«Die Wechselkurse sind aus dem Ruder gelaufen. Viele Währungen sind extrem überbewertet, andere massiv unterbewertet», sagt Klaus Wellershoff, Chefökonom der UBS. Wer jedoch in Aktien oder Anleihen investiert, mag die Wellershoff-Aussage mit Schulterzucken quittieren – was allerdings ein Fehler wäre. Wechselkursschwankungen wirken sich nämlich auf das gesamte Anlagespektrum aus.

«Wenn sich die Wechselkurse schnell genug bewegen, können die Veränderungen schwerwiegende Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum, die Inflation sowie die Geld- und Fiskalpolitik haben. Wenn dies geschieht, geraten die Grundlagen für die Preise von Kapitalanlagen ins Wanken»,warnt Wellershoff. Geht es nach ihm, dann stehen solche Anpassungen unmittelbar bevor. Eventuell sogar dramatische.

Aber wann ist ein Wechselkurs «fair», wann ist eine Währung über- oder unterbewertet? Die Wissenschaft vermag dies nicht abschliessend zu klären. Es gibt jedoch Methoden, die annäherungsweise und auf längere Sicht «faire» Wechselkurse berechnen lassen. Besonders populär wie auch belächelt ist hier der Big-Mac-Index, den das Wirtschaftsmagazin «The Economist» seit 1966 veröffentlicht. Der Big Mac ist ein homogenes Produkt und sollte weltweit gleich viel kosten. Tut er aber nicht, was auf sogenannte Bewertungslücken zwischen den Währungen hinweist. In den USA kostet ein Big Mac derzeit 3.50 Dollar, in der Schweiz umgerechnet 5.20 Dollar – was ein Indiz für eine Überbewertung des Schweizer Frankens ist. Das andere Extrem ist China. Hier kostet das Sandwich 1.40 Dollar, was auf eine krasse Unterbewertung der chinesischen Währung Renminbi hindeutet.

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Solche Fehlbewertungen ergeben sich durch die künstliche Bindung von Währungen an den Dollar und durch die starke Nachfrage nach Währungen rohstoffexportierender Länder. Auch die Carry Trades (Yen, Franken) spielen eine wichtige Rolle. Aber die Koppelung bestimmter Währungen an den Dollar ist das grössere Problem. Der Wechselkurs ist fixiert. Nicht nur in China. Auch beim Hongkong- und dem Singapur-Dollar sowie bei den Währungen der Golfstaaten Bahrain, Katar, Saudi-Arabien und der Vereinigte Arabischen Emirate. Die Anbindung begann vor über zehn Jahren nach der Asien-Krise. Damals wurden viele Währungen abgewertet, um die Wirtschaft ins Gleichgewicht und auf den Wachstumspfad zurückzubringen. Effekt: Die Welt setzte zu einem beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung an, der immer mehr von Schwellenländern getragen wurde. Weil gleichzeitig Inflation kein Problem war und die Einkommen stiegen, schien es sinnvoll, an den Koppelungen wenig oder gar nichts zu ändern.

Inflation steigt weltweit an

Allerdings wird die Inflation jetzt zu einem Problem. Vor allem der billige Renminbi, der den Überschuss chinesischer Arbeitsstunden ermöglichte und so zum Segen der Exportwirtschaft wurde, macht jetzt gleichzeitig den Import von Öl und anderen Rohstoffen noch teurer, als sie es in Dollar gerechnet ohnehin schon sind. Ein Bumerang, der für Inflation sorgt. In China steht die Geldentwertung mit 8,7 % auf dem höchsten Stand seit elf Jahren. Laut Welternährungsorganisation FAO haben sich die Lebensmittelpreise im Durchschnitt weltweit um 40% erhöht. Die Gefahr von Unruhen in China, aber auch anderen Schwellenländern wie Indonesien wächst.

«Die Länder müssen ihre Währungspolitik ändern, um der Inflation Herr zu werden», sagt Wellershoff. Eine allmähliche Annäherung der Wechselkurse Richtung Kaufkraft wäre gut verkraftbar. Was aber, wenn die Anpassung nicht langsam und reibungslos verläuft? Dann wäre ein Szenario denkbar, in dem sich Wechselkurse abrupt und drastisch ändern, etwa weil Staaten die Dollaranbindung komplett aufgeben, um die Stabilität in der Heimat zu wahren. «Das dürfte die Weltwirtschaft stark beeinträchtigen und das Wachstum ausbremsen», warnt Wellershoff.

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Gleichzeitig müssen die USA den Dollarverfall stoppen. Zwar hilft der schwache Dollar der US-Exportwirtschaft auf die Beine, allerdings könnte ein weiter fallender Greenback ausländische Anleger dazu bringen, kein Geld mehr in US-Staatspapiere zu investieren – Geld, das die Amerikaner unbedingt benötigen, um ihr Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren. «Dann wären die US-Haushalte gezwungen, die Ersparnisse selbst aufzubringen, was die Konsumkrise verstärken würde», befürchtet Jan Poser, Chefvolkswirt der Schweizer Bank Sarasin.

Die Risikoprämien dürften im Szenario zwei steigen. Im Klartext heisst das: Sowohl Anleihen als auch Aktien wären derzeit zu teuer. Der bisherige Kursrutsch könnte also noch nicht der letzte gewesen sein.