Wenn an einer rauschenden Party die Getränke ausgehen, dann verlassen die Gäste das Fest, noch bevor der Gastgeber die Chance erhält, für weiteren Nachschub zu sorgen. Nicht so an der Schweizer Börse: Hier sitzen die Firmen längere Durststrecken aus und nehmen in Kauf, dass die Stimmung ins Bodenlose sinkt. Diesen Eindruck erhält man zumindest, wenn man die Zu- und Abgänge auf dem Börsentableau der SIX der vergangenen Jahre unter die Lupe nimmt.

Während steigende Aktienkurse von 2005 bis 2007 jährlich rund zehn neue Gesellschaften an die Schweizer Börse lockten, ist es in den schwachen Vorjahren nur zu einer kurzen Welle von Going Private gekommen. Im Jahr 2003 haben sich mit Zellweger Luwa, Hilti, Unigestion und Hero vier Traditionsunternehmen von der Börse zurückgezogen. Seither ist es, mit wenigen Ausnahmen, nur noch vereinzelt zu Abgängen gekommen. «Die Anzahl der Going Private war 2003 im Jahresvergleich zwar hoch, doch eigentlich wurden mehr erwartet», erklärt Philipp Hofstetter, Leiter Corporate Finance bei PricewaterhouseCoopers.

Going Private erhält Brisanz

Mit der aktuellen Finanzkrise gewinnt nun das Thema Going Private wieder an Brisanz. «Ich habe Kenntnis von mehreren Fällen, in denen ein Going Private diskutiert wird», bestätigt Hofstetter. Weitere Details zu den Gesellschaften will er aber nicht bekannt geben.

Mit solchen Gedanken dürften insbesondere Familien beherrschte Gesellschaften spielen, die einen hohen Cashflow erzielen und eine gesunde Bilanz ausweisen. Schliesslich werden sie an der Börse in Sippenhaft genommen und mit deutlichen Abschlägen gegenüber ihrem Wert als nichtkotierte Firma bewertet. Wenn dann der frei handelbare Aktienanteil ohnehin tief ist und die Handelsvolumina gering ausfallen, ist die Frage nach dem Verbleib an der Börse gerechtfertigt.Fraglich ist schliesslich, wie ein solcher Schritt finanziert werden soll. Steht eine kapitalkräftige Familie hinter der Firma, so dürfte er sogar im aktuellen Umfeld ohne grössere Probleme durchführbar sein. Ansonsten sind auch Private-Equity-Häuser an den Transaktionen interessiert. Ein fremdfinanzierter Rückzug wird derzeit dagegen kaum in Frage kommen.

Anzeige

Trotz der Gespräche scheint noch keine neue Going-Private-Welle einen Exodus an der Schweizer Börse einzuläuten. Bereits seit längerem als Rückzugskandidaten gehandelte Firmen zeigen sich weiterhin geduldig und winken ab.

Ypsomed: Rückzug kein Thema

«Ein Going Private ist für Willy Michel absolut kein Thema», sagt etwa Daniel Kusio, Leiter Investor und Public Relation bei der Burgdorfer Medtech-Gesellschaft. Zwar kaufe Firmengründer und Hauptaktionär Willy Michel hin und wieder Titel seines Unternehmens an der Börse. «Ypsomed hat aber über 6000 Aktionäre. Mit der derzeitigen Struktur ist die Gesellschaft zufrieden», so Kusio. Mit einem Kursrückgang um gut 17% gegenüber dem Vorjahr konnte sich der Medizinaltechniker zudem vergleichsweise gut halten.

Einen deutlich stärkeren Einbruch erlebte die Zuger Elektronikgruppe Carlo Gavazzi. Innerhalb der letzten zwölf Monate hat sich der Kurs des Unternehmens, das mit 80% der Stimmen direkt oder indirekt durch die Familie Gavazzi beherrscht wird, mehr als halbiert. Dennoch will man auch hier an der Börsenkotierung festhalten. «Der Rückzug von der Börse steht nicht zur Diskussion», erklärt Verwaltungsratspräsident Giulio Pampuro. Der Kursrückgang seit zwar schmerzlich, doch liege er im Einklang mit dem Markt.

Erst seit Mai 2008 ist der Städteentwickler Orascom an der SIX kotiert. Seither fiel der Kurs um über 85%. Dennoch will Mehrheitaktionär Samih Sawiris weiter auf dem Börsenparkett tanzen, ein Going Private kommt für den ägyptischen Investor nicht in Frage. «Der tiefe Aktienkurs ist für Sawiris keine Belastung. Da er ihn aber für viel zu tief hält, kauft Sawiris Aktien hinzu, denn er ist vom Erfolg der Firma überzeugt», sagt Orascom-Sprecher Philippe Blangey.