Seit Wochen tendieren die Aktienmärkte seitwärts. Die Verunsicherung über die zukünftige Entwicklung an den Börsen widerspiegelt sich in zum Teil hohen Tagesschwankungen, die von steilen Kursanstiegen und Gewinnmitnahmen geprägt sind.

«Die traditionelle Strategie von ‹Kaufen und Halten› gilt zurzeit nicht», ist Heiko H. Thieme überzeugt. Laut dem in New York tätigen Portefeuillemanager und Börsenexperten ist der Anlagehorizont momentan kürzer und fordert ein schnelleres Handeln im Kaufen und Verkaufen. «Dies ist nichts für nervöse Investoren», so Thieme.

Höhenflug bis Ende Jahr

Nach der Hausse an den Weltmärkten, die unter der Führung der Wall Street im März eingesetzt hat obwohl die Weltwirtschaft nach wie vor in einer der schwersten Krisen der Geschichte steckt kommt für Thieme eine Korrektur um gut 10% nicht überraschend. So erwartet er im 3. Quartal eine Seitwärtsbewegung, bevor es gegen Ende des Jahres wieder aufwärtsgeht. «Die Börsen werden am Jahresende über den heutigen Kursniveaus stehen, auch wenn die Firmengewinne noch in der Talsohle verharren», prophezeit Thieme.

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Auch Fleur Platow, Finanzpublizistin und Autorin von Marktkommentaren, erwartet bis Ende Jahr beträchtliche Höhenflüge der weltweiten Börsenindizes gegenüber dem heutigen Niveau. Begründet wird dies mit hohen Kassenbeständen bei Institutionellen und Privaten, die derzeit praktisch keine Rendite bringen. Bevor der Aufwärtstrend einsetze, wolle der Markt aber Fakten sehen. Und diese würden wenig erfreulich ausfallen. «Die Aktienkurse dürften auch vor dem Hintergrund des Reigens an Firmenergebnissen für das 2. Quartal kurzfristig weiter nach Süden tendieren», sagt Platow.

Schweiz hinkt hinterher

Zurückhaltender ist Michael Keppler, der sich auf keine kurzfristige Marktprognose einlässt. Der renommierte Asset-Manager und Berater von Investmentfonds aus den Häusern State Street, Dexia oder Trinkaus erwartet zwar mittel- bis längerfristig deutlich überdurchschnittliche Erträge an den internationalen Aktienmärkten, eine vernünftige Prognose für das 2. Halbjahr 2009 lasse sich daraus nicht ableiten. «Aktienengagements haben nur einen langfristigen Investitionscharakter», so Keppler.

Derzeit setzt er auf Large Caps sowohl aus Industrieländern als auch aus Emerging Markets, die deutliche Bewertungsabschläge zu den Benchmarks aufweisen. Nicht auf seinem Radar steht dabei die Schweiz. «Mit einem Minus von 2,5% im 1. Halbjahr, in Euro gerechnet, wies die Schweiz den niedrigsten Gesamtertrag unter den Industrieländerbörsen auf», erklärt Keppler. Das grösste Potenzial sieht der Börsenexperte allerdings nicht im alten Kontinent, sondern vielmehr im Nahen Osten: «Auf der Basis des gegenwärtigen Bewertungsniveaus halten wir bei den Emerging Markets unter anderem Ägypten für einen der aussichtsreichsten Märkte.»

Bis auf Aktienebene lassen sich Platow und Thieme in die Karten schauen. Für die Finanzexpertin stellt die Commerzbank das Top-Investment dar, vorausgesetzt der Einstieg erfolgt bei deutlich tieferen Kursen. Thieme dagegen setzt auf die Sektoren Technologie, Finanzen und Pharma und hält Firmen wie Cisco, Pfizer oder Lufthansa für kaufenswert.