterschiedlich. Vor allem in Asien sollten kleinere Volkswirtschaften vom anziehenden globalen Wachstum profitieren, europäische Schwellenmärkte von der Erholung der Euro-Zone. Die sogenannten fragilen Fünf – Brasilien, Indien, die Türkei, Indonesien und Südafrika – werden allerdings nach wie vor mit Inflation und Defiziten zu kämpfen haben.

Aus den USA kommen ebenfalls positive Nachrichten, die für weiteres Wachstum in den kommenden Jahren sprechen. Gibt es aber langfristig Faktoren, die dieses ausbremsen könnten?
Es gibt beim Blick auf die USA durchaus Gründe für Optimismus, langfristig ist das Bild aber facettenreicher. Der jüngste Rückgang der Erwerbsbeteiligung zeigt, dass die Zahl der Arbeitnehmer eben doch nicht so schnell wächst wie von den Märkten angenommen. Dies wird das langfristige Wirtschaftswachstum ­bremsen.

* Chris Probyn ist Chefökonom bei State Street Global Advisors, der Vermögensverwaltungssparte der amerikanischen State Street.