Die Schuldenkrise in Europa hat einen Höhepunkt erreicht – ist die Gemeinschaftswährung Euro zum Scheitern verurteilt?

Es ist nicht mit einer raschen Normalisierung zu rechnen. Klare Massnahmen zur peniblen Überwachung der Verschuldung und Schritte zum Abbau der Verschuldung sind ebenso nötig wie neue Vorschläge in Richtung einer Fiskalunion. Die Chancen stehen nicht so schlecht, dass wir 2012 hier Fortschritte sehen werden. Der Zusammenbruch des Euro kann nicht vollständig ausgeschlossen werden, doch ist dies nicht das Szenario von Pictet.

Mit dem Schlingern der Euro-Zone steigt der Aufwertungsdruck auf den Franken. Kann die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihr Kursziel von 1.20 Franken je Euro halten?

Das Wachstum der schweizerischen Wirtschaft schwächt sich jetzt schon stark ab. Die SNB kann deshalb ihr Kursziel halten, wir sehen keinen erneuten Anstieg des Frankens. Es ist wahrscheinlicher, dass wir in einen neuen Zielkorridor von 1.25 bis 1.30 Franken gegen den Euro gelangen werden.

Einen Weg aus der Krise böte die Inflationierung der Schuldenlast – gleichzeitig droht nun die Gefahr einer Deflation. Welches Szenario ist für 2012 wahrscheinlich?

In vielen Schwellenländern, so auch in Indien und China, ist die Inflation Tatsache. Anderseits sind Japan und einige krisengeschüttelte Euro-Peripherieländer in einer Deflationssituation. Werden die Sparmassnahmen zu aggressiv umgesetzt, besteht das Risiko, dass weitere europäische Staaten in den Deflationsstrudel hineingerissen werden. Eine lockere Geldpolitik ist in dieser Situation angemessen; die Inflationsgefahr ist für die nächsten ein bis zwei Jahre gering.

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Angesichts der zahlreichen Risiken haben sich viele Anleger aus dem Markt verabschiedet. Doch bei welchen Investments würde sich jetzt der Einstieg lohnen?

Wenn wir das Jahr 2012 als Ganzes betrachten, dann dürften zyklische Werte – insbesondere Rohstoffe und Aktien − in der ersten Jahreshälfte Mühe bekunden. Im Jahresverlauf dürfte sich die Weltwirtschaft stabilisieren und eine gewisse Zuversicht überhandnehmen. Dies dürfte dann auch die Wende für Aktien und Rohstoffe bringen.

Morgen in dieser Serie: Stefan Keitel, Investmentchef Global, Credit Suisse