Aufatmen unter den Anlegern: Nach den schweren Verlusten der letzten Wochen hat der Schweizer Aktienmarkt kräftig ins Plus gedreht. 8% legte allein der schwer gewichtete Swiss Market Index (SMI) seit letztem Freitag zu; er steht nun etwas über 6220 Punkten. Doch handelt es sich dabei schon um ein Ende des «Bärenmarkts» – oder waren die Gewinne nur das, was im Handel als «technische Erholung» gilt?

Wiedersstarktes Vertrauen

Die Markttechniker, die aus vergangenen Kursverläufen die Notierungen der Zukunft errechnen, glauben ans zweite Szenario. «Den jüngsten Kursgewinn würde ich nicht überbewerten», sagt Philipp Jäggle, Analyst im Bereich Technik bei der Zürcher Kantonalbank ZKB. Vorderhand sei noch keine Trendwende zu erwarten.

In die gleiche Kerbe schlägt Rolf Bertschi, Managing Director Global Technical Strategy bei der Credit Suisse: «Wir befinden uns immer noch in einem Bärenmarkt.» Doch wie geht es nun weiter? Aus Sicht der Markttechnik stehen drei Szenarien zur Auswahl:

Bodenbildung «8% sind eine gute Vorlage – mit etwas Glück und Vertrauen könnte es gelingen, die Kurve hin zu einer Jahresendrally zu kriegen. Signal dafür wäre aus technischer Sicht ein Anstieg des SMI über die 6350-Punkte-Marke», sagt Bertschi von der Credit Suisse.

Ein solches Szenario für wahrscheinlich hält Thomas Lips, CIO der AIG Private Bank. Er beruft sich dabei nicht nur auf die überverkauften Indizes, sondern auch auf fundamentale Marktereignisse. So hätten die Rettungsaktionen das Finanzsystem vorläufig ruhig gestellt. «Die Marktteilnehmer wissen jetzt, dass die Regierungen das System nicht fallen lassen.» Erste Anzeichen von Vertrauen seien auch der Rückgang der Libor-Zinsen und der Prämien auf CDS-Papieren, mit denen Kreditrisiken abgesichert werden. Infolgedessen biete der hiesige Aktienmarkt Einstiegschancen für Investoren mit längerfristigem Blick, urteilt Lips (siehe auch Text unten).

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In Frage kommen dabei weniger die bisherigen «Defensiven» wie Nestlé und Novartis, sondern stark herabverkaufte Titel mit solider Grundlage: Versicherungswerte wie Zurich, Gesundheitstitel wie Actelion und Industriewerte mit hohem Service-Anteil wie Kaba oder die tief gefallene Schindler.

Baisse Der Blick auf die LTCM-Krise von 1998 und den 11. September 2001 zeigt, dass der SMI um die 5000-Punkte-Marke nur schwer zu durchbrechen ist dort bildet sich ein namhafter Widerstand, wie es in der Charttechnik heisst. Als der HedgeFonds LTCM 1998 Pleite ging, war das Tiefst bei 5108 Punkten erreicht. Selbst die Terroranschläge auf das World Trade Centre in New York konnten den Schweizer Leitindex nicht unter 4973 Punkte drücken. Jäggle von der ZKB, der trotz der jüngsten Kursgewinne nicht mit einem Ende der Baisse rechnet, sieht den SMI in den nächsten Monaten gegen die 5000-Punkte-Marke fallen. Auch wenn damit die Bären die Oberhand behalten würden, zeichnet sich doch – analog zu vergangenen Krisen – mittelfristig eine Besserung ab. Die Aktionäre könnten bis dahin in defensiven Werten überwintern (mehr auf Seite 40).

Stagnation Dreht das Momentum an den Märkten mittelfristig nicht nach Norden, sieht die Zukunft finster aus. Bertschi von der Credit Suisse vergleicht die heutige Situation mit jener von 1968 (Grafik). Auch damals wurden die Investoren in Panik versetzt, im Gegensatz zu heute aber von einer Mischung von hohen Ölpreisen, Inflation und Zinsen. Die Folgen in den 70er Jahren waren verheerend: Die Märkte stagnierten mehr als 10 Jahre, nämlich bis 1982. «Die Hoffnung ist jetzt, dass es nicht schlimmer kommt als damals», so der Credit-Suisse-Analyst. Unter Berücksichtigung vergangener Entwicklungen könnten die Aktienmärkte dann volatil bleiben – bis 2012.