Die 39-Mrd-Dollar-Transaktion, mit welcher Novartis die von Nestlé gehaltene 77%-Beteiligung am US-Augenpflegemittelhersteller Alcon übernehmen will (siehe auch Seite 40), kommt für die seit Jahresbeginn gebeutelte M&A-Branche zum richtigen Zeitpunkt. Denn das Geschäft mit Firmenübernahmen und Fusionen hat im Gefolge der Kreditkrise und der konjunkturellen Unsicherheiten gelitten. Laut Thomson Financial ist das Transaktionsvolumen im 1. Quartal 2008 weltweit um 24% zurückgegangen, allein in den USA um 54%.

Strategie vor reiner Rendite

Die Finanzkrise hat sich vor allen auf Finanzinvestoren und deren Fähigkeit ausgewirkt, fremdfinanzierte Übernahmen, sogenannte Leveraged Buyouts (LBO), zu ermöglichen. Die Finanzinstitute sind generell risikoaverser geworden. Dies betrifft in erster Linie grosse Transaktionen von über 1 Mrd Fr. Marco Superina, Leiter von M&A in der Schweiz bei der Credit Suisse, fügt allerdings ein grosses Aber hinzu: «Nach wie vor lassen sich Transaktionen, die strategisch Sinn machen, finanzieren.» Der Anfang Woche bekannt gewordene Nestlé-Novartis-Deal illustriert dies eindrücklich.

Der Schweizer M&A-Markt ist laut KPMG «überdurchschnittlich robust». Grund hierfür ist zum einen das geringe Exposure zu grossen Private-Equitiy-Transaktionen. Anderseits besitzt die Schweizer Wirtschaft neben den international tätigen Grosskonzernen eine Vielzahl kotierter oder privater mittelgrosser Unternehmen, die das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bilden und «damit auch Kernelement des schweizerischen M&A-Markts sind und diesen stabilisieren», so KPMG.

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Diese Einschätzung wird von Werner Kuhn, Head Investement Banking bei UBS, geteilt: «Als Folge einer eher konservativ ausgerichteten Finanzierungsstrategie und einer erfolgreich vorgenommenen Repositionierung in den letzten Jahren verfügen viele Schweizer Unternehmen nach wie vor über eine gesunde Bilanz und umfangreiche Barmittel für Akquisitionen.» Diese Firmen sind weniger abhängig vom Kapitalmarktumfeld und können, so Kuhn, trotz erschwerter Finanzierungsbedingungen eine aktive M&A-Strategie verfolgen.

Die Pipelines mit geplanten oder sich in Vorbereitung befindlichen Transaktionen sind bei den Finanzinstituten gut gefüllt. Kuhn von der UBS: «Tatsächlich ist unsere Pipeline heute sogar grösser als vor einem Jahr.» Marc Möckli, Partner bei The Corporate Group, die auf mittelgrosse Transaktionen spezialisiert ist, sagt: «Wir spüren momentan noch keinen Nachfragerückgang. Wir arbeiten insbesondere an vielen Nachfolgeregelungen.»

Industrie und Finanzen als Ziele

Stephan Haagmans, Partner bei Ernst & Young, geht davon aus, dass der Trend zur Fokussierung auf das Kerngeschäft weiter anhält: «Restrukturierungen und damit Käufen bzw. Verkäufe bleiben ein Thema.» Gerade für Firmen mit starken Bilanzen und viel Liquidität biete die gegenwärtige Situation Chancen, das strategische Kerngeschäft zu stärken.

Die M&A-Profis haben deshalb ihr Augenmerk auf gesunde Industriefirmen mit beschränkten organischen Wachstumsmöglichkeiten in ihrem angestammten Markt gerichtet. Im Fokus stehen die Chemie und die Elektrotechnik, in denen weiterhin umstrukturiert wird, sowie die Finanzinstitute und die Versicherungen ? Stichwort: Konsolidierung.

 

 

NACHGEFRAGT Marco Superina, Leiter M&A in der Schweiz, Credit Suisse


«Wir erwarten ein aktives 2. Halbjahr»

Welches sind die Auswirkungen der Kreditkrise auf Schweizer Firmen?

Marco Superina: Schweizer Firmen haben ihre Hausaufgaben gemacht und stehen mit soliden Bilanzen da. Dies wird ihnen bei Akquisitionsplänen zugute kommen. Im Moment ist die relative Bewertung zwischen Unternehmen und die Veränderung hiervon nach den jüngsten Turbulenzen entscheidend für Transaktionen. Fallende Aktienkurse und damit tiefere Bewertungen werden aber auch Opportunitäten für Aktivisten bieten, welche Unternehmensführungen fordern werden.

Ist das Vertrauen in fremdfinanzierte Übernahmen generell gesunken? Superina: Firmen gehen fremdfinanzierte Transaktionen generell vorsichtiger an und investieren mehr Zeit und noch mehr Sorgfalt in die Analyse der möglichen Auswirkungen einer Finanzierung angesichts der Turbulenzen. So wird eine Negativszenario einer Rezession simuliert und die Fähigkeit der Zielfirma, die Fremdkapitalzinsen zu bedienen.Was sind Ihre Prognosen für das weitere M&A-Jahr 2008? Superina: Die Geschichte zeigt, dass M&A-Aktivität nach externen Turbulenzen immer schneller wieder einsetzt. Wir erwarten daher ein aktives 2. Halbjahr.Welches sind die grössten Treiber respektive grössten Hemmnisse? Superina: Grösster Treiber wird der sich wieder erholende Kreditmarkt sein. Falls dieser einer generellen Erholung des Aktienmarktes vorgelagert ist, werden sich für Finanzinvestoren und Unternehmen attraktive Opportunitäten bieten. Das grösste Hemmnis wird dann einsetzen, falls die Turbulenzen im Finanzmarkt sich auf die Realwirtschaft auswirken.