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London und Frankfurt wappnen sich für Attacke

Deutsche Börse: Ihre Fusionspläne könnten durchkreuzt werden. Keystone

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) sehen ihr Fusionsprojekt in Gefahr: Der US-Rivale ICE prüft ein Gegenangebot für die LSE. Nun holen sich Frankfurt und London Rückendeckung.

Veröffentlicht am 01.03.2016

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange (LSE) rüsten sich Kreisen zufolge für den Fall eines möglichen Gegenangebotes. Beide Konzerne seien dabei, sich für die beabsichtigte Übernahme der LSE durch die Deutschen die Unterstützung einer Reihe von Banken zu sichern, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.

Diese als «Street Sweep» bekannte Taktik soll es Dritten erschweren, das beabsichtigte Geschäft durch ein Gegenangebot platzen zu lassen.

Banken geben sich bedeckt

Im einzelnen stehe die Deutsche Börse kurz vor der Verpflichtung von Deutsche Bank, Bank of America und HSBC, hiess es in den Kreisen weiter. Die LSE wolle unter anderem Goldman Sachs, JPMorgan, Royal Bank of Canada, UBS, Barclays und Societe Generale beauftragen. Alle Beteiligten wollten sich zu der Angelegenheit nicht äussern beziehungsweise antworteten nicht auf entsprechende Anfragen.

Zuvor hatte der US-Rivale Intercontinental Exchange (ICE) Kreise-Informationen vom Vortag bestätigt, er erwäge ein Gegenangebot. Für die Deutschen wäre es nicht das erste Mal, dass diese ihnen den Fisch von der Angel wegschnappen.

Amerikaner haben einen Monat Zeit

Nach dem britischen Übernahmegesetz müssen sich die Amerikaner bis Ende März entscheiden. Im Volksmund heisst die Regel am Londoner Finanzplatz «put up or shut up» (in etwa: lass Taten folgen oder halte den Mund). Kreisen zufolge denkt auch der US-Termin- und Optionsbörsenbetreiber CME über ein Gegenangebot nach.

Damit tritt das ein, womit Analysten seit Bekanntgabe der Übernahmepläne gerechnet haben: Die Amerikaner schauen einer Fusion der grössten europäischen Börsen nicht tatenlos zu. «Ein Gegenangebot könnte die Deutsche Börse in Zugzwang bringen, ihre eigene Offerte aufzustocken», sagte ein Händler.

Frankfurt nimmt Kenntnis

In einer ersten Reaktion teilte der Frankfurter Börsenbetreiber mit: «Die Deutsche Börse hat die Ankündigung eines möglichen Übernahmeangebotes für die LSE durch die Intercontinental Exchange zur Kenntnis genommen und wird eventuelle, weitere Entwicklungen intensiv beobachten.» Die Gespräche mit der LSE zum Zusammenschluss würden unverändert fortgeführt. Die Londoner Börse äusserte sich zuvor ähnlich.

Die Aktien der Deutschen Börse gingen am Dienstag als Schlusslicht des sehr festen Dax mit einem Plus von 0,92 Prozent aus dem Handel. Die Papiere der LSE zogen in Erwartung eines Bietergefechts stark an und legten um mehr als 7 Prozent zu. Zwischenzeitlich erklommen sie sogar ein Rekordhoch bei mehr als 2900 Britische Pence. ICE-Titel rutschten zuletzt an der ebenfalls sehr festen Wall Street um knapp 3 Prozent ab. An der Nasdaq legten CME-Papiere hingegen um knapp 1 Prozent zu.

Interessenten müssen Farbe bekennen

Die nächsten Wochen werden nun zeigen, ob sich die Amerikaner aus der Deckung wagen und der Deutschen Börse auf der Ziellinie ein Bein stellen. Die Deutschen müssen in den kommenden Wochen ihre Pläne mit einem offiziellem Angebot untermauern. Bis spätestens 22. März muss nun nach britischem Recht entweder ein bindendes Angebot gemacht oder der Deal vorerst abgeblasen werden.

Nach 2000 und 2005 ist die vor wenigen Tagen verkündete Absicht der Deutschen Börse, die LSE zu übernehmen, der dritte derartige Versuch. Aktionäre beider Konzerne sollen dabei ihre bisherigen Anteile in Papiere einer neuen Holding tauschen, an der die Deutschen dann mit 54,4 Prozent der Anteile die Mehrheit hätten. Zusammen würden die beiden Unternehmen nach Börsenwert zu den US-Schwergewichten ICE und CME aufschliessen.

Wettbewerbsbehörden als Stolperstein

Neben der Hürde eines möglichen Mitbieters sitzen der Deutschen Börse auch noch die Wettbewerbsbehörden im Nacken. Zustimmen müssten einer Fusion unter anderem die EU-Regulierer. Brüssel hatte den letzten grossen Anlauf der Frankfurter zu einer Megafusion mit der New Yorker Börse NYSE Euronext Anfang 2012 krachend scheitern lassen. Ende 2012 hatte dann die ICE zugeschlagen und die New Yorker Börse übernommen.

Es war ein weiterer Tiefschlag für die Frankfurter: Im November 2006 hatte die Deutsche Börse schon die damals noch eigenständige europäische Mehrländerbörse Euronext schlucken wollen - hier wiederum machte die Nyse den Deutschen einen Strich durch die Rechnung.

(awp/mbü)

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