Derzeit dominieren die Zentralbanken die Finanzmärkte. Wie kann ein langfristiger Investor darauf reagieren?
Bruno Gisler*: Die Anleger sollten möglichst wenig in Nominalwerte wie Anleihen investieren und stattdessen auf Realwerte wie Ak­tien setzen. Im gegenwärtigen Umfeld haben qualitativ hochstehende Obliga­tionen ein sehr schlechtes Verhältnis zwischen Risiko und Ertrag. Vielfach zahlen die Anleger heute einen Zins anstatt umgekehrt. Angesichts der ex­pansiven Geldpolitik einzelner Noten­banken besteht auch die Gefahr, dass die Währungen destabilisiert werden.

An welche Akteure denken Sie?
Die Strategien der Zentralbanken gehen immer mehr auseinander. Die Schwei­zerische Nationalbank (SNB) hat sich jüngst entschlossen, den Markt wieder spielen zu lassen. Auch die US­-Noten­bank Fed scheint zaghaft diesen Weg zu gehen und plant wohl, die Zinsen 2015 zu erhöhen. Auf der anderen Seite ist die Bank of Japan sehr aggressiv und pumpt umgerechnet 720 Milliarden Dollar pro Jahr in den Finanzmarkt. Das ist ein gewaltiger Betrag, der den Yen weiter abschwächen wird. Und nun folgt auch noch die Europäische Zentralbank mit einer Lockerung ihrer Geldpolitik.

Die Aufgabe der Währungsuntergrenze durch die SNB hat die Investoren an der Schweizer Börse viel Geld gekostet.
Die Korrektur war eine normale Reak­tion des Marktes, weil die Gewinnschät­zungen für die Schweizer Unternehmungen um rund 15 Prozent reduziert wurden. Schliesslich profitierten diese in den vergangenen Jahren auch von der Euro-­Anbindung. Ohnehin fliesst die zusätzliche Liquidität der Zentralbanken kaum in die reale Wirtschaft, sondern unterstützt hauptsächlich den Boom an den Finanzmärkten.

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Der Schritt der SNB hat manchen Anleger auf dem falschen Fuss erwischt.
Der Markt hat wie erwartet reagiert. Es ist zu einem Schock gekommen, der erst verarbeitet werden muss. Ich bin überzeugt, dass die Firmen die nötigen Anpassungen vornehmen können, um zukünftig erfolgreich zu sein. Zwar lei­den Unternehmen wie Swatch unter der Frankenstärke. Oft geht aber vergessen, dass sie nun ihre Rohmaterialien viel günstiger im Ausland einkaufen können.

Die Aussichten für die Schweizer Börse sind somit nicht nur trüb.
Es wird sicherlich Verlierer geben, ins­besondere jene Firmen in der Zuliefer­industrie, die nur im Inland produzie­ren und ins Ausland exportieren. Liest man die Analysen, dann herrscht grosse Uneinigkeit, wer nun wie stark betroffen ist. Für die grossen internationalen Kon­zerne sind die Aussichten sicherlich am besten. Zu erwarten ist auch, dass es zu einer Verlagerung der Produktionsstätten ins Ausland kommen wird.

Werden die Märkte immer politischer?
Ohne Zweifel. Vordergründig geht es bei den Interventionen der Zentralban­ken darum, den Volkswirtschaften zu Wachstum zu verhelfen. Wirklich geht es aber darum, den stark verschuldeten Staaten unter die Arme zu greifen. Japan muss schon heute 25 Prozent seines Staatshaushaltes für Zinszahlungen auf­wenden. Bereits eine leichte Zinssteige­rung würde den japanischen Staats­haushalt noch mehr aus den Angeln heben. Wäre Japan eine Firma, hätte das Land längst Konkurs anmelden müssen.

Für die Investoren bleibt Japan wegen der expansiven Geldpolitik aber interessant.
Solange die expansive Geldpolitik an­hält – und es gibt Anzeichen, dass sie noch ausgeweitet wird –, wird der Yen weiter an Wert verlieren. Davon profitieren die japanischen Exportfirmen.

Derzeit befinden wir uns in der Saison der Geschäftsabschlüsse. Was erwarten Sie von den Unternehmensresultaten 2014?
Hierzulande und in Europa dürften die Firmen die Erwartungen erfüllen. In den USA sind trotz dem starken Dollar positive Überraschungen möglich.

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Lohnt es sich heute noch, im Hinblick auf die Geschäftsabschlüsse 2014, unter anderem in der Schweiz zu investieren?
Die Korrektur auf den SNB-­Entscheid war ein guter Zeitpunkt für einen Ein­stieg hierzulande. Wir haben ein Reba­lancing der Schweiz­-Allokation empfoh­len. Denn nach wie vor sind wir von der Attraktivität der Aktienmärkte über­zeugt. Die Umsätze und Gewinne der Firmen werden 2015 nicht mehr so hoch ausfallen wie im Vorjahr. Jedoch sind die neuen Rahmenbedingungen nach der Korrektur in den Kursen eingerechnet.

Werden die Schweizer Firmen angesichts der schwierigeren Zukunft ihre Dividendenpraxis ändern?
Nein. Die Dividende basiert auf dem Ge­schäftsjahr 2014, eine Anpassung würde wohl 2015 erfolgen. In der Regel sind die Firmen an einer kontinuierlichen Ausschüttung interessiert. Um die Divi­dende zu halten, könnte da und dort die Ausschüttungsquote erhöht werden. Die Dividende ist zudem ein wichtiger Fak­tor für die Attraktivität der Börsen. Die durchschnittliche Dividendenrendite des SMI beträgt rund 3,5 Prozent.

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Auf längere Sicht, wie beurteilen Sie die regionale Entwicklung an den Märkten?
Die Aussichten an den Aktienmärkten sind intakt. Der Schweizer Markt steht auf einer neuen Basis, Europa dürfte von der Intervention der EZB profitieren. Am US-­Markt kommt man nicht vorbei. Was die Schwellenländer betrifft, so in­vestieren wir nur in Asien. Die Länder­, Sektoren­ und Titelauswahl überlassen wir aber ausgewiesenen Spezialisten.

Noch kommt Europa nicht auf Touren.
Wir sehen in diesem Markt ein höheres Potenzial als in den USA, wobei wir Amerika nicht missen möchten. Doch Europa ist billiger und mit einem Quan­titative Easing der EZB dürfte der Druck auf den Euro nochmals zunehmen. Davon könnte Deutschland als wichtige und schon heute gesunde Wirtschaft profitieren und für einen Aufschwung in der Region sorgen.

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Wie sollen sich die Anleger positionieren?
Wir bevorzugen Aktien gegenüber Obli­gationen. Wer Anleihen sucht, investiere in das Kreditrisiko oder Hochzinsanlei­hen aus Schwellenländern in Hartwäh­rungen. 2015 dürfte ruppig sein. Daher lohnt es sich, liquide zu bleiben, um Kor­rekturen für einen Einstieg zu nutzen.

*Bruno Gisler ist Chefökonom und Partner beim Vermögensverwalter Aquila.

 

 

 

 

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