Im Februar kauften Ihre Verwaltungsräte Inficon-Aktien ein, Anfang März meldete die private Beteiligungsgesellschaft Corisol 3,35%. Ist Inficon ein Kauf?

Lukas Winkler: Offensichtlich. Unsere Zahlen des vergangenen Geschäftsjahres sind sehr gut. Der aktuelle Aktienkurs spiegelt unsere Leistung meiner Meinung nach zu wenig wider.

Der Financier Tito Tettamanti allerdings ist mit seiner Beteiligungsfirma Sterling bei einem deutlich höheren Kurs eingestiegen. Wie ist seine Stimmung?

Winkler: Wir führen, wie mit allen grösseren Aktionären, vierteljährlich Gespräche. Negative Kommentare haben wir keine erhalten, wir können also davon ausgehen, dass man mit der unternehmerischen Leistung von Inficon zufrieden ist. Die Entwicklung des Aktienkurses dagegen ist natürlich wenig erfreulich.

Anzeige

Warum performen Inficon negativ?

Winkler: Wir sind in den Sog der Finanzmarktkrise geraten. Erschwerend kommt hinzu, dass wir noch immer als Halbleiterausrüster wahrgenommen werden. Dabei erzielten wir 2007 nur 23% des Umsatzes mit Kunden aus dieser Branche. Zwölf weitere Umsatzprozente im Marktbereich Halbleiter und Vakuumbeschichtungen gehen auf Vakuumbeschichtungsanwendungen wie Solar zurück.

Investoren sorgen sich um den Halbleitermarkt 2008. Wie sind die Aussichten?

Winkler: Die Marktexperten sind sich uneins. Die Speicherchip-Preise sind 2007 ins Bodenlose gefallen, während die Stückzahlen produzierter Chips nach wie vor sehr hoch sind. Inficon lebt nicht von den Chip-Preisen, sondern von den Investitionen der Hersteller. Solange also die Produktionsvolumen steigen, profitieren wir.

Wie ist das Geschäft mit Halbleiterfirmen im 1. Quartal angelaufen?

Winkler: Erstaunlich gut. Die Auswirkungen auf unser Geschäft sind nicht so negativ, wie allgemein erwartet wurde. Inficon spürt bis jetzt nichts von einem Abschwung in der Halbleiterbranche.

Wie ist Ihre Visibilität?

Winkler: Im Bereich Halbleiter eher gering. Unsere durchschnittlichen Lieferfristen bewegen sich zwischen zwei Tagen und sechs Wochen. Unsere Guidance für 2008 basiert also nicht auf unserem Auftragsbestand, sondern stützt sich auf bekannte Investitionsprojekte unserer privaten und öffentlichen Kunden sowie auf Branchenprognosen. Wir haben über die Jahre gelernt, aufgrund solcher Daten eine recht gute Sicht auf unser Geschäft zu entwickeln. Andere Bereiche ? etwa General Vacuum oder der Bereich Kälte- und Klimatechnik ? sind demgegenüber viel besser einschätzbar.

Welche Signale senden Ihre Kunden?

Anzeige

Winkler: Ich war kürzlich in Asien und habe unterschiedliche Feedbacks erhalten. Es gibt erfreulicherweise nach wie vor Unternehmen, auch im Speicherchip-Bereich, die an ihre Kapazitätsgrenzen fahren und daher neue Werke planen. Andere Firmen dagegen sind gegenüber neuen Werken zurückhaltend, lieber rüsten sie ihre Produktionsstätten um ? auch in diesem Fall können wir partizipieren.

Wie?

Winkler: Viele Chip-Hersteller und Halbleiter-Anlagenbauer, vor allem die grossen Player wie Applied Materials, sind längst nicht mehr nur in ihrem angestammten Bereich tätig, sondern sind in verwandte Gebiete eingestiegen. Zum Beispiel in die Produktion von Flachbildschirmen und Solarmodulen. Auf dem Markt für Flachbildschirme wird für 2008 ein absolutes Rekordjahr erwartet. Der Solarmarkt boomt ohnehin. Ein weiterer wichtiger Treiber 2008 wird das Geschäft mit der «neuen» DVD sein, nachdem sich der Markt kürzlich für Sonys Blu-ray-Technologie entschieden hat.

Anzeige

Was heisst das für Inficon?

Winkler: Unsere Kunden erwarten einen Schub im Hinblick auf das nächste Weihnachtsgeschäft. Deshalb beginnen sie jetzt damit, ihre Produktionskapazitäten hochzufahren. Insofern kann man die Auswirkungen, die ein Abschwung im Speicherchip-Markt auf Inficon hat, klar relativieren.

Stichwort Solar: Manche Unternehmen nutzen ihre Aktivitäten im Solarmarkt zur Kurspflege. Sie dagegen sind sehr zurückhaltend. Warum?

Winkler: Weil wir uns umsatzmässig in diesem Markt noch auf einem sehr tiefen Niveau befinden. Für uns ist das ein Teil des Vakuum-Beschichtungsmarktes.

Wird sich das mittelfristig ändern?

Winkler: Solar dürfte für Inficon ein Nischenmarkt bleiben, vergleichbar mit Speichermedien wie DVD oder dem Optikgeschäft. Wir halten ein Marktvolumen im mittleren zweistelligen Millionen-Dollar-Bereich für realistisch. Wenn wir diesen Markt mit unseren Produkten dominieren, dann haben wir unser Ziel erreicht.

Anzeige

Könnte Solar zu einer separat ausgewiesenen Konzernsparte werden?

Winkler: Das ist kaum denkbar. Der Umsatzanteil mit Solarmodul-Herstellern belief sich 2007 auf geschätzte 1,5 bis 2% des konsolidierten Umsatzes und machte rund 4 Mio Dollar aus.

Nicht alle Halbleiter-OEM sind so stark diversifiziert, wie sie eben beschrieben haben. Wie ist das Verhältnis zwischen «Spezialisten» und «Generalisten» im Inficon-Kundenportfolio?

Winkler: Richtig, taiwanesische Firmen sind traditionell stark spezialisiert. Japaner und Koreaner dagegen sehr diversifiziert ? Paradebeispiel hierfür ist etwa Samsung, ein sehr grosser Kunde. Inficon ist bei allen führenden Unternehmen präsent, insofern können wir eine Abkühlung auf dem Speicherchip-Markt zu einem wesentlichen Teil kompensieren.

Ein zweiter stark wachsender Markt von Inficon ist die Klima- und Kühltechnik. Setzt sich dieser Trend auch 2008 fort?

Anzeige

Winkler: Wie schon 2007 wird auch 2008 Asien der wichtigste Wachstumstreiber sein. Dutzende Millionen Haushalte sind dank höherem Einkommen in der Lage, sich nun Kühlschrank und Klimaanlage zu leisten. Zudem ist in der asiatischen Exportindustrie die Stimmung gut.

Wie viel organisches Umsatzwachstum erwarten Sie 2008?

Winkler: Die zweistellige Wachstumsrate im Jahr 2007 von 28,7% auf 38,6 Mio Dollar in diesem Marktbereich dürfte eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein. Mittelfristig rechnen wir mit 5 bis 10%. Natürlich suchen wir immer nach neuen Anwendungsmöglichkeiten, um überdurchschnittlich zulegen zu können.

Zum Beispiel?

Winkler: Wir können uns vorstellen, unsere Helium-Prüfverfahren auch bei der Herstellung von Getränkebehältern einzusetzen ? Flaschen und Dosen müssen komplett luftdicht sein, um die hohen hygienischen Standards zu erfüllen.

Anzeige

Wie funktioniert das?

Winkler: Wann immer eine Hülle in einem sehr hohen Mass dicht sein muss, wird ein Prüfverfahren auf Helium-Basis angewandt. Denn Helium ist das kleinste Molekül, das selbstständig stabil bleibt. Kann es eine Hülle nicht passieren, können auch andere Moleküle wie Sauerstoff oder Wasser weder eindringen noch austreten.

Warum arbeitet die Lebensmittelindustrie noch nicht mit solchen Verfahren?

Winkler: Weil es noch keine entsprechende Norm gibt.

Warum soll dann ein Hersteller mehr investieren, wenn er nicht muss?

Winkler: Wir haben ein Produkt weiterentwickelt und bieten es nun zu einem höchst attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis an.

Wie gross ist hier das Marktpotenzial?

Winkler: Auch das ist eine Nische, die wir aber mittel- bis langfristig dominieren können. Ich sehe diesen Markt im tieferen zweistelligen Millionen-Dollar-Bereich.

Anzeige

Sehen Sie weitere neue Nischen?

Winkler: Zum Beispiel bei neuartigen Kühl- und Heizsystemen in Flugzeugen. Wir haben für den Airbus A340 und A380 bereits ein entsprechendes Produkt entwickelt. Nun sollen diese Systeme in weiteren Flugzeugtypen eingesetzt werden, was Wachstum für Inficon bedeutet. Viele spannende Nischenmärkte bedient Inficon über weltweit spezialisierte Private-Label-Partner. Wir erwarten für 2008 auch wieder steigende Nachfragezahlen im Bereich Sicherheit und Umweltmonitoring. Natürlich haben wir weitere, neue Nischen im Visier. Doch darüber reden wir, wenn wir sicher sind, dass Inficon damit Erfolg haben kann.

Der schwache Dollar kann das Wachstum von Inficon gefährden. Was tun Sie, wenn der Greenback zum Euro und zum Franken weiter an Wert verliert?

Winkler: Bei Bedarf sichern wir uns mit kurzfristigen Hedgings ab, aber nur über vorhersehbare Geldströme.

Anzeige