Der Anschlag in Boston scheint die Kurse an der Wall Street nicht allzu negativ zu beeinflussen. Könnte sich das ändern, wenn etwas über die Täter bekannt wird?
Jens Korte: Betroffen sind wir in New York natürlich. Ich war am 11. September 2001 an der Wall Street. Da kommen Erinnerungen hoch. Broker sagten mir, dass sie bisher von einer Einzeltat ausgehen und nicht von einer Terrorwelle. Deshalb reagierten die Kurse an der New Yorker Börse nicht stark auf die Explosionen.

Auf dem Alten Kontinent ist Italien nach Zypern das zweite Thema. Das Land hat noch immer keine Regierung. Beunruhigt Sie das und Ihre Kollegen in den USA?
Natürlich ist Italien enorm wichtig. Nach der Wahl hat auch die New Yorker Börse negativ reagiert. Für die Vereinigten Staaten ist Europa der wichtigste Export-Absatzmarkt und Italien darin eine der grössten Volkswirtschaften. Dazu kommt: Wenn die Euro-Krise sich zuspitzt, fällt der Euro und der Dollar steigt. Und das wollen die Amerikaner nicht.

Ab welchem Zeitpunkt wird es ohne Regierung kritisch?
Auf eine gewisse Art ist Italien politisch schon immer mehr oder weniger disfunktional gewesen. Der so ziemlich einzige Staatschef, der es seit Mussolini geschafft hat, sich über längere Zeit zu halten, ist Silvio Berlusconi. Wobei ich die beiden natürlich nicht vergleichen will. Aber dass sich eine feste Regierung über längere Zeit hält, ist in Italien total unüblich. Deshalb habe ich wenig Hoffnung auf eine wahnsinnig stabile Situation.

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Dennoch nochmals ein Blick nach Zypern: Hat das Land das Schlimmste hinter sich, oder fangen die Probleme dort gerade erst an?
Zypern ist von der Grösse her unbedeutend, genau wie Griechenland auf eine gewisse Weise unbedeutend ist. Das Problematische bei Zypern ist die Frage, ob die Lage dort die allgemeine Vertrauenskrise verstärkt. Und wenn Investoren das Gefühl haben, dass ihre Einlagen auf einmal nur noch halb so viel wert sind, könnte das zu Kapitalabfluss aus der gesamten Euro-Zone führen. Was mit dem Land selber passiert, ist nicht so entscheidend.

Sind Sie zufrieden mit dem europäischen Krisenmanagement in Bezug auf Zypern?
(Überlegt lange) Nicht wirklich. Da werden an einem Wochenende Beschlüsse gefasst, dann merkt man, das war vielleicht doch nicht so eine gute Idee, und dreht wieder zurück. Ich glaube grundsätzlich daran, dass der Euro funktionieren kann. Ich glaube auch, dass die Chancen, dass der Euro weiter besteht, relativ hoch sind. Aber was ihn gefährdet, ist Populismus auf allen Seiten. Und ich habe das Gefühl, dass sich die EZB teilweise von populistischen Forderungen treiben lässt - und das halte ich für einen Fehler.

Bietet Südeuropa zurzeit auch Chancen zum Investieren?
Ich bin kein Investmentbanker. Aber nehmen Sie Spanien zum Beispiel. Da passiert in Katalonien im Infomatik-Bereich einiges. In Norditalien gibt es einen guten Mittelstand, gute Industrieunternehmen, die Auto-  und die Mode-Industrie. Das Problem diese Länder ist nicht, das sie nichts zu bieten hätten.

Sondern?
Das Problem ist, dass die strukturellen Unterschiede innerhalb dieser Länder enorm hoch sind. Süditalien hat überspitzt gesagt nichts zu bieten ausser Tourismus, Norditalien geht es recht gut. In Spanien ist Katalonien wirtschaftlich recht stark, in der Mitte des Landes hat man es nicht geschafft, in die moderne Wirtschaftswelt überzutreten.

Was kann diese Staaten wieder stärken?
Diese Südstaaten dürfen nicht immer nur sagen, das ist die böse deutsche Kanzlerin, die uns alles vorschreibt, und das ist die blöde EZB. Sie müssen die eigenen Hausaufgaben machen und ihre strukturellen Probleme angehen. Aber da kommt wieder der Populismus ins Spiel.

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Auch die USA haben ein Schulden- und Haushaltsproblem – und die Politik schiebt es immer weiter vor sich her. Wie sind da die Perspektiven?
Das Absurde ist, dass die Kernprobleme – das sind die Sozialwerke - Pensionssystem, und Medicare and Medicaid, das staatliche Gesundheitssystem – noch nicht mal richtig angefasst werden. Es geht um ganz andere Haushalte. Dass es in Washington eine Einigung gibt, kann man glaube ich vergessen. Dafür sind Demokraten und Republikaner zu zerstritten. Wo allerdings etwas passiert, ist die bundesstaatliche Ebene. Erste Staaten sind dabei, ihre Haushalte zu konsolidieren.

Und genügt das?
Einen Teil des Problems wird das lösen. Die grossen Brocken im Haushalt sind Social Securtiy und Medicare and Medicaid, da fliessen die Billionen. Und da kann man durchaus von bundesstaatlicher Ebene ran. Das ist erstmal schmerzhaft, zum Beispiel bei Pensionskürzungen. In einem 200’000-Einwohner-Ort in Kalifornien war zum Beispiel ein Mann acht Monate lang Polizeichef und bekam dafür dann eine Lebensrente von 200'000 Dollar im Jahr. Das ist natürlich für kein Sozialsystem heute tragbar. Und da kann man ansetzen.

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Wer tut da was?
Rhode Island ist zwar ein kleiner Staat, aber zurzeit das Musterbeispiel. Das setzt einen politischen Willen und Mut voraus. Interessant ist, dass die Gouvernerin von Rhode Island, obwohl sie diese unpopulären Massnahmen ergriffen hat, eine der beliebtesten Politikerinnen in den USA ist.

Müssen wir befürchten, dass das wirkliche Ausmass der Krise erst deutlich wird, wenn die Notenbanken aufhören, die Märkte mit Geld zu fluten?
Es geht dabei auch um Psychologie. Ich wage zu bezweifeln, dass die Massnahmen der Notenbanken zu grossen realwirtschaftlichen Erfolgen führen. In den USA etwa hat die Notenbank zwei Aufgaben: den Arbeitsmarkt zu stimulieren und für Wirtschaftswachstum zu sorgen. Doch die amerikanische Wirtschaft wächst kaum und die Arbeitslosenquote steht mit fast 8 Prozent auf sehr hohem Niveau.

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... während die Aktienmärkte steigen.
Wenn die US-Notenbank Geld in den Markt pumpt, gehen die Aktienkurse nach oben. Aber der Otto Normalerverbraucher hat in den letzten drei Jahren keine Aktien gekauft. Das heisst, dieser Boom ist an ihm vorbeigegangen. Und es wird die grosse Herausforderung sein, diese Programm zurückzudrehen.

Wie hätten sie als Notenbankchef gehandelt?
Ich hätte vor drei Jahren einfach mal probiert, die Zinsen leicht anzuheben. Aber man hat es gemacht wie beim Junkie: Immer, wenn er ein bisschen anfängt zu zittern, bekommt er den nächsten Schuss. Und das hat sehr starke Abhängigkeiten geschaffen.

Was passiert, wenn die Notenbank nun ihre Programme zurückfahren?
Genau weiss das niemand. Denn dass die Notenbank nicht nur die Zinsen auf Null senkt, sondern auch noch Hypotheken- und Staatspapiere kauft, hat es in dem Ausmass noch nie gegeben.

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Die Aktienmärkte sind zurzeit also überbewertet?
Nicht unbedingt. Wenn man sich die Unternehmensbewertungen anguckt, ist das nicht vergleichbar mit dem, was wir etwa während der Dotcom-Welle hatten. Ich halte diese Rallye für sehr künstlich erzeugt und würde jetzt keine Aktien kaufen, ausser in bestimmten Sektoren vielleicht, wo man an den Erfolg glaubt. Wir werden mit Sicherheit auch Korrekturen sehen. Aber wenn weitere Schocks ausbleiben, wird es keinen Einbruch wie bei der Finanzkrise 2008 geben.

Gibt es US-Sektoren, die man im Auge haben sollte?
Robotics wird gerade relative gross gefahren. Dagegen würde ich nicht in den Energiesektor investieren. Der boomt zwar in den USA, aber es wird wahnsinnig viel Öl und Gas gefördert, so dass die Preise fallen. Das ist für die Unternehmen schwer verträglich mit den Margen.

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Wo stehen Dow Jones und SMI Ende des Jahres.
Ich vermute, dass wir schwächer stehen als heute. Die beiden grossen Fragen sind: Werden die Schwellenländer ihre Wachstumsraten halten können? Da bin ich skeptisch. Und: Was glaubt der Markt,  wann wird die US-Notenbank und die Zentralbanken weltweit anfangen, den Kurs zu ändern.

Was glauben Sie, wann das sein wird?
Korte: Sie werden ihn nicht bis Jahresende ändern. Aber an der Börse wird ja gehandelt, was man erwartet. Und wenn sich im Jahresverlauf die Überzeugung durchsetzen sollte, das man vielleichT doch vor 2015 einige Programme auslaufen lässt und zurückfährt, wird das eine stark negative Wirkung auf den Aktienmarkt haben.

Wie ist Ihre Prognose für den Finanzplatz Schweiz?
Ich denke, dass er wieder sehr stabil werden wird. Aus verschiendenen Gründen, unter anderem weil die Schweiz ein sicheres Land mit einer starken Währung ist.

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Und zu guter Letzt: Gold stürzte in den vergangenen Tagen deutlich ab. Ist der Boom vorbei, oder geht es bald wieder aufwärts?
Das sind schon gewaltige Abschläge. Ich finde beunruhigend, dass mir niemand eine richtig gute Erklärung liefern kann. Da gibt es Meldungen über schwächere Konjunkturdaten in China oder über grössere Trades einzelner Broker, oder dass Zypern Gold verkauft. Das reicht mir aber nicht, um diesen Absturz zu erklären. Persönlich bin ich kein riesiger Goldfan. Aber wo der Boden gefunden ist, kann ich natürlich auch nicht sagen.