Die neue Ethos-Studie birgt Zündstoff. 2015 ist der Gesamtbetrag der ausbezahlten Vergütungen für die Verwaltungsräte und Geschäftsleitungsmitglieder der 204 Firmen im SPI um 2 Prozent gestiegen. Erstmals wurde die Marke von 2 Milliarden Franken übersprungen – aufgeteilt auf die 2411 Personen in den entsprechenden Positionen.

Zwei Jahre nach der Umsetzung der Minder-Initiative ist das wichtigste Ziel vieler Befürworter damit noch nicht erreicht. Die Topmanagerlöhne sind weiter sehr hoch. Fortschritte seien aber dennoch zu beobachten, sagt Ethos-Präsident Dominique Biedermann bei der Vorstellung der Studie. «Die Verwaltungsräte spüren den zunehmenden Druck und die Transparenz hat sich merklich verbessert.»

«Die Schweiz ist das einzige Land der Welt, in dem die Aktionäre über genaue Summen abstimmen», lobt Biedermann. Dennoch hat Ethos weitere Erwartungen bezüglich Corporate Governance. In diesen fünf Punkten gibt es Verbesserungsbedarf:

1. Stimmzwang für Schweizer Anlagefonds

Die Präsenzquote an den Generalversammlungen der 100 grössten Unternehmen hat sich seit 2008 kontinuierlich erhöht. Sie stieg in dieser Zeit von 50 auf 66 Prozent des Kapitals. Für Ethos ist das aber immer noch nicht ausreichend. Es sei an der Zeit, über einen Stimmzwang für Schweizer Anlagefonds nachzudenken, sagt Biedermann.

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«Ein Grossteil des Aktionariats stammt aus dem Ausland.» Da sei es sehr wichtig, dass sich Schweizer Anleger beteiligen, auch weil Investoren aus den USA und Grossbritannien bei den Vergütungen meist grosszügiger seien als ihre Schweizer Kollegen. Würden alle Schweizer Aktionäre abstimmen, könnte die Beteiligung um weitere 5 bis 10 Prozent gesteigert werden, erwartet Ethos.

2. Veröffentlichung der genauen Ergebnisse

Ethos plädiert für die Veröffentlichung der genauen Abstimmungsergebnisse innerhalb von 48 Stunden nach der Generalversammlung. Für die Anlagestiftung macht es einen grossen Unterschied, ob ein Antrag 80 oder 95 Prozent Zustimmung erhält. Mehr als 20 Prozent Gegenstimmen seien ein klares Zeichen an den Verwaltungsrat, so Biedermann.

Nur 72 Prozent der 204 Unternehmen liefern heute genaue Ergebnisse. Swatch, Richemont und Emmi gehören zu denjenigen börsenkotierten Firmen, die keine exakten Zahlen herausrücken. Für Ethos ist das ein unhaltbarer Zustand.

3. Erleichterte Aktionärsanträge

Ein wichtiges Zeichen in Richtung mehr Aktionärsdemokratie wäre gemäss Ethos die Erleichterung von Aktionärsanträgen. Dazu sollten die Firmen freiwillig eine Schwelle von höchstens 0,25 Prozent des Aktienkapitals für die Einreichung eines Aktionärsantrags in den Statuten festschreiben, verlangt Ethos.

Heute seien die Bestimmungen von Firma zu Firma unterschiedlich. Oft benötige man Aktien im Wert von 1 Million Franken, um einen Antrag stellen zu dürfen. Eine tiefere Schwelle würde die Aktionärsdemokratie in diesen Firmen stärken, ist man bei Ethos überzeugt.

4. Transparentere Vergütungspläne

Heute ist es sehr schwierig, die Vergütungspakete der einzelnen Firmen zu vergleichen. Während etwa die Grossbanken UBS und Credit Suisse retrospektive Abstimmungen über die effektive Vergütung abhalten, legt Novartis an der Generalversammlung eine maximale Vergütung für das folgende Jahr fest.

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Andere Firmen, wie etwa Nestlé, lassen ebenfalls über künftige Vergütungen abstimmen, gehen dabei aber von einem Aktienzielwert aus. Nestlé bewerte den Aktienanteil an der Vergütung dabei um bis zu 20 Prozent tiefer als Novartis, sagt Ethos. Gerecht und vergleichbar wäre deshalb eine Abstimmung über den maximalen Wert der Beteiligungspläne in allen wichtigen Unternehmen, sagt die Anlagestiftung.

5. Verbesserung der Vergütungsstruktur

Bei der Minder-Initiative ging es in erster Linie um die Begrenzung der sogenannten «Abzockerlöhne». Um dies zu erreichen, schlägt Ethos einige Verbesserungen vor. So sollen Verwaltungsräte keine variablen Vergütungen mehr erhalten. Heute ist das noch in 20 Prozent der börsenkotierten Unternehmen der Fall.

Beim Topmanagement sollen die variablen Vergütungen gegenüber dem Basissalär begrenzt sein. Ethos verlangt hier eine Obergrenze von höchstens 300 Prozent des Grundsalärs. In 16 SPI-Firmen liegt diese Grenze höher – und 43 Prozent der Unternehmen haben überhaupt keine Grenze festgelegt.

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Verändert werden müsse auch die Messung der Performance. Diese sollte im Vergleich zu direkten Konkurrenten derselben Branche betrachtet werden. Heute ist dies nur in 18 Prozent der Firmen der Fall. Abzuschaffen seien zudem reine Retention-Pläne, bei denen ein Chef unabhängig von seiner Performance ein Aktienpaket erhält, wenn er eine festgelegte Zeit im Unternehmen bleibt.