Die Wertpapiere der beiden Pharmagiganten Roche und Novartis erhielten in den letzten Monaten von unerwarteter Seite Unterstützung. Die Angst vor einer baldigen Grippepandemie liess Anleger in Pharmaunternehmen investieren.

Der Genussschein von Roche konnte um mehr als 8% und die Novartis-Aktie sogar um über 21% zulegen. Die Chancen stehen gut, dass auch nach der Präsentation der 3.-Quartals-Zahlen von Novartis am Donnerstag, 22. Oktober, und Roche am Donnerstag, 15. Oktober, der positive Trend anhalten wird.

Pandemieplanung füllt Kassen

Laut den aktuellsten Daten der Schweizer Behörden haben sich bisher rund 1300 Personen mit der Schweinegrippe infiziert. Europaweit geht man von bereits über 55000 Infizierten aus. Offizielle Stellen der Europäischen Union erwarten jedoch, dass sich im schlimmsten Fall 30% der rund 500 Mio EU-Bürger mit der Krankheit infizieren könnten. Um diesem Szenario vorzubeugen, wurde die Entwicklung eines Impfschutzes forciert. Seit wenigen Tagen stehen nun zwei Impfstoffe zur Verfügung. Pandemrix von GlaxoSmithKline und Focetria von Novartis haben die Zulassung der EU-Gesundheitsbehörden für den Vertrieb in Europa erhalten. In den USA sind unterdessen sogar vier Arzneien zugelassen.

Die Nachfrage nach den beiden Impfstoffen ist vor der anstehenden Grippesaison gewaltig. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat etwa bei Novartis und GlaxoSmithKline 13 Mio Dosen des Pandemieimpfstoffs geordert. Doch die schnelle Entwicklung des Produktes macht sich für Novartis nicht nur auf dem Heimmarkt bezahlt. Die Experten der Zürcher Kantonalbank halten es für möglich, dass Novartis rund 100 Mio Dosen Focetria wird absetzen können. Analysten erwarten daher, dass die Gewinne des Pharmaunternehmens aufgrund des Schweinegrippeimpfstoffs um 5 bis 7% steigen dürften. Doch auch Roche profitiert von der möglichen Pandemie. Das Grippemedikament Tamiflu dürfte für ein Gewinnplus von 5% sorgen. Tamiflu verspricht einen milderen Krankheitsverlauf bei einer bereits erfolgten Infektion.

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Mehr als nur Panikavancen

Doch nicht nur die Schweinegrippevorsorge lässt die Zukunft der beiden Pharmariesen optimistisch erscheinen. Studiendaten zu Lucentis, einem von der Roche-Tochter Genentech entwickelten Augenmedikament gegen den Sehverlust bei älteren Personen, sorgten zuletzt für positive Schlagzeilen. Das Produkt könnte aber nicht nur den Umsatz von Roche, sondern auch denjenigen von Novartis antreiben. Denn das Medikament wird von Genentech in Zusammenarbeit mit Novartis entwickelt. Die Rechte für den Verkauf von Lucentis in den USA hält daher Genentech, Novartis diejenigen für den Rest der Welt. Die Analysten der Bank Vontobel hatten schon vor einigen Wochen die erwarteten Umsatzzahlen des Medikaments deutlich erhöht.

Einen weiteren Erfolg konnte Novartis mit einem Medikament zur Behandlung von multipler Sklerose erzielen. Das Zulassungsgesuch für das Produkt mit dem Namen FTY720 soll noch vor Ende dieses Jahres bei den Gesundheitsbehörden der EU und der USA eingereicht werden. Ein Entscheid aus den USA wäre dann für 2010 zu erwarten, die EU dürfte 2011 folgen. Das vielversprechende Produkt könnte laut der Analysten den Bank Vontobel einen Höchst umsatz von 3 Mrd Dollar erzielen. Laut den Vontobel-Experten könnten die nächsten Neuigkeiten von Roche das wichtige Produkt Avastin zur Behandlung von Eierstockkrebs betreffen. Der mögliche Einfluss von Kostensenkungsprogrammen der US-Regierung im Gesundheitswesen ist allenfalls ein Risiko für Pharmaunternehmen. Sowohl Roche als auch Novartis erzielen über einen Drittel ihres Umsatzes in den Vereinigten Staaten. Beide Pharmaunternehmen geben sich jedoch gelassen und erwarten keine einschneidenden Einbussen (siehe «Handelszeitung» Nr. 37 vom 9. September 2009).

Beide Werte mit Potenzial

Die vorwiegend positiven Nachrichten sorgen dafür, dass die Wertpapiere bei den Experten beliebt sind. Über 80% der Analysten empfehlen den Roche-Genussschein zum Kauf. Auch die Analysten der Bank Vontobel stufen Roche mit «Buy» ein. Das Kursziel wird bei 185 Fr. angesetzt (aktueller Kurs: 164 Fr.). Die starke Pipeline und das Patentablaufprofil sprechen für das Unternehmen. Auch Novartis wird von Vontobel zum Kauf empfohlen. Das aktuelle Kursziel wird auf 58 Fr. festgelegt. Gerade im Hinblick auf die Dividendenrendite von rund 4% sei das Unternehmen, bei einem derzeitigen Kurs von 51 Fr., günstig bewertet.