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Kurzes Aufatmen an den Börsen Europas

Nach den turbulenten Brexit-Tagen haben sich die europäischen Börsen leicht beruhigt. Der Dax und auch das Pfund konnten zulegen. Für eine Entwarnung wäre es aber zu früh, meinen Experten.

Veröffentlicht am 28.06.2016

Nach den drastischen Kursverlusten der vergangenen Tage trauen sich einige Anleger in die europäischen Aktienmärkte zurück. Der Dax und der Londoner Auswahlindex FTSE gewannen jeweils gut 2 Prozent auf 9439 und 6105 Punkte. Der EuroStoxx50 legte sogar um 2,6 Prozent auf 2769 Zähler zu. Das Pfund Sterling ging ebenfalls auf Erholungskurs und verteuerte sich auf 1,3326 Dollar, nachdem es am Vortag auf ein 31-Jahres-Tief von 1,3118 Dollar gefallen war.

Der Swiss Market Index (SMI) legte am Morgen 2,10 Prozent auf 7'754,03 Zähler zu. Der 30 Titel umfassende Swiss Leader Index (SLI), in dem die grössten Titel nicht mit der ganzen Gewichtung enthalten sind, steigt um 2,36 Prozent auf 1'147,50 und der breite Swiss Performance Index (SPI) um 2,08 Prozent auf 8'347,94 Zähler. Alle 30 Blue Chips notieren in der Gewinnzone. Die zuletzt stark gebeutelten Bankaktien zeigen eine starke Gegenreaktion. So werden Credit Suisse 2,7 Prozent, Julius Bär 3,2 Prozent und UBS 2,8 Prozent höher bezahlt.

Unsicherheit über weitere Schritte

«Das ist alles aber nur eine Momentaufnahme», warnte ein Börsianer. «Der Brexit ist noch zu frisch.» Am vergangenen Donnerstag hatten die Briten für den Ausstieg ihres Landes aus der EU gestimmt. Da die Folgen dieser Entscheidung noch nicht abschätzbar seien, bleibe die Verunsicherung gross, fügte der Aktienhändler hinzu. Er rechne daher in den kommenden Tagen mit einem Rutsch des Dax unter die 9000er Marke.

Auch das Pfund habe seine Talsohle noch nicht erreicht, warnte Commerzbank-Analystin Esther Reichelt. «Investoren brauchen Klarheit darüber, wo das Vereinigte Königreich in zwei und mehr Jahren steht. Solange die fehlt, wird das Pfund weiter abgestraft. Grundsätzlich gilt: Keine Neuigkeiten sind schlechte Neuigkeiten für das Pfund.»

Neuigkeiten wie ein offizielles Austrittsgesuch der Briten seien vom Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs kaum zu erwarten, betonten die Analysten der Essener National-Bank. «Inzwischen kann man sich nämlich des Eindrucks nicht erwehren, dass die britische Politik völlig unvorbereitet ob des Ausgangs des Referendums ist, so dass das Herauszögern der Austrittsverhandlungen nicht nur reine Taktik ist.»

«AAA»-Verlust ohne grosse Folgen

Die Herabstufung der Bonität Grossbritanniens spielte am Anleihemarkt nur eine untergeordnete Rolle. Die Ratingagenturen S&P und Fitch entzogen dem Land wegen der Risiken für die Wirtschaft die Bestnote «AAA» und stuften es auf «AA» herunter. Dies treibt üblicherweise die Finanzierungskosten für den Staat und die Unternehmen in die Höhe.

Die Rendite der zehnjährigen britischen Bonds stieg daraufhin zwar auf 0,991 Prozent, blieb aber in Reichweite ihres Rekordtiefs von 0,933 Prozent. Wegen der Aktienrally zogen Anleger auch Geld aus den als sicher geltenden Bundesanleihen ab. Die trieb die Rendite der zehnjährigen Titel auf minus 0,084 von minus 0,106 Prozent. Bei der «Antikrisen-Währung» Gold machten Anleger ebenfalls Kasse. Das Edelmetall, das sich nach dem Brexit-Referendum zeitweise um mehr als 5 Prozent verteuert hatte, rutschte um 0,9 Prozent auf 1313,13 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) ab.

VW-Aktie gefragt

Bei den Einzelwerten standen Banken ganz oben auf der Einkaufsliste der Investoren. Der europäische Banken-Index gewann 4,1 Prozent. Finanztitel belegten die ersten sieben Plätze auf der Gewinnerliste des EuroStoxx50. Zuvor hatten die Institute grösstenteils zweistellige prozentuale Kursverluste eingefahren. Deutsche Bank rückten um 4,7 Prozent und Commerzbank um 3,8 Prozent vor.

Gefragt waren auch die Papiere von Volkswagen, obwohl das Unternehmen einem Insider zufolge zur Beilegung des US-Abgasskandals deutlich tiefer in die Tasche greifen muss als gedacht. Die Aktien des Autobauers legten um 3,8 Prozent zu. «Für mich ist das unerklärlich, denn ich glaube nicht, dass es mit einer Entschädigung von 15 Milliarden Dollar getan ist», sagte ein Börsianer. Schliesslich umfasse der Kompromiss nur einen Teil der betroffenen Fahrzeuge.

(reuters/jfr/ama)

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