Mit den 1. Halbjahreszahlen hat Feintool die Erwartungen übertroffen und klare Erholungstendenzen gezeigt. Konnten Sie den Schwung ins 2. Semester übertragen?

Heinz Loosli: Ja. Die für uns wichtigen Märkte haben sich weiter belebt, das gilt insbesondere für den Automobilsektor. Der Absatz von Fahrzeugen hat sich markanter erholt, als die Industrie selbst erwartete. Treiber sind aufstrebende Märkte wie China und Indien, wo dieses Jahr bereits 10 bis 20% mehr Fahrzeuge verkauft wurden.

Inwieweit haben Sie von den Abwrackprämien profitiert? Fällt diese «Krücke» mit dem Auslaufen der Stützungsprogramme nun weg?

Loosli: Die Abwrackprämien beeinflussten fast ausschliesslich die Verkäufe im Segment der Kleinwagen. Weil aber Feintool-Teile hauptsächlich in Mittel- und Oberklasse-Fahrzeugen eingesetzt werden, hatten diese praktisch keinen Einfluss. Uns ist zugutegekommen, dass die Verkaufszahlen für höherwertige Autos wieder deutlich gestiegen sind und es wohl weiterhin tun werden. Derzeit deutet zumindest alles drauf hin. Es gibt sogar Anzeichen, dass einzelne Hersteller, wie etwa Mercedes, keine Sommerpause machen und durchgängig produzieren.

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Wie gross ist die Auslastung derzeit in der Teile- und Komponentenfertigung?

Loosli: Unsere drei europäischen Werke in Deutschland und in der Schweiz sind zu über 100% ausgelastet. Gleiches gilt für unsere Produktionsstätten in Japan und in den USA.

Sie sagten, alles deute auf eine Erholung hin. Was macht Sie so zuversichtlich?

Loosli: Gespräche mit Kunden in Europa, Japan und den USA ergeben, dass deren Auftragsbücher bereits bis weit in den Herbst hinein gefüllt sind. Für uns bedeutet dies, dass bis auf die nächsten fünf bis sechs Monate hinaus mit keiner Abschwächung zu rechnen ist. Weiter reicht die Visibilität in diesem Geschäft erfahrungsgemäss nicht.

Nach vier verlustreichen Quartalen konnte Feintool wieder einen positiven Ebit verbuchen und dank höherer Bruttomarge ein Betriebsergebnis von 3,5 Mio Fr. erwirtschaften. Wie sieht die Ebit-Guidance für das gesamte Jahr aus?

Loosli: Unsere Massnahmen zur Eliminierung von Verlustquellen, Stichwort Verkauf der Plastic/Metal Components, und die Anpassung von Kostenstrukturen tragen bereits Früchte. Der Breakeven-Level bezüglich Umsatz konnte deutlich gesenkt werden, und zwar gruppenweit um 100 Mio Fr. Zur Ebit-Guidance: Zu Beginn des Geschäftsjahres erwarteten wir noch einen negativen Ebit. Aufgrund der derzeitigen Ausgangslage dürfte er sich im positiven einstelligen Bereich bewegen.

Und der Umsatz?

Loosli: Wir sprachen früher von 340 bis 350 Mio Fr. Ich sehe ihn Ende Jahr am oberen Ende der Bandbreite.

Früher erzielte Feintool einen Umsatz von 0,5 Mrd Fr. Wollen Sie mittelfristig wieder dorthin kommen?

Loosli: Vorerst geht es uns weniger um quantitatives Wachstum. Im Vordergrund steht das Erreichen einer vernünftigen Rendite. Erst wenn dieses Ziel erreicht ist, denken wir an quantitatives Wachstum.

Bleiben wir bei den mittelfristigen Aussichten. Was läuft bei Feintool in den nächsten drei, vier Jahren ab?

Loosli: Im Mittelpunkt steht der Aufbau unseres ersten Produktionsstandortes für die Serienteilefertigung in China. Seit vielen Jahren sind wir dort mit Verkaufs- und Serviceniederlassungen für Feinschneidpressen vertreten. Wir wählten als Produktionsstandort bewusst die Region Schanghai, weil es dort viele gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt. Wir planen eine schrittweise Vergrösserung und haben die Möglichkeit, die Produktionsfläche rasch zu verdoppeln. Zu den Highlights gehören aber auch neue Produkte, die jetzt in der Pipeline sind. Ich denke etwa an eine neue, leistungsstarke und energieeffiziente Feinschneid-Pressengeneration, die wir im Herbst 2010 an der für uns wichtigen Fachmesse «Euroblech» in Hannover vorstellen werden. Mehr möchte ich dazu aus Wettbewerbsgründen nicht sagen.

Wann wird das Werk in China eröffnet, und wie viel Umsatz soll es einspielen?

Loosli: Die Eröffnung ist auf Mitte nächstes Jahr geplant. Beim Umsatz gehen wir zunächst von rund 20 Mio Fr. aus.

Wir sprachen bis jetzt nur von den gelungenen Kurskorrekturen. Wie steht es um die Restrukturierung des US-Geschäftes, das seit Jahren unprofitabel ist?

