Was macht Lateinamerika für Investoren so interessant?

Luiz Ribeiro: Verglichen mit dem Rest der Welt schlägt sich die Region sehr gut. Im vergangenen Jahr betrug das Wachstum im Schnitt zwischen 3 und 4 Prozent. Und auch dieses Jahr dürfte es gut weitergehen - auch wenn viele eine Verlangsamung erwarten. Ich rechne damit, dass wir positiv überrascht werden, mit Raten zwischen 4 und 4,5 Prozent. Ein solches Wachstum sieht man sonst auf der Welt nicht.

Hohe Wachstumsraten verzeichnen auch die Schwellenländer am anderen Ende der Welt, in Asien ...

Mit dem Rest der Welt meinte ich in diesem Fall die westlichen Staaten, die USA und Europa, in denen das Wachstum sich verlangsamt und teilweise deutlich in Richtung Rezession steuert.

Und was macht Lateinamerika für Investoren attraktiver?

Auch in Asien verzeichnet man hohe Wachstumsraten, aber diese stützen sich auf andere Faktoren als die in Lateinamerika. Es kommt darauf an, welche Faktoren den Investoren wichtig sind. Interessante Perspektiven bietet in Lateinamerika sicherlich die Demografie. In fast allen Ländern ist die Bevölkerung sehr jung und wächst. Wir haben gleichzeitig eine stetig wachsende Mittelklasse. Das geht einher mit steigenden Löhnen, einem wachsenden Binnenkonsum. Und der ist mit Sicherheit sehr interessant. Ein anderer Bereich, der sich von Asien abhebt, ist der Rohstoffsektor.

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Aber ist dieser angesichts der volatilen Lage in Europa und den USA nicht zu anfällig für Einflüsse aus dem Ausland?

Das ist natürlich ein sehr volatiler Sektor. Gleichzeitig muss man sehen, wie hoch der Ölpreis gerade steht. In dem Sektor lässt sich Geld verdienen und daran dürfte sich auch in Zukunft nichts ändern. Trotzdem muss man sich der Schwankungsanfälligkeit bewusst sein.

Und wohin soll man schauen, wenn man etwas mehr Stabilität sucht, weniger Abhängigkeit von der ausländischen Konjunktur?

Den Konsumbereich. Lebensmittel, Einzelhandel - auch einige lokale Industrieunternehmen. Diese Unternehmen werden immer interessanter. Wenn man sich ansieht, wen es an die Börse zieht, sind die meisten Unternehmen aus diesem Bereich. Das ist ein gutes Zeichen. Ich denke, in zehn Jahren wird ein Wandel stattgefunden haben, die Bedeutung des Rohstoffsektors wird abnehmen zugunsten der lokalen, von der Binnenwirtschaft abhängigen Unternehmen.

Doch bei allen positiven Seiten des Wachstums in Lateinamerika: Stellt die vergleichsweise hohe Inflationsrate in vielen Ländern nicht auch ein Risiko dar - vor allem wenn man an den Binnenkonsum denkt?

Die Teuerungsrate ist jetzt schon weit niedriger als sie einmal war. In den 80er, 90er Jahren hatten wir eine Hyperinflation, davon sind wir weit entfernt. Das liegt daran, dass in den meisten Ländern eine bessere Geldpolitik betrieben wird. Inflations- und Wachstumsziele haben ihren Dienst getan. Dennoch sind die Rahmenbedingungen aufgrund der schon genannten Entwicklungen immer noch wachstumsfördernd. Momentan liegt die durchschnittliche Inflation bei 6 bis 6,5 Prozent. Diese Rate dürfte 2012 noch sinken. Erst in der zweiten Hälfte könnte es sein, dass sie noch einmal ansteigt. Darauf müssen die Regierungen dann angemessen reagieren.

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Wie?

Sie müssen wieder eine etwas restriktivere Geldpolitik fahren, dabei aber nicht die Stabilität des Wachstums aus den Augen verlieren. In der Vergangenheit hat das schon gut geklappt.

Wo sehen Sie die Wachstumsraten in der langen Frist?

Der Ausblick für die lange Frist hat sich stark verbessert. Natürlich ist ein Wachstum von 7,5 Prozent, wie wir es etwa in Brasilien noch 2010 erlebt haben, nicht nachhaltig. Aber eine Rate von 3,5 bis 4 Prozent sehe ich als nachhaltig und machbar an.

Sehen Sie unter den Ländern in der Region eine Art aufsteigenden «Star»?

Wenn ich einen wählen muss, dann Kolumbien. Dort betragen die Wachstumsraten sogar um die 5 Prozent. In den letzten Jahren hat sich dort viel getan. Die Regierungen sind relativ erfolgreich gegen Guerillas und Gewalt vorgegangen. Ich sehe Kolumbien in der Entwicklung in Richtung Chile tendieren, das am besten entwickelte Land in der Region. Es bietet ein sehr interessantes Umfeld für Investoren - mit dem einzigen Problem, dass der Markt noch relativ klein ist.

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Luiz Ribeiro ist Emerging Markets Experte, Head of Latin American Equities bei der deutschen Fondsgesellschaft DWS