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Umbruch
Paradigmenwechsel: Die Zinswende steht bevor

Die Zinsen sind auf Weltrekord­-Tief gesunken. Doch die USA bereiten die Trendwende vor. Anleger müssen sich schon bald an ein geändertes Zinsumfeld anpassen.

Von Pascal Meisser
am 04.02.2015

Wie ein Papier­flieger geben sie sich den Gesetzen der Schwerkraft hin und segeln langsam, aber stetig nach unten. Von Zeit zu Zeit trägt sie ein frischer Luftzug leicht nach oben, um danach nur um so zuverlässiger wieder abwärts zu taumeln. Die sinkenden Zinsen beherrschen seit Jahren die Finanzmärkte – und das nicht etwa erst seit Ausbruch der Finanzkrise.

Mittlerweile sind 23 Jahre vergangen, seitdem die Rendite der zehn­jährigen Schweizer Bundesobligation – der Massstab für Kapitalmarktzinsen – ihr letztes Hoch gesehen hat. Damals lag die Rendite bei fast 7 Prozent. Das ist heute kaum mehr vorstellbar. Solche Renditen erzielt man heute höchstens noch mit griechischen Staatsanleihen.

Weltrekord bei Negativzinsen

Nach der Aufhebung des Euro­-Mindest­kurses durch die Schweizerische National­bank tauchte die Rendite der zehnjährigen Bundesobligation gar unter die Nulllinie, das bedeutet Weltrekord bei Negativzinsen. Sämtliche Anleihenrenditen bis zu einer Laufzeit von 15 Jahren liegen nun im nega­tiven Bereich. So etwas hat die Welt noch nicht gesehen. Ist damit der Tiefpunkt end­gültig erreicht?

Angesichts der anhaltenden Frankenstärke und des neuesten Anleihen­kauf­-Programms, mit dem die Europäische Zentralbank (EZB) ihrer expansiven Geldpolitik nochmals Schub verleiht, ist das keineswegs sicher. Immerhin deuten einige Zeichen darauf hin, dass die Zinswende in den kommen­den Monaten bevorstehen könnte. Wenn in den Vereinigten Staaten die kurzfristigen Zinsen dieses Jahr angehoben werden, wirkt sich das auch auf die langfristigen Zinsen aus. Tritt eine solche Entwicklung ein, wird sie auch nicht ganz spurlos an der Schweiz vorbeigehen.

Die Fed reduziert

Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was kommen könnte, gaben die Ereignisse vom Juni 2012. Der damalige Chef der US­-Notenbank Fed, Ben Bernanke, wollte das Feld für eine allfällige Zinserhöhung vorbereiten. Er gab das Tapering bekannt – eine Reduktion des damals 85 Milliarden schweren monatlichen Rückkaufprogramms für Anleihen. Seine Ankündigung führte zu grösseren Verwerfungen an den Finanz­märkten, die Umsetzung der Reduktion wurde um einige Monate verschoben.

Eine kleine – und gleichzeitig unbedeu­tende – Episode, wenn man den Zinsverlauf der vergangenen 25 Jahre anschaut. Seit 1992 sinken die Renditen für zehnjährige Bundesobligationen – zuletzt mit stark zunehmender Kadenz. Wer in dieser Zeit den richtigen Riecher hatte und im grossen Stil auf Obligationen setzte, konnte richtig gutes Geld gewinnen. Nicht mit den Coupons, die bei jeder Erneuerungsrunde kleiner wurden, sondern mit den Kurs­gewinnen. Immer wieder sorgten kleine Renditehüpfer für Zwischenerholungen, bevor die Zinsen noch tiefer rutschten.

Paradigmenwechsel steht an

Doch nun stehen die Anleger erstmals seit langem wieder an einem Punkt, an dem ein Paradigmenwechsel beim Investieren bevorsteht. Als erste Notenbank weltweit will die Federal Reserve – und im Gleich­schritt auch die Bank of England – ihr Zinsniveau allmählich von der Nulllinie entfernen und Schritt für Schritt wieder auf ein ansprechendes Niveau anheben.

In den USA gehen die Marktbeobachter bei den Leitzinsen von einem Zielwert in der Region von 3,5 Prozent aus. Angesichts des erwarteten gemächlichen Tempos dürfte dieser Wert erst in zwei Jahren erreicht werden. Der Konsens erwartet bis Ende dieses Jahres in den USA einen Leit­zins von 0,75 Prozent, bis Ende 2016 dürfte dieser auf gegen 2 Prozent klettern.

Die Zinswende steht bevor

Die Zinswende steht damit bevor – stellt aber aufgrund des erwarteten Erhöhungs­tempos keine wirkliche Gefahr für Anleger dar. Die langfristigen Zinsen werden – wie ein Vergleich mit den letzten drei Leitzins­erhöhungszyklen in den Jahren 1994, 1999 und 2004 zeigt – zwar ansteigen. Aber die im Vergleich zur Euro-­Zone und zur Schweiz hohen Renditen lang laufender US­-ame­rikanischer Staatsanleihen bieten einen Schutz gegen die drohenden Kursverluste.

Das sieht auch Stephan Kuhnke so, der bei der deutsch­schweizerischen Bant­leon Bank das Portfoliomanagement leitet. «Für die nächsten Quartale ist mit einem moderaten Zinsanstieg bei US­-Treasuries zu rechnen, der auch auf die Euro­-Zone ausstrahlen wird. Bereits zum Ende des Jahres könnte sich der Trend im Einklang mit einer nachlassenden Wachstumsdyna­mik wieder umkehren, was einen Rendite­rückgang nach sich ziehen sollte.»

Leitzinsen bleiben tief

Dieser Entwicklung werden sich auch die Staatsobligationen der Schweiz und der Länder in der Euro-­Zone kaum entziehen können – Zinserhöhung in den USA hin oder her. Denn vorläufig ist weder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) noch bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) eine Abkehr von der Niedrigzinsphase denkbar. EZB­-Chef Mario Draghi hält den Leitzins bei 0,05 Prozent, während die SNB den Strafzins jüngst sogar auf 0,75 Prozent erhöht hat.

Dieses Szenario wird noch für eine län­gere Zeit Bestand halten. «Weder die EZB noch die SNB wird bis Ende 2016 die Zinsen erhöhen», sagt Kuhnke. Der Grund für diese Prognose liegt auf der Hand: Europa erfüllt derzeit kaum eine Voraussetzung, die einen Zinsschritt nach oben mit sich bringen würde. Der Wirtschaft fehlt das Wachstum, das Inflationsziel der Euro-Zone von 2 Pro­zent liegt in weiter Ferne, die angestrebte Preisstabilität ist noch nicht erreicht.

«EZB wird zur Zinswende gezwungen»

Trotz Ausstieg aus der Euro-­Bindung des Frankens bleibt die Schweizerische Natio­nalbank im Sog der EZB. Um den Zustrom in den Franken zu begrenzen, setzt sie nun auf Negativzinsen. Dennoch müssen sich auch Anleger und Investoren hierzulande mit dem Gedanken beschäftigen, wie sie ihr Portfolio dereinst an ein sich änderndes Zinsumfeld anpas­sen können. Denn wie lange Europa und die Schweiz mit Zinserhöhungen abwarten können, hängt in erster Linie vom Zins­tempo der amerikanischen Notenbank ab.

«Wenn die Differenz zwischen den Leitzinsen in den USA und Europa auf 3 Prozent steigt, wird die EZB praktisch zur Zins­wende gezwungen», sagt Thomas Stucki. Der frühere SNB-Banker und heutige Anlagechef der St. Galler Kantonalbank sieht sonst erhebliche Abflüsse von Geldern aus Europa und der Schweiz in die USA.

Das, so Stucki, würde die Schuldenproble­matik in der Euro-­Zone weiter verschärfen. Noch bleibt eine Schonfrist, bevor das Schreckgespenst Zinsen die Finanzmärkte bewegt. Es lohnt sich aber, frühzeitig die eigenen Anlagen zu überprüfen und das Depot an neue Realitäten anzupassen. So sind Anleger für den Fall gewappnet, dass die Notenbanken sie mit einem ver­frühten Zinsschritt auf dem falschen Fuss erwischen.

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