Loosli: Als Erstes haben wir das US-Geschäft, welches als eigenständige Division geführt wurde, in unsere Gruppensegmente eingegliedert. Wichtige Stellen, wie jene des lokalen CEO und CFO, wurden neu mit bewährten Feintool-Mitarbeitern besetzt. Als Nächstes geht es darum, durch Fokussierung bei den Produkten die Komplexität zu reduzieren und die Produktionsprozesse gezielt auf einen hohen Standard zu bringen.

Wie lange dürfte dieser Prozess dauern? Sehen Sie schon erste Erfolge?

Loosli: Erste Anfangserfolge liegen vor. Es dürfte aber mindestens 12 bis 18 Monate dauern, bis sich die Neuausrichtung und die noch zu tätigenden Investitionen in einer deutlich verbesserten Profitabilität zeigen. Dies wird auch zu einer starken Verbesserung des Ergebnisses in der gesamten Gruppe führen.

Während sich im Segment System Parts die Erholung mit einer Verdoppelung des Auftragseingangs und einer mit 5,9% über dem Vorjahr liegenden Ebit-Marge manifestiert, kommen die Bereiche Automation und Pressen weniger schnell voran.

Loosli: Diese beiden Geschäfte sind klassische Spätzykliker. Ihre Performance hängt eng mit der Investitionsneigung der Kunden zusammen. Nehmen wir die Automation: Aufgrund der generell spätzyklischen Natur des Anlagengeschäftes lag der Erstsemesterumsatz gut 30% unter dem Vorjahr. Aber auch hier gilt: Unsere Bemühungen um Kosteneinsparungen bewirkten, dass trotz geringerer Auslastung der Ebit um 52,5% verbessert wurde.

Wann sehen Sie in diesem Segment Morgenröte?

Loosli: Bereits jetzt: Der Auftragseingang hat sich in den letzten Wochen deutlich verbessert. Die Offertsituation ist in jeder Beziehung ermutigend. Viele unserer Stammkunden realisieren nun verschobene Projekte. Zugute kommt uns, dass auf Anbieterseite eine Konsolidierung stattgefunden hat. Jene, die übrig geblieben sind - wie die zu Feintool gehörenden Firmen IMA und Afag - verfügen nun über eine gute Ausgangsposition, weil unsere Beständigkeit und Lieferzuverlässigkeit in solchen Zeiten zu einem Asset wird.

Und der Zeitraum für eine Erholung?

Loosli: Ermutigend ist, dass die spätzyklischen Segmente Fineblanking Technology und Automation seit Beginn des 2. Halbjahres mehrere Grossaufträge gewonnen haben. Zusammen mit dem bereits gut laufenden Geschäft im Segment System Parts für Serienteile ergibt sich eine gute Ausgangslage für unser im Oktober beginnendes Geschäftsjahr 2010/2011. Mittelfristig werden auch die Bemühungen der Automobilindustrie zur Reduktion des CO?-Ausstosses dazu führen, dass neue Montageanlagen, Pressen sowie Teile und Komponenten benötigt werden.

Feintool hängt noch immer zu fast 80% von der Automobilindustrie ab. Sollten Sie dieses Klumpenrisiko nicht verringern?

Loosli: Der Begriff Klumpenrisiko trifft meines Erachtens nicht zu. Wir sind global breit diversifiziert und haben keine übermässige Abhängigkeit von einer einzelnen Marke. Die Mobilität der Menschheit wird nicht zu stoppen sein - vor allem in aufstrebenden Ländern, wo sich auch eine neue Oberschicht bildet, welche die entsprechende Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Autos kräftig ankurbelt. Der Markt wird weiter wachsen.

Das trifft nicht nur auf Asien zu, wo Feintool sich ausbreiten will, sondern auch auf den Mittleren Osten. Wird es dort auch eine geografische Expansion geben?

Loosli: Wir wollen uns nicht verzetteln und fokussieren uns auf die vier weltweit grössten Automobilmärkte, in denen auch die Entwicklung neuer, zukünftiger Automobile angesiedelt ist.

Finanziell könnte Feintool aktiv werden, nachdem mit den Banken ein Rahmenkredit von 120 Mio Fr. ausgehandelt wurde.

Loosli: Wir wollen diesen Kreditrahmen nur so weit wie absolut nötig nutzen. Akquisitionen sind zurzeit kein Thema. Wir wollen zuerst unsere vorgesehenen Ziele erreichen: Das US-Geschäft in Schuss bringen, mit innovativen Produkten den Marktanteil ausbauen und den Standort in China erfolgreich aufbauen.

Mit dem Aktienkurs sind Sie zufrieden?

Loosli: Sicher ist es für unsere Aktionäre ein gutes Zeichen, wenn sich die Aktie besser als der Markt entwickelt. Letztlich widerspiegelt sich darin auch das Vertrauen der Investoren, welche an die Zukunft von Feintool glauben.

Kürzlich sind mit Werner Lang und Arthur Locher zwei Geschäftsleitungsmitglieder in den Ruhestand getreten.

Loosli: Die beiden Pensionierungen erfolgen planungsgemäss. Der Leiter Plastic/Metal Components wird nicht ersetzt, da das Segment aufgelöst wird. Es wird auch keinen neuen Chief Technology Officer geben, da Forschung und Entwicklung sowie Innovation zukünftig direkt in den Geschäftsfeldern bearbeitet werden.