Auch tiefe Erwartungen haben ihr Gutes – sie lassen sich leichter übertreffen. Genau das ist dem Schweizer Pharmakonzern Novartis im Frühling gelungen: Er legte 1.-QuartalsZahlen vor, die alle Schätzungen in den Schatten stellten. In der Folge liess die Novartis-Aktie 2008 mit «nur» 6% Verlust sowohl den Swiss Market Index (SMI) als auch die ewige Konkurrentin Roche (–8%) weit hinter sich.

Doch nun, pünktlich zum 1.-Halbjahres-Ergebnis der Basler Unternehmung (am Donnerstag, 17. Juli), melden sich die Kritiker lautstark zurück. Am schärfsten tönt es vom Aktien-Research der Credit Suisse. Dieses empfiehlt den Novartis-Aktionären nichts weniger, als alle ihre Aktien zu verkaufen und den Erlös in Roche-Genussscheine zu investieren. «Wir sehen signifikante Schwächen von Novartis gegenüber Roche», meinen die CS-Analysten.

Woher kommt der Schub?

Zu solch harten Worten lässt sich Michael Nawrath, seinerseits Analyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), nicht hinreissen. Doch auch er hegt keine grossen Hoffnungen für die 2. Jahreshälfte. «Ich wüsste nicht, woher der Schub kommen soll.»

Die besten Resultate geliefert hat in diesem Jahr die Pharmadivision, mit 65% Umsatzanteil immer noch das wichtigste Zugpferd von Novartis. Wiederum die wichtigsten Treiber sind dort die Medikamente Diovan (Blutdrucksenker) und Glivec (gegen Krebs). Mit ihnen hat der Konzern zwei so genannte Blockbuster.

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Doch bei Diovan lassen sich die Umsätze nach der Meinung von Marktkennern kaum mehr steigern, während die 2007 neu zugelassenen Mittel Galvus (Diabetes) und Tekturna (Bluthochdruck) bisher wenig von ihrem Milliardenpotenzial erkennen lassen. Davon abgesehen liegt 2008 nicht mehr viel drin – die nächsten Zulassungen werden erst im nächsten Jahr erwartet.

Roche hat dagegen neun Blockbuster im Portefeuille und kann regelmässig neue Anwendungsbereiche für erprobte Medikamente wie Avastin ankündigen. Zusätzlichen Schwung liefert die US-Tochter Genentech: Das Biotechunternehmen hat im 2. Quartal starke Umsätze erzielt. Roche selber berichtet am 24. Juli über das 1. Semester 2008.Die hochmargigen Biotech-Krebsmedikamente mit ihrem genau definierten Abnehmernetz spülen gutes Geld in die Kassen von Roche, während Novartis im Massenmarkt einen ansehnlichen Teil der Marge dem Marketing opfern muss. In diesem Markt ist Novartis weiterhin fest verwurzelt, auch nach dem Kauf der Schweizer Biotechfirma Speedel, die auf den Breitenmarkt ausgerichtete Blutdrucksenker entwickelt (Rasilez, Tekturna). Novartis zielt mit dem Generika-Hersteller Sandoz sogar noch eine Preisstufe tiefer – die Sparte erweist sich aber gegenüber aggressiven Billiganbietern wie Teva als zu wenig wendig. An einer Investorenkonferenz im September könnte Novartis deshalb die Loslösung von Sandoz aus dem Konzern bekannt geben.

Trotz laufenden Umbauten präsentiert sich die Lage für Pharmaaktien in Zukunft schwierig. Erfolg versprechen nur jene Werte, die über möglichst viele Ersatzprodukte für auslaufende Patente im Köcher haben und gute Margen aufweisen. «Der ganze Sektor muss sich gegenwärtig neu erfinden», sagt Nawrath von der ZKB.

Keinen Ausweg aus dem Dilemma im Gesundheitssektor bieten zurzeit auch die zahlreich an der SWX Swiss Exchange vertretenen Biotechnologiewerte – dies trotz der im Zuge der Übernahme von Speedel durch Novartis aufgekommenen Kursfantasien. Denn die jüngsten Zugewinne können nicht übertünchen, dass die hochspekulativen Biotechaktien Geisel der Börsenbaisse sind: Solange diese anhält, ist alles, was Risiken birgt, bei den Anlegern verpönt. In der Folge haben sich die Kurse oftmals schlechter entwickelt als der Markt.

Biotech im Beschaffungsstress

Das sind Abgaben, die wehtun. «Je tiefer der Aktienkurs, desto schwieriger wird es für die Unternehmen, günstig an Kapital zu kommen», sagt Andrew Weiss, Analyst bei Vontobel. Und Kapital verbrennen die Biotechfirmen in rauen Mengen. Der Mangel an Mitteln für die aufwendige Medikamenteforschung und die günstige Börsenbewertung könnten daher dazu führen, dass es im Schweizer Biotechsektor nach Speedel noch vermehrt zu Übernahmen kommt. «Das ist durchaus möglich», sagt Weiss. Abgesehen von Novartis hat aber die «Big Pharma» wenig Interesse gezeigt.

Am meisten dem Kapitalbeschaffungsrisiko ausgesetzt sind gemäss Vontobel die Unternehmen Bioxell und Cosmo Pharmaceuticals. Aber auch bei Cytos und Arpida steigt der Kapitalbedarf. Stabiler stehen dagegen heute Basilea da (geschätzte 390 Mio Fr. an Cash bis Ende 2008) und der zukünftige SMI-Wert Actelion (1,2 Mrd Fr.), der nun auch eine Zusammenarbeit mit dem Pharma-multi GlaxoSmithKline angekündigt hat.

Und Stabilität ist das, was Biotechwerte in diesem Umfeld als Boden für Avancen benötigen.