Die Finanzkrise lässt auch den Markt für strukturierte Produkte nicht unberührt. Seit Anfang Jahr befinden sich die Umsätze an der Scoach, der Schweizer Börse für strukturierte Produkte, im Krebsgang. Gar um 24% resp. 16% haben sie sich im März und April im Vergleich zum Vorjahresmonat verringert. 2007 wurde noch ein Umsatzzuwachs von 60% erzielt.

Für diese Entwicklung ist in erster Linie die Kategorie «Hebelprodukte» verantwortlich. Die Warrants machen mit über 50% den Hauptbestandteil am hiesigen Derivatemarkt aus. Und in dieser Kategorie wurde ein Rückgang von rund 30% registriert. «Hebelprodukte sind sehr volatil und laufen erfahrungsgemäss bei guten Börsen gut und bei schlechten Börsen schlecht», erklärt Eric Wasescha, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP). Grund dafür ist, dass Anleger tendenziell mehr Calls als Puts kaufen. Ausserdem befindet sich der Risikoappetit der Investoren derzeit auf Tiefstständen.

Viele Barrieren verletzt

Das ist nur verständlich: In den letzten Monaten wurden wegen der Talfahrt an den Aktienmärkten viele Käufer von strukturierten Produkten ungewollt zu Aktionären. Denn unterschreitet der Basiswert von sogenannten Barrier Reverse Convertibles ein bestimmtes Niveau (Barriere), droht die Lieferung des am schlechtesten performten Basiswertes. «Ich schätze, dass seit November in der Schweiz 50% der Barrieren verletzt wurden», sagte Wolfgang Gerhardt, Head of Marketing Investment Banking bei Sal. Oppenheim, anlässlich des Exchange Traded Product Day in Zürich. Barrier Reverse Convertibles sind nach den Warrants die zweitbeliebteste Produktkategorie an Scoach.

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«Für 2008 können wir glücklich sein, wenn die Umsätze leicht im Plus liegen», sagt Marc Zahn, Geschäftsführer von Scoach. Er ist über die rückläufigen Umsätze seit Jahresbeginn nicht erstaunt: «Längerfristig konnte es nicht mit den hohen Zuwachsraten von 2006 und 2007 weitergehen.» Dauerhaft rechne man mit einem Wachstum von 15 bis 20% jährlich.

Auch Wasescha zeigt sich angesichts des bisherigen Umsatzeinbruchs unbeeindruckt: «Wir haben einen viel schlimmeren Rückgang erwartet.» Die Emittenten seien nicht beunruhigt über den Wachstumseinbruch: «Es herrscht kein spezieller Handlungsbedarf.» Das sieht Daniel Manser, Geschäftsführer bei Derivative Partners AG, anders: «Die Zeiten, in denen alle wachsen konnten, ohne anderen was abzugraben, sind vorläufig vorbei», konstatiert er. Und: «In schlechten Zeiten selektioniert der Markt.» Es gelte jetzt für Emittenten, das Augenmerk auf die Kundenzufriedenheit zu richten: «Die Bank sollte sich als fairer Partner unter Beweis stellen und offensiv informieren.» Ausserdem würden jetzt Faktoren wie das Pricing oder der Kundenservice, welche bisher eher zweitrangig waren, relevant, führt Manser aus.

Möglicherweise führt die Finanzkrise auch zu einer Rochade unter den Top-Playern im Derivatemarkt. Auf die Frage, ob die fünf grössten Emittenten in den nächsten Jahren weiter führend bleiben werden, antwortet Manser: «Nicht unbedingt. Es kann durchaus zu grösseren Verschiebungen der Marktanteile kommen.»

Kuchen neu verteilt

Einer der Profiteure der Krise könnte der Newcomer EFG Financial Products (FP) sein. Der Emittent ist seit Dezember im Schweizer Markt aktiv und hat sich zur Nummer vier im Markt für strukturierte Produkte gemausert ? lässt man die Kategorie Hebelprodukte ausser Acht. Dass EFG FP keine Warrants anbietet, war gerade im Abwärtstrend der Börsen ein Vorteil. Doch auch in Sachen Kundenservice punktet der Emittent: «Sie bieten einen vorbildlichen After-sales-Service», so Manser. Neben EFG dürften auch UBS und CS an Marktanteilen gewinnen. Die Produkte der beiden Grossbanken wurden bisher grösstenteils OTC ? also ausserbörslich ? gehandelt. «Jetzt wollen UBS und CS vermehrt Produkte listen. Möglicherweise können sie so ihren Marktanteil auf 10 bis 12% erhöhen», sagt Wasescha.

Wenn an den Börsen weiter die Bären den Ton angeben, könnte es für die bisherigen Top-Player im Derivatemarkt schwierig werden, ihre Leaderposition zu verteidigen. «Emittenten mit einem hohen Anteil an Hebelprodukten leiden in Bären-Märkten tendenziell stärker», sagt Wasescha. Gerade die derzeit führenden Derivateanbieter haben bei den Warrants die höchsten Marktanteile: Laut Angaben von Derivative Partners hat die Deutsche Bank rund ein Drittel des Marktes für sich, gefolgt von Vontobel mit 21% und der ZKB mit 15%.  Zudem treten immer neue Emittenten in den Markt ein. Als Nächstes hat sich die Commerzbank angekündigt.


Strategien und Produkte mit Aufwärtspotenzial

Das Bedürfnis nach Schutz ist gestiegen, nachdem sich Anleger an den Renditeoptimierungsprodukten die Finger verbrannt haben. «Bei den Barrier Reverse Convertibles sind die Coupons kleiner und die Risikopuffer grösser geworden», sagt Zahn von Scoach. Ein Beispiel dafür ist das dreijährige Goldman-Sachs-Produkt auf ABB, Holcim, Roche, Swiss Re und ZFS (Valor 3881981) mit einem Coupon von 10% jährlich und einer Barriere von 55% des Referenzpreises, zu zeichnen bis zum 30. Mai.

Mehr Zulauf dürften auch Vehikel mit Rückzahlungsgarantie erhalten: «Anleger, die in der Korrektur Geld verloren haben, suchen vermehrt Kapitalschutzprodukte», so Manser. Das EFG-Vehikel mit variablem Coupon (Valor 3877298) lautet auf zehn Schweizer Blue Chips und bietet bei Verfall im Mai 2011 einen 100%igen Kapitalschutz. Vollen Kapitalschutz per Verfall garantiert auch das ZKB-Produkt (Valor 2361561) auf den SMI.

Eine etwas offensivere Strategie verfolgen Capped-Outperformance-Zertifikate. Diese ermöglichen den doppelten Ertrag gegenüber dem Basiswert vom Strike bis zum Cap. So auch der UBS-Speeder (Valor: 3869074) auf den SMI, der seit März handelbar ist.