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Textilindustrie
Lira-Verfall heizt Mode-Produktion an

Türkei
Ein Basar in Ankara: Die Türkei wird für die Textilproduktion immer wichtiger.Quelle: Keystone

Durch den Verfall der Währung wird die Türkei als Produktionsland für Mode noch attraktiver. Experten schliessen Verlagerungen nicht aus.

Von Carsten Dierig («Die Welt»)
am 21.08.2018

Die aktuelle Währungskrise in der Türkei rückt das Land in den Fokus der Modeindustrie. «Wenn die Lira längerfristig so schwach notiert, wird die Produktion dort günstiger. Und dann werden die Einkäufer zwangsläufig darüber nachdenken, zusätzliche Aufträge in der Türkei zu platzieren», sagt Daniel Terberger, der Vorstandschef des Bielefelder Modedienstleisters Katag. «Die aktuelle Währungsthematik macht das Land attraktiver. Da können in Zukunft weitere Aufträge herüberwandern, wenn auch nicht erdrutschartig.»

Katag selbst, ein Familienunternehmen mit zuletzt gut einer Milliarde Euro Umsatz, lässt bereits in der Türkei fertigen – und hat dabei durchweg gute Erfahrungen gesammelt. «Die Fabriken sind tadellos», versichert Terberger. Kaum verwunderlich also, dass die Bedeutung des Landes als Produktionsstandort für Mode und Textilien stetig steigt.

Türkei ein zunehmend wichtiger Hersteller

«Die Türkei ist ein zunehmend wichtiges Herstellerland», bestätigt Thomas Lange, der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes German Fashion, mit Verweis auf das aktuelle Importranking des Statistischen Bundesamtes. Danach war die Türkei 2017 hinter China und Bangladesch das drittwichtigste Herkunftsland für in Deutschland verkaufte Mode.

Auf rund 3,42 Milliarden Euro summierten sich die Einfuhren aus der Türkei im vergangenen Jahr, das waren fast zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt entspricht dieser Wert bereits einem Anteil von über zehn Prozent am gesamten Importvolumen, das mit 32,5 Milliarden Euro knapp drei Prozent höher lag als noch 2016. Das ebenfalls aufstrebende Bangladesch kommt zwar schon auf rund fünf Milliarden Euro Einfuhrmenge, und Branchenführer China schafft sogar knapp 8,4 Milliarden Euro. Der Türkei kommt aber ihre geografische Nähe zu Europa zugute. Denn dadurch verkürzen sich die Transportwege – und damit auch die Reaktionszeiten, was kurzfristige Nachbestellungen besonders gut laufender Teile einer Kollektion leichter macht.

Mit dem Verfall der Lira wird nun auch die Produktion deutlich billiger, insbesondere durch die Abwertung bei den Löhnen, die üblicherweise in der Landeswährung bezahlt werden. Beim Verbraucher indes kommen die aktuellen Turbulenzen noch nicht an. «Zum einen sind die Kollektionsplanungen langfristig», erklärt Experte Terberger. Die entsprechenden Verträge zwischen einer Modemarke und der Nähfabrik werden locker drei bis sechs Monate im Voraus geschlossen – und da war die Lage der türkischen Lira längst nicht so dramatisch wie jetzt, sodass die Auftraggeber Rabatte hätten einfordern können.

Bisher keine signifikanten Auswirkungen

Zum anderen schliessen die Modefirmen die Verträge mit den Fabrikanten üblicherweise in Fremdwährungen ab, meldet German Fashion, allen voran in Dollar und Euro. Nutzniesser werden daher in den kommenden Wochen vor allem die Produzenten in der Türkei sein, die Jeans, T-Shirts, Anzüge und Kleider in harter Währung verkaufen, die dafür nötige Dienstleistung aber in der aktuell schwachen Landeswährung einkaufen, heisst es aus der Branche. «Unsere Lieferanten werden in Euro bezahlt», heisst es zum Beispiel bei Esprit. Das Label kauft immerhin rund sieben Prozent seiner Waren in der Türkei ein.

Ob das in Zukunft mehr oder weniger wird, ist noch nicht absehbar. «Wir beobachten die Lage sehr genau», sagt ein Sprecher. Gleiches gilt auch für Hugo Boss. Der Premiumanbieter aus dem schwäbischen Metzingen hat sogar eine eigene Fabrik in der Türkei. Knapp 4000 Mitarbeiter produzieren in der Nähe von Izmir Anzüge und Hemden, und das schon seit bald 20 Jahren. Aktuell gebe es aber noch keine signifikanten Auswirkungen, heisst es aus der Zentrale.

Anders ist es beim Verkauf in der Türkei. «Die Einnahmen werden dort mit jedem Tag weniger wert», sagt Unternehmer Terberger. Das allerdings trifft derzeit erst wenige Anbieter. «Die Türkei ist zwar ein wachsender Markt, gehört aber sicherlich nicht zu den Hauptabsatzgebieten für Mode aus Deutschland», relativiert Terberger. Und tatsächlich taucht das Land in der Exportstatistik von German Fashion, in der die 25 grössten Absatzmärkte aufgelistet sind, bislang nicht auf. Wichtigste Exportländer waren 2017 die Schweiz, Österreich und Frankreich, gefolgt von den Niederlanden, Polen und Grossbritannien. In Summe hat die deutsche Modeindustrie Waren im Wert von rund 18,2 Milliarden Euro ins Ausland verkauft, das waren knapp 18 Prozent mehr als im Vorjahr.

*Dieser Artikel erschien zuerst in der «Welt» unter dem Titel «Lira-Verfall macht die Türkei zur Billiglohn-Nation».

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