Nur häppchenweise dringen Neuigkeiten zu den Aufständen in Libyen an die Öffentlichkeit. Was allerdings sichtbar wird, lässt auch die weltweiten Börsen nicht kalt. Seit dem Ausbruch der Unruhen im Wüstenstaat verlor der Weltaktienindex MSCI World mehr als 1,6 Prozent. An der Schweizer Börse ging der Swiss Market Index (SMI) innert Wochenfrist 1 Prozent zurück.

Für die Kursverluste verantwortlich ist neben den Gewaltszenen aus Libyen auch die Furcht der Anleger, dass der steigende Erdölpreis schwerwiegende Folgen für die noch fragile Weltwirtschaft haben könnte.

Direkte Betroffenheit

Das war nicht immer so. Bis vor wenigen Tagen zeigten sich die globalen Finanzmärkte von den Umstürzen in den arabischen Staaten weitgehend unbeeindruckt. So legte der SMI in den 18 Tagen der Aufstände in Ägypten mit vereinzelten Rückschlägen immerhin 1,3 Prozent zu. Seit Anfang des laufenden Jahres beläuft sich das Plus sogar auf 3,2 Prozent.

«Anleger reagieren zwar immer sensibel auf politische Ereignisse», erklärt Jörg Rieskamp, Professor für Finanzpsychologie an der Universität Basel. Dass die Unruhen in Libyen nachhaltiger auf den Märkten lasten, führt er auf die direkte Betroffenheit der Investoren zurück. «Es braucht direkt spürbare Auswirkungen, bis die Anleger aktiv werden. Dies ist im Falle von Libyen mit dem steigenden Ölpreis gegeben», sagt Rieskamp.

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Und was bisher den Börsen Aufwind verschuf, droht den Kursen nun zum Verhängnis zu werden der Herdentrieb. Dieses unter den Finanzmarktteilnehmern häufig festzustellende psychologische Phänomen könnte die jetzige Korrektur verstärken. «Sich in der Entscheidungsfindung von anderen beeinflussen zu lassen, ist zwar durchaus sinnvoll», sagt Rieskamp. Er verweist dabei auf den Kauf eines Autos, bei dem Erfahrungsberichte von anderen Fahrzeugbesitzern durchaus nützlich sein können. An der Börse dagegen kann dieses Verhalten zu einer Übertreibung führen.

Dass die jüngste Marktkorrektur unmittelbar eine Baisse-Phase an den Börsen einleitet, wird dennoch nicht erwartet. «Wir haben es nach schlechten Zeiten aktuell mit einem ziemlich stabilen Trend nach oben zu tun, der sich von diesen Unruhen nicht beeinflussen lässt», ist Rüdiger von Nitzsch, Professor für Entscheidungsforschung und Finanzdienstleistungen an der Technischen Hochschule in Aachen überzeugt. Das Vertrauen der Investoren, dass auch folgenschwere Krisen überwunden werden können, ist wieder erstarkt. «Die Befürchtungen eines Kollapses nach 2008 sind nicht eingetroffen. Folglich glauben die Anleger an die Krisenresistenz des Systems», hat Rieskamp festgestellt. Auch Alfons Cortés, Finanzmarkt-Analyst und Experte im Bereich der Verhaltensökonomik, bleibt trotz Libyen-Krise optimistisch: «Politische Börsen haben kurze Beine. Nach dem ersten Schrecken dürfte die Bewegung nach oben weiter anhalten», prognostiziert er.

Wann kommt die Wende?

Ein Wendepunkt des seit fast zwei Jahren anhaltenden Aufwärtstrends sei erst erreicht, wenn es entweder zu einer spekulativen Blase mit einer langen Phase hoher Schwankungen komme oder aber Teilmärkte deutlich schlechter performen als der Gesamtmarkt. Derzeit erreicht die Volatilität, gemessen am entsprechenden Schweizer Index VSMI, kaum beunruhigende Höhen. «Ein solches Auseinanderdriften beginnt, wenn erste Marktsektoren eine negative Entwicklung aufweisen», erklärt Cortés. Zwar gebe es in einzelnen Branchen wie Chemie oder Luxusgüter Überhitzungstendenzen. Der allgemeine Trend im Sektor strebe aber weiterhin nach oben.

«Wo sich eine Überhitzung anzeigt, lohnt sich für die Anleger eine Umschichtung im Portefeuille. Dabei werden jene Titel abgestossen, die aufgrund ihrer Überperformance einen zu hohen Anteil an den Anlagen erreicht haben», erläutert der Marktanalyst. Konkret empfiehlt Cortés daher eine Reduktion der Luxusgüterwerte Swatch und Richemont sowie des Chemietitels Lanxess. Den daraus erzielten Gewinn rät er in Cash zu halten und nicht vorschnell in vermeintlich günstige Titel zu investieren